> > > Rachmaninoff, Sergei: Der geizige Ritter op. 24
Samstag, 15. August 2020

Rachmaninoff, Sergei - Der geizige Ritter op. 24

Ein russischer Cardillac


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine interessante, zur Finanzkrise passende Charakterstudie: Das Label Chandos legt eine gute Einspielung von Rachmaninows bislang wenig beachtetem Einakter 'Der geizige Ritter' vor.

Es scheint, als sei Sergej Rachmaninow populär wie eh und je, als habe sein Werk eine Popularisierung, wie sie 1976 Eric Carmen vornahm, der das 'Adagio‘ des zweiten Klavierkonzerts zum Pop-Song ‚All By Myself’ trivialisierte, im Grunde gar nicht nötig. Gleichwohl schweigt sich zumal die westliche Musikwissenschaft weiterhin über ihn aus: zu sentimental, zu larmoyant sei die Musik des vielbegabten Russen (der nicht nur als Komponist, sondern auch als Pianist und Dirigent reüssierte) – zumindest für eine am Diktum vom Fortschritt des Materials orientierte Forschung ähnlich belanglos wie, sagen wir: Ravel oder Saint-Saëns. Auch auf der Opernbühne ist Rachmaninow ein unbeschriebenes Blatt. Seine drei Einakter fanden keinen Eingang ins Repertoire: ‘Aleko’, ‘Francesca da Rimini’ und die hier im Blickpunkt stehende Oper ‘Der geizige Ritter’, die Rachmaninow 1904 vollendete und die 1906, zusammen mit ‘Francesca da Rimini’, im Bolschoi-Theater uraufgeführt wurde.

Das Label Chandos legt nun eine Einspielung mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Gianandrea Noseda vor, die sich hören lassen kann. Rachmaninows einstündige Oper ist zwar nicht frei von Trivialitäten, überzeugt aber mit einer eigenwilligen Dramaturgie und einer an Tschaikowsky geschulten, psychologisch differenzierenden Musik, die expressive Schärfen nicht scheut. Das warm getönte, zupackend agierende Orchester entfaltet die narrative Qualität der Musik, besonders in der Ouvertüre, die an pseudo-semantischer Plastizität einer sinfonischen Dichtung nahekommt.

Vorlage ist Puschkins ‚kleine Komödie’, die der Komponist kürzte (gesungen wird im russischen Original; das Libretto ist im gut ausgestatteten Booklet abgedruckt). Ein Monodrama: Die Nebenfiguren kreisen um die Titelfigur wie Trabanten, und diese selbst kreist um den Fixstern Geld. Der Ritter bildet das Zentrum der Handlung, die Nebenfiguren dienen nur seiner Charakterisierung. So auch in der gesamten ersten Szene: Albert, ein Turnierritter in Lumpen, klagt sein Leid über den Vater. Misha Didyks dramatischer Tenor macht sich in der Höhe gut. Peter Bronder (Tenor), dessen Figur des jüdischen Geldwechslers das Libretto antisemitisch zeichnet, fehlt indes das Fundament und ist überdies zu leise abgemischt.

In einer zeitgenössischen Kritik ist die Rede von ‚der subtilen Präzision des musikalischen Vortrags, der mit dem Text verschmilzt.’ Dieser Befund kann auch für die Interpretation des titelgebenden Ritters geltend gemacht werden. Ildar Abdrazakov (Bass) liefert zumal in der zweiten Szene ein eindringliches Porträt. Sein Monolog steht inhaltlich wie formal im Zentrum der Handlung. In ihm betet der Ritter den Fetisch Gold an. In Zeiten der Finanzkrise entfaltet Rachmaninow Einakter auf dieser Ebene eine ganz eigene Aktualität. Trotz oder gerade wegen ihres kammermusikalischen Charakters (nur fünf Rollen sind vorgeschrieben) spricht auch für kleinere Häuser nichts dagegen, dieses kurze, um eine durchaus unsympathische Titelfigur kreisende Werk zur Aufführung zu bringen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Rachmaninoff, Sergei: Der geizige Ritter op. 24

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
1
25.09.2009
Medium:
EAN:

CD
095115154427


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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