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Montag, 17. Juni 2019

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 6 A - Dur

Nüchtern und behäbig


Label/Verlag: Pentatone Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Marek Janowski gebärdet sich in Bruckners Sechster Sinfonie als Orchesterpädagoge. Das Orchestre de la Suisse Romande wirkt nur unterdurchschnittlich inspiriert.

Armer Bruckner. Verkannt und umstritten zu Lebzeiten, verspottet bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein. Gustav Mahlers häufig zitiertes Aperçu ‚Bruckner, ein einfältiger Mensch – halb Genie, halb Trottel‘ brandmarkt ihn noch heute. Von wohlmeinenden Freunden ließ er sich immer wieder zu Umarbeitungen seiner Sinfonien bewegen. Der Grund: Die Erstaufführungen seiner Werke endeten in der Regel im Desaster. Pfiffe, Buhrufe, sturzartige Publikumsfluchten, eisiges Schweigen – all dies verunsicherte Bruckner zutiefst. Dass sich hier ein erbitterter ideologischer Kampf zwischen Brahmsianern und Brucknerianern abspielte, bekam er nur am Rande mit. Stattdessen zweifelte er an sich selbst und seinen Kompositionen. Er kürzte sie, glättete sie, begradigte sie. Von beinahe jeder Sinfonie existieren mehrere Fassungen.

Eine Ausnahme: Bruckners Sechste Sinfonie. Ziemlich genau zwei Jahre lang (1879-81) hielt sie ihn in Atem, bis er sie in der Schublade verstaute. Nur der zweite und dritte Satz wurde zu Bruckners Lebzeiten öffentlich gespielt. Die ungeheure Dichte und Konzentriertheit der Sechsten, die kühnen, avantgardistischen Harmoniefortschreitungen heben dieses Werk von der flächigen Monumentalität seiner anderen Sinfonien ab. Die Sechste ist schwierig zu interpretieren; vielleicht ist sie sogar die schwerste. 1991 gelang Sergiu Celibidache mit den Münchner Philharmonikern eine wunderbar atmosphärische Referenzeinspielung (EMI). Seither kamen ein paar gute, viele mittelmäßige und einige schlechte Aufnahmen auf den Markt. Auch Marek Janowski und das Orchestre de la Suisse Romande haben sich an der Sechsten versucht – im Rahmen ihres Bruckner-Zyklus‘ für das holländische Label Pentatone.

Die Herangehensweise des gebürtigen Polen an die Sechste mutet denkbar einfach an. Janowski setzt auf ein eisernes Bassfundament und einen kraftvollen Diskant als Gegenpol. Innerhalb dieses festen Rahmens entdeckt er mitunter interessante Mittelstimmendetails. Janowski ist ein Orchestererzieher; das offenbart sich in jedem Takt, in jeder Phrase. Janowski wählt ‚didaktische‘ Tempi, er setzt auf Langsamkeit, fordert maximale Klarheit. Das Problem dabei: Das Orchestre de la Suisse Romande ist noch lange nicht dort, wo Janowski es gerne haben möchte. Die Schwächen des Orchesters sind vielfältig.

Die Horngruppe ringt mit Intonationsproblemen. Die Streicher ziehen wenig wandlungsfähig durchs Werk – ein 'molto espressivo' beispielsweise lässt sich häufig kaum von einem lyrisch fließenden 'cantabile' unterscheiden. Zäsuren und Einsätze werden vom Orchester überdeutlich hervorgehoben, dynamische Extreme reizen die Musiker nicht einmal annähernd aus. Kleinere Missverständnisse im Zusammenspiel der Orchestergruppen treten hier deutlich zu Tage. Nicht immer scheinen die Musiker mit Janowskis langsamen Tempovorgaben einverstanden zu sein. Die Geigen lassen gleich zu Beginn des ersten Satzes einige unnötige rhythmische Wackler zu – ganz so, als würden sie dadurch gegen die verordnete Behäbigkeit aufbegehren. Recht hätten sie. Denn durch diese Behäbigkeit geht der Tempokontrast verloren, den Bruckner zwischen Hauptthema und 'deutlich langsamerem' zweitem Themenkomplex fordert.

