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Mittwoch, 20. September 2017

Frohlocke nun! - Berliner Weihnachtsmusik zwischen Barock und Romantik

Strahlender Jubel zum Weihnachtsfest


Label/Verlag: Carus
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Jirka trifft in den Aufnahmen genau den richtigen Feierton, der eine gelungene Mischung aus gravitätischem und majestätischem Klang sowie virtuos-kunstvoller Darbietung ist.

Die Kirchenmusik in Preußen wurde von großen Namen geprägt. Kaum ein Werk dieser Komponisten hat sich im weihnachtlichen Standardrepertoire etablieren können, da die Kirchenmusikpflege am preußischen Hof eher ein Schattendasein neben der Oper fristete. Einzig Mendelssohns ‘Vom Himmel hoch da komm ich her’ hat einen festen Platz. Dabei sind die Werke von C. P. E. Bach, Carl Heinrich Graun, Johann Friedrich Agricola, Carl Friedrich Zelter, Johann Friedrich Reichardt und Carl Loewe nicht weniger hörenswert als eben die von Mendelssohn oder von Bach Vater. Ganz konsequent hat deshalb Kai-Uwe Jirka eine Auswahl an festlichen Weihnachtsmusiken von den genannten Berliner Komponisten ausgewählt, die den meisten Hörern unbekannt sein dürften: Es handelt sich ausschließlich um Weltersteinspielungen. Einzig die Auszüge aus Mendelssohns ‘Christus’ sind keine Neuentdeckungen. Obwohl das Programm also einen weiten Bogen von Barock bis Romantik spannt, ist es einheitlich und geschlossen, denn der Kirchenstil wandelte sich deutlich langsamer als die den Moden stärker unterworfene weltliche Musik. Ferner kam es durch Mendelssohn zu einer Renaissance des kontrapunktischen Satzes, so dass die Musik durchweg feierlich, prachtvoll und kompositorisch hervorragend gearbeitet ist.

Für diese Einspielung dirigiert Kai-Uwe Jirka seinen Staats- und Domchor Berlin und die Lautten Compagney Berlin. Die Gesangssolisten sind Dennis Chmelensky, Niklas Scheuer (beide Knabensopran), Olivia Vermeulen (Alt), Alexander Loidl (Knabenalt), Jan Kobow, Sören Wieser und Patrick Vogel ( alle Tenor) sowie Matthias Vieweg (Bariton).

Jirka trifft in den Aufnahmen genau den richtigen Feierton, der eine gelungene Mischung aus gravitätischem und majestätischem Klang sowie virtuos-kunstvoller Darbietung ist. So sind seine Tempi flüssig, ohne zu eilen. Er achtet dabei darauf, dass die Gesangsparts nie gehetzt klingen. Bei den großen Chören hätte er das Orchester etwas zurücknehmen können, denn die Knaben scheinen im Überschwang des Jubels etwas über ihre Kräfte zu singen und ihre Stimmen zu forcieren. So kommt es zu dem typisch deutschen, etwas zu lauten, zu ‚herausgesungenem’ Chorklang, der von Alt und Sopran dominiert wird. Ansonsten ist die Intonation des Chores sehr schön sauber, die Diktion klar und die Linien werden zusammen abphrasiert.

Der Orchesterklang fällt durch den großen Abwechslungsreichtum des aufgebotenen Instrumentariums auf. So wird das Basso continuo neben Cembalo und Orgel auch von zwei Lauten gestaltet, die dem Klangspektrum zusätzliche Tiefe verleihen. Die Blechbläser mit Hörnern, Trompeten und Posaunen sind ebenfalls sehr gut bestückt, die Streicher spielen mit klarem, hellem, schlankem Ton.

Interessant ist Reichardts Werk ’Holdseliger, gebenedeiter Knabe’, bei dem die beiden Flöten mit Lauten und tiefen Streichern eine so volkstümliche Stimmung treffen, dass man sich wundert, dass solche alpenländische Musik in Berlin gespielt worden sein soll. Matthias Kiesling und Brian Berryman lassen ihre Flöten in sanften Terzen schwelgen, wozu Dennis Chmelensky mit herrlich warmem, für einen Knabensopran erstaunlich rundem Klang singt. Überhaupt ist Chmelensky einer der Gründe, wieso diese CD absolut hörenswert ist. Er hat eine so lupenreine, strahlende Stimme, die sogar ein leichtes Vibrato aufweist, wie man es sonst nie zu hören bekommt. Er wirkt immer souverän und kontrolliert, so dass er ganz selbstverständlich neben den erwachsenen Solisten bestehen kann. Rein instrumental ist das Stück ‘Advent’ aus Carl Loewes Oratorium ‘Die Festzeiten’. Hier lässt Jirka seine Hörer in einem weichen, dunklen Streicherklang baden, dessen hohe Dichte selbst beim Einsatz vereinzelter Holzbläser nicht an Intensität verliert.

