> > > Mendelssohn Bartholdy, Felix: Klaviertrios Nr. 1 & 2
Donnerstag, 27. April 2017

Mendelssohn Bartholdy, Felix - Klaviertrios Nr. 1 & 2

Ruhelos


Label/Verlag: ARS Produktion
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Vor allem die klangliche Balance zwischen den Instrumenten und die klangliche Modellierung des Einzteltons machen die Attraktivität dieser Mendelssohn-Aufnahme aus.

Lange Zeit konnte man Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrios unter den Neuerscheinungen auf dem Tonträgermarkt fast an einer Hand abzählen. Anlässlich des Komponisten-Jubiläums in diesem Jahr aber wurden die beiden Klaviertrios von Mendelssohn von verschiedenen Ensembles aufgenommen – für den Kammermusikfreund Grund zur Freude. Denn neben Interpretationen auf modernen Instrumenten wird Mendelssohn immer stärker auch von der Fraktion historisch informierter Musiker entdeckt, nachdem er über mehrere Jahre unter den Komponisten des 19. Jahrhunderts merkwürdigerweise ausgespart blieb, im Gegensatz zu Schubert, Schumann, Brahms, Wagner (nur bei Chopin ist der Fall ähnlich gelagert).

Bei dem Label Ars Produktion widmet sich das Ensemble Alte Musik Köln besagten Klaviertrios. Als Klavierpartner wurde ein Spezialist für Hammerflügel hinzugezogen: Tobias Koch, der erst kürzlich eine faszinierende Soloplatte mit Werken für Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy vorgelegt hat. Er weiß also, wie man das historische Tasteninstrument optimal zum Klingen bringt. Ebenso versiert sind die beiden Streicher, Christine Rox (Violine) und Klaus-Dieter Brandt (Cello), beide langjährige Mitglieder in hochkarätigen Alte-Musik-Ensembles.

Im Booklet wird erfreulicherweise auf die verwendeten Instrumente näher eingegangen. Man erfährt über die Eigenheiten der Darmbesaitung und die Möglichkeit, Töne mit dem Bogen feiner modellieren zu können (als mit den heute üblichen Saiten), ohne auf das aufdringliche Dauervibrato angewiesen zu sein. Das alles ist durchaus richtig. Das Klangideal aber ist viel stärker eine bewusste stilistisch-ästhetische Entscheidung der Interpreten, und nicht unmittelbare Folge der Verwendung historischer Instrumente. Welches Klangideal wird hier gepflegt, welcher interpretatorische Zugang zu Mendelssohn gesucht?

Man spürt in beinahe jeder Phrase die intensive Beschäftigung mit Alter Musik, besonders bei den Streichern. Ein Musizierideal, das von der historisch informierten Aufführungspraxis auf die Musik des späten 18. Jahrhunderts angewendet wird, findet sich auch hier: kurze Phrasen, die sich vor allem an der Bogensetzung des Partiturbilds orientieren, weniger am melodischen Zusammenhang. Wenn also im Eingangs-Allegro des d-Moll-Trios op. 49, einem Vierertakt, zwei Viertel zusammengebunden sind, dann werden sie als Zweiergruppe modelliert; der übergreifende Bogen ergibt sich erst aus der Zusammensetzung solch kleiner Parzellen. Solches Musizieren hat etwas Unstetes zur Folge, den Eindruck von fiebriger Ruhelosigkeit. Vor allem auch, weil sich die Streicher darum bemühen, den Einzelton in sich zu beleben: wechselnde Bogengeschwindigkeit und dynamische Schattierung kleiner Einheiten sorgen für pausenlose Geschäftigkeit und Farbvaleurwechsel. Und genau das ist es, was diese Aufnahme einerseits so anregend macht – auf der anderen Seite aber auch etwas einseitig wirken lässt.

Kommt hinzu, dass Christine Rox und Klaus-Dieter Brandt ihre Stimmen wenig verschmelzen lassen, um die Eigenfarbe, den spezifischen Klangcharakter von Violine und Cello trennscharf hörbar werden zu lassen. Gerade in den kontrapunktischen Passagen der Ecksätze wird damit die polyphone Reichhaltigkeit des Satzes offenbar. Doch gerade Seitenthemen und die langsamen Sätze könnten ein wenig mehr Homogenität vertragen.