Übrigens: Zehn Jahre zuvor hatte Janowski Bruckners Sechste schon einmal aufgenommen – damals mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France (Le Chant du Monde, 1999). Und höre da – Janowski lässt beschwingtere, flexiblere Tempi zu. Es agieren wärmere, herzlichere Streicher. Und es herrscht packende Dramatik. Auch wenn in jener Live-Aufnahme einiges daneben geht – man möchte es dort eher verzeihen als bei der sehr viel nüchterneren Pentatone-Aufnahme.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Felix Stephan,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton: Sinfonie Nr. 6 A - Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Pentatone Classics
1
25.09.2009
EAN:

827949035463


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Pentatone Classics

PentaTone wurde im Jahr 2001 von drei ehemaligen Leitenden Angestellten der Philips Classics zusammen mit Polyhymnia International (dem ehemaligen Philips Classics-Aufnahmezentrum) ins Leben gerufen.
Die Gründer von PentaTone sind überzeugt, dass der 5-Kanal Surround-Sound allmählich den heute noch gängigen Stereo-Sound ersetzen wird, vor allem weil er die Hörerfahrung immens bereichert. Die Einführung der Super Audio-CD (SA-CD) durch Sony und Philips hat es dem Hörer ermöglicht, sich den Konzertsaal direkt ins eigene Wohnzimmer zu holen. Die SA-CD hat im Vergleich zur CD eine weitaus höhere Speicherkapazität und sie kann 5-Kanal-Informationen in hoher Auflösung aufnehmen. Deshalb bietet die SA-CD einen hochwertigen Surround Sound.
Alle PentaTone-Aufnahmen erscheinen auf sog. hybriden SA-CDs, die zwei miteinander verbundene Schichten haben. Die erste enthält das normale CD-Signal, während auf der zweiten das Surround-Sound-Signal abliegt. Diese hybriden Tonträger können mit Stereo-Effekt auf jedem normalen CD-Spieler abgespielt werden. Um den Surround Sound-Effekt zu erzielen, benötigt man einen SA-CD-Spieler.
PentaTone baut seit einigen Jahren mit den hervorragenden Aufnahmen von Polyhymnia International einen neuen Klassikkatalog auf, der die berühmtesten Werke der Musikgeschichte enthält, interpretiert von absoluten Weltklasseinterpreten. So wurden Symphonie-Zyklen von Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch und Schumann begonnen. Ein Brahms-Zyklus mit Marek Janowski am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestra ist bereits erschienen. Sämtliche Werke für Violine und Orchester von Mozart wurden mit Julia Fischer aufgenommen, dem "Gramophone Artist of the Year 2007". In seiner kurzen Geschichte hat PentaTone bereits zahlreiche renommierte Preise gewonnen, darunter einen Grammy, einen Gramophone Award, einen Preis der deutschen Schallplattenkritik, zwei Echos, zwei Diapason d'Ors de l'année und einen CHOC de l'année.
Neben den Neuaufnahmen veröffentlicht PentaTone auch historische Surround Sound-Aufnahmen auf SA-CD. Dafür hat PentaTone sämtliche, zwischen 1970 und 1980 von Philips Classics im Quadrophonie-Verfahren entstandenen Aufnahmen für die Herausgabe auf SA-CD lizenziert. Auf diesen Einspielungen sind die legendären Philips Classics-Künstler jener Epoche zu hören. Mit dem heutigen SA-CD-System kommen diese spektakulären und hochwertigen 4-Kanal-Aufnahmen so zur Geltung, wie man es ursprünglich geplant hatte. Die Serie trägt den Titel "RQR" (Remastered Quadrophonic Recordings).


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