> > > Bruckner, Anton Gesamtausgabe: Briefe 1852-1886
Samstag, 20. Juli 2019

Bruckner, Anton Gesamtausgabe - Briefe 1852-1886

Interessantes Panorama


Label/Verlag: Musikwissenschaftlicher Verlag
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Briefe Bruckners sind für all die interessant, die sich mit der Musik des österreichischen Komponisten beschäftigen und mancher Spur genauer nachgehen wollen. Die Ausgabe der Briefe zwischen 1852 und 1886 liefert hier bestens aufgearbeitetes Material.

Briefe sind – oder waren – nicht nur ein Mittel des Informationsaustausches über längere Distanzen und Zeiten hinweg. In ihrer Summe zeichnen sie zugleich ein stets interessantes, Verständnis förderndes Bild einer Person. Das gilt umso mehr dann, wenn im Mittelpunkt einer wissenschaftlichen Sammlung ein Künstler steht, dessen musikalisches Werk einigermaßen erratisch in seiner zeitgenössischen Umgebung stand. Insofern ist die jetzt im Musikwissenschaftlichen Verlag Wien im Rahmen der Bruckner-Gesamtausgabe vorgelegte zweite Folge der Bruckner-Briefe zwischen 1852 und 1886 ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis von Werk und Person. Denn dass es zwischen diesen oft als unauflösliche Einheit beschriebenen Sphären bei Bruckner merkwürdige Diskrepanzen zu geben scheint, hat die einschlägige Biographik sehr deutlich herausgearbeitet: Hier der wenig elegante und bildungsbeflissene, ländliche Tonsetzer – dort seine elaborierten, stilistisch und ästhetisch alles andere als altbackenen Schöpfungen; hier der kauzige, vor allem im Umgang mit Autoritäten geradezu unterwürfige Mensch – dort die auftrumpfenden, hochexpressiven Tonschöpfungen.

Zunächst die Präliminarien: Der Band genügt allen wissenschaftlichen Ansprüchen – so, wie sich die Wiener Bruckner-Gesamtausgabe insgesamt auf einem hohen formalen Niveau bewegt. Sämtliche Apparate sind akkurat angelegt und auch für den nicht wissenschaftlich arbeitenden Leser tatsächlich informativ: In den Quellennachweisen, Kommentaren und Anmerkungen erfährt man Interessantes zu unverständlichen Details, erwähnten Personen und relevanten Umständen.

Viele Schichten

An dieser Stelle nun ein streifender Blick auf verschiedene ‚Sphären‘, die in dem Brief-Band beleuchtet werden. Die frühen Briefe aus den 1850er Jahren zeugen zunächst von Bruckners künstlerischer Einsamkeit in St. Florian. Zugleich sind sie aber auch charakteristische Belege für einige Elemente, die Bruckners Schreiben und Sein zeitlebens prägen sollten: Immer wieder tritt sein ausgeprägter Wunsch nach – möglichst schriftlich zertifizierter – Anerkennung hervor, ebenso seine bereitwillige Einordnung in die Regeln des etablierten Standesdenkens, aber eben auch sein schon damals ausgeprägtes künstlerisches Selbstbewusstsein. Diese merkwürdig-interessante Mischung spiegelt die Kommunikation um die Besetzung der Organisten-Stelle am Linzer Dom im Jahr 1855: Sie zeigt Bruckners inneres Selbstbewusstsein – vor allem mit Blick auf die Selbsteinschätzung seiner organistischen Fähigkeiten kann das nochmals unterstrichen werden – und zugleich seine fehlende Gewandtheit im Schriftlichen, die sich in einer formelhaften, erstarrten Sprache niederschlägt.

Anders verhält es sich, wenn Bruckner sich wirklichen Freunden anvertraut: Dann erzählt er durchaus von seinem Innersten, dann wird der Ton persönlicher, offener, sogar emotional. Stellvertretend für wenige andere Beispiele sei der über lange Jahre intensive Austausch mit dem Wiener Chordirigenten und wichtigen Verbindungsmann Bruckners in die ersehnte Hauptstadt, Rudolf Weinwurm, genannt.

Interessant ist auch eine Entscheidung der Herausgeberin Andrea Harrandt, neben den Briefen von und an Bruckner auch jene Briefe Dritter untereinander in die Sammlung aufzunehmen, die sich auf Bruckner beziehen. Stellvertretend für einige andere Dokumente seien die Briefe der Brüder Franz und Josef Schalk genannt, Bruckner-Schüler und -Verehrer, die beide langjährig echtes Engagement für die Musik Bruckners leisteten. Auch waren sie es, die Bruckners Musik bei Verlagen, Veranstaltern und Dirigenten ins Gespräch brachten und zu verankern versuchten. Zugleich zeigen die Briefe der Brüder Schalk auch Tendenzen, Bruckners Werk und dessen Wirkung in Bahnen lenken, es ordnen zu wollen. Sie teilen durchaus besserwisserisch in Gut und Böse, kritisieren dabei – im Fall des Verlegers Albert J. Gutmann auch mit antisemitischen Tönen – eigentlich Getreue Bruckners, wie den Karlsruher Dirigenten Felix Mottl.