Tobias Koch erweist sich als hervorragender Tastenkünstler, der mit seinem Kisting-Flügel (1835) ein endlich einmal ebenbürtiger, nicht überlegener (wie bei modernen Konzertflügeln meist der Fall) Klangpartner ist. Um die Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts zu reflektieren, könnte Koch durchaus ein wenig öfter arpeggieren; doch passt das virtuos-quicklebendige Spiel ohne übertriebene‚romantische’ Nuancierungen sehr gut zum interpretatorischen Zugang der beiden Streicher, denen ein klanglich eher ruppiger und musikalisch zupackender Charakter eignet.

Interessant ist diese Zusammenstellung nicht nur wegen der klanglichen Attraktivität, sondern auch wegen der Programmzusammenstellung. Neben den beiden ‚offiziellen’ Klaviertrios in d-Moll und c-Moll findet sich hier ein ‚Trio für Pianoforte, Violine und Viola’, bei dem der Bratschenpart von Mathias Feger übernommen wird, die für Cello und Klavier angelegte 'Romancesans paroles dédiée à Mlle. Lise Christiani op. 109 und ein ‚Albumblatt für Julius Rietz’ (1843) für Cello und Klavier.

Glücklicherweise rückt die Tontechnik den Hörer sehr nah an die Instrumente heran, um die klangfarblichen Nuancen der Streicher ebenso gut hörbar zu machen wie die faszinierenden Klangeigenschaften des Hammerklaviers. Auf diese Weise teilt sich die zum Teil widerborstig-raue Klanggestaltung der Streicher mit, genauso aber auch die die fahle Farbe oder die klangsatte Kantilene – wenn sie einmal über längere Strecken hinweg ohne tonlich Rastlosigkeit sich verbreiten kann. Die Qualität dieser Aufnahme, Mendelssohn aus der betulichen Hausmusiktradition zu befreien und die schonungslose Expressivität dieser tollen Trios durch unstete, fiebrige Geschäftigkeit der Tonproduktion auszustellen, ist also gleichzeitig etwas, das, hört man den Musiker eine Weile zu, problematisch wird, weil es ein wenig zu sehr in eine Richtung geht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mendelssohn Bartholdy, Felix: Klaviertrios Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
ARS Produktion
1
01.09.2009
EAN:

4260052380598


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Mendelssohn Bartholdy, Felix
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 1 d - Moll op. 49 - Molto allegro agitato
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 1 d - Moll op. 49 - Andante con moto tranquillo
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 1 d - Moll op. 49 - Scherzo - Leggiero e vivace
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 1 d - Moll op. 49 - Finale - Allegro assai appassionato
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 2 c - Moll op. 66 - Allegro energico e con fuoco
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 2 c - Moll op. 66 - Andante espressivo
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 2 c - Moll op. 66 - Scherzo - Molto allegro quasi presto
 - Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello Nr. 2 c - Moll op. 66 - Finale - Allegro appassionato
 - Trio für Pianoforte, Violine und Viola c - Moll o. O - Allegro
 - Trio für Pianoforte, Violine und Viola c - Moll o. O - Scherzo
 - Trio für Pianoforte, Violine und Viola c - Moll o. O - Adagio
 - Trio für Pianoforte, Violine und Viola c - Moll o. O - Allegro
 - Lied ohne Worte für Violoncello und Pianoforte - Romance sans paroles dédiée a Mlle. Lise Christiani op. 109
 - Albumblatt für Julius Rietz - Assai tranquillo


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ARS Produktion

Das exquisite Klassiklabel ARS Produktion wurde 1987 von Annette Schumacher mit dem Ziel gegründet, jungen, aufstrebenden Künstlern und interessanten Programmen gleichermaßen eine individuelle musikalische Heimat und entsprechende Marktchancen, u.a. durch internationalen Vertrieb und Vermarktung zu geben. Die bei Paul Meisen ausgebildete Konzertflötistin hat sich damit nach langer aktiver Musikerlaufbahn einen geschäftlichen Traum erfüllt.
Für die hervorragende Aufnahmequalität der zahlreichen ARS Produktionen ist Manfred Schumacher, Tonmeister und Aufnahmeleiter, verantwortlich.
Spezifisch für das Label und die Haltung seiner Macher/in: stets wird u.a. den klanglichen Erfordernissen der jeweiligen Werke, Musikepochen und Instrumente in größtmöglicher Weise Rechnung getragen sowie im Übrigen die neueste, beste Technik eingesetzt.
Annette und Manfred Schumacher sind ?Überzeugungstäter?. Zwei Individualisten, die Kunst, Kommerz und Können geschickt vereinbaren.
?Die SACD - Super Audio CD kombiniert die Präzision der digitalen Reproduktion mit der Wärme des analogen Klanges. Das hat uns überzeugt.?


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