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Samstag, 29. Januar 2022

Bach, Johann Sebastian - Motets

Interessante farbliche Kontraste


Label/Verlag: Arts music
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die umsichtig singenden Chorsolisten tragen den kunstvollen harmonischen Schichtungen viel besser Rechnung als der Tuttiklang.

Dem Bachliebhaber gefällt der Gedanke, der vergötterte Meisterkomponist habe stets Herzblut und Stirnschweiß in seine Werke fließen lassen. Aus Bachs geistlichen Kompositionen spricht dann, so könnte man meinen, der tiefgläubige Protestant zu uns, der Glauben und Zweifel in seinem Schaffen sublimierte. Wenn dies so war, so ging es jedoch im grauen kirchenmusikalischen Alltag des J.S. Bach verloren.
Wir wissen, dass Bach sich zeitlebens nach der höfischen Musik sehnte, wo Musizieren Ruhm versprach und man ihm die Arbeit dankte. Anders als bei der ungeliebten Kantoratsstelle in St. Thomas zu Leipzig, wo unfähige Sänger, karge Entlohnung und sauertöpfische Vorgesetzte im städtischen Rat das Musizieren zäh und das Komponieren verdrießlich machten. Vielleicht war Bach auch selbst schuld. Er hätte ja mediokren Musikanten und unverständigen Bürokraten nicht stets so diffizile Sätze zumuten müssen. Man muß annehmen, daß sich der Komponist die Finger geleckt hätte nach den zahlreichen ausgezeichneten Ensembles, die sich heutzutage seines riesigen geistlichen Vokalrepertoires annehmen. Die sechs Motetten, die von Bach überliefert sind, sind dabei immer noch das vokalistische Hochreck für jedes Barockensemble, bieten sie doch alles, das sich zum Scheitern und Brillieren gleichermaßen eignet.

Auf ihre Weise beschreiten Diego Fasolis und sein Schweizer Radio Chor mit ihrer Einspielung der Motetten einen Weg der Mitte: sie vermeiden das Scheitern und scheuen das Brillieren. Zwar setzt sich der 23-köpfige Chor aus hörbar schönen Einzelstimmen zusammen, die in Vokalklang und Stimmfärbung bestens harmonieren. Auch versteckt sich der Chorklang nicht, wie oft zu beklagen ist, hinter einem übermächtigen Sopran. Dennoch bleibt die Stimmführung bei Tuttibesetzung häufig undurchsichtig. Fasolis nämlich opfert dem gemeinsamen Schönklang die Möglichkeit, die dichte Polyphonie durch markante Zeichensetzung auszulichten. Wo eine Koloratur die nächste jagt (man höre die Schlußfuge von Singet dem Herrn), dort wählt Fasolis keine jagenden Tempi. Die zahlreichen allegorisch-textausdeutenden Figuren - so der Bass, der ‘Tobe, Welt, und springe’ schnaubt in Jesu Meine Freude; so die gesungenen Fermaten, die ‘Ewigkeit’ in Lobet den Herrn, alle Heiden vertonen - sie alle werden zuverlässig gestaltet. Doch subtilere zwischenstimmliche, harmonische Kontraste gehen zu häufig im Gesamtklang unter. Soll das etwa die Errungenschaft der DVD-kompatiblen Aufnahmetechnik sein, die das Booklet stolz ankündigt?
Nun bringt eine Einspielung von Bachs Motetten auch manch aufführungspraktisches Problem mit sich. Eine maßgebliche oder gar 'historisch richtige' Besetzung ist natürlich nicht bekannt, zumal die Besetzungen, die die Motetten in Leipzig uraufführten, wohl eher Kompromisse des Machbaren als Bachs Wunschzusammensetzungen darstellten. Auch ist unklar, ob eine durchgehende instrumentale Verdoppelung der Gesangsstimmen, wie sie für 'Der Geist hilft unser Schwachheit auf' überliefert ist, für alle Motetten intendiert war. Moderne Interpreten wählten daher verschiedene Besetzungsmöglichkeiten; dass eine große Besetzung dabei nicht auf Kosten der Durchsichtigkeit gehen muß, bewies einmal eindrucksvoll John Eliot Gardiners Monteverdi Choir. Fasolis jedoch pokert nicht zu hoch und läßt die feingliedrigen Passagen solistisch singen. Das sorgt für interessante farbliche Kontraste innerhalb der einzelnen Motetten, denn die umsichtig singenden Chorsolisten tragen den kunstvollen harmonischen Schichtungen viel besser Rechnung als der Tuttiklang. Doch mutet das Spiel mit den alternierenden Besetzungen, zumal in Jesu Meine Freude, recht willkürlich an. Was die Instrumentierung angeht, so ist das Ensemble I Barocchisti auch dort, wo es colla parte spielt, so dezent in den Hintergrund gemischt, dass passagenweise nur noch der Continuobass zu hören ist. Ist die Einspielung auch gelungen, so setzt sie keine Maßstäbe; so geben sich die Schweizer Radiochoristen wo zuverlässig solide enttäuschend profillos.

Dass Bachs Musik allein jedoch über die Interpreten hinaus weit trägt, bewiesen die von ihrem Kantor vielgeschmähten Thomaner Jahre nach seinem Tod. Mozart, 1789 zu Besuch in Leipzigs Thomaskirche, wurde Zeuge einer Aufführung der Motette Singet dem Herrn. Das aufmüpfige Genie, so will es die Anekdote, rief nach dem Schlussakkord aus: 'Endlich etwas, woraus sich noch was lernen läßt!' Ob Bach sich aus der Seele schrieb oder schnöde Auftragsarbeit leistete, interessierte Mozart nicht. Den Bachliebhaber mag das versöhnen.

Interpretation:
Klangqualität:
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    Bach, Johann Sebastian: Motets

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Veröffentlichung:
Arts music
1
26.01.2005
64:46
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
0600554757322
47573-2

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