Nicht ganz intonationssicher ist das kurze Rezitativ ‘Es waren Hirten beisammen auf dem Felde’, ebenfalls aus Loewes Oratorium. Die Anfangstöne sind recht wackelig, doch kann sich der Sänger im Laufe seines Solos zügig abstimmen. Leider gehört sein Beitrag dennoch nicht zu den gelungenen Auftritten dieser CD. Er scheint etwas überfordert mit dem technisch anspruchsvollen Part zu sein. Dafür funkelt Niklas Scheuers Stimme im darauf folgenden ‘Vom Himmel hoch’ um so mehr, und das Brausen von Orchester und Chor sind von unbändiger Kraft.

Jirka hat hier, so lässt sich abschließend zusammenfassen, eine überaus gelungene Programmauswahl getroffen mit wunderbarer, über die Maßen festlicher Weihnachtsmusik, welche sehr viel mehr Beachtung verdient, als sie es bisher bekommen hat. Chor und Orchester singen und spielen mit Energie sowie Sorgsamkeit, und das Solistenensemble ist von guter Qualität, wobei besonders Chmelensky aus der Gruppe hervortritt.

Die CD bietet sich gut als Geschenk zum Advent oder zur Weihnachtszeit an, besonders für Leute, die gerne auf musikalische Entdeckungsreise gehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Frohlocke nun!: Berliner Weihnachtsmusik zwischen Barock und Romantik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Carus
1
01.09.2009
70:40
2009
EAN:
BestellNr.:

4009350834422
8344200


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"Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wurde auch in Berlin das Weihnachtsfest musikalisch aufwendig begangen. Welche Weihnachtsmusiken dabei im Mittelpunkt standen verrät ein Blick in das 2001 aus Kiew zurückgekehrte, nach dem zweiten Weltkrieg lange verloren geglaubte Archiv der Sing-Akademie zu Berlin. Dieser unschätzbaren Quelle zur Berliner Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts entstammen die Kantaten von Carl Philipp Emanuel Bach, Carl Heinrich Graun und Johann Friedrich Agricola, die hier in Weltersteinspielung veröffentlicht werden. Die übrigen Titel zeichnen die kirchenmusikalischen Tendenzen in dieser Zeit nach: Von Reichardts betont im Volksliedton gehaltene ländliche Idylle bis hin zu Zelters Rückwendung zur Tradition Palestrinas. Diese Aufnahme mit dem Staats- und Domchor Berlin bringt nicht nur wenig bekannte musikalische Schätze wieder ins Bewusstsein, sondern lässt auch die Entwicklung der Kirchenmusik zwischen Barock und Romantik im Berliner Musikleben lebendig werden."


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Carus

Der Name Carus steht weltweit als ein Synonym für höchsten Anspruch und Qualität auf dem Gebiet geistlicher Chormusik. Dies betrifft nicht nur unsere zuverlässigen Noteneditionen vieler zu Unrecht in Vergessenheit geratener Werke. Es ist uns ein besonderes Anliegen, gerade diese Werke - oft als Weltersteinspielungen - auch in exemplarischen Interpretationen durch hochrangige Interpreten und Ensembles auf CD vorzulegen. Der weltweite Erfolg unseres Labels führte zur Erweiterung unseres Katalogs: Neben der Chormusik, die weiterhin den Schwerpunkt des Labels bildet, haben gerade in den letzten Jahren einige Aufnahmen barocker Instrumentalwerke internationale Beachtung gefunden. Unsere Zusammenarbeit mit erstklassigen Interpreten führte zu einer hohen Klangkultur, die mit der Verleihung vieler internationaler Preise honoriert wurde (Diapason d'Or, Preis der Deutschen Schallplattenkritik, Gramophone - Editor's choice).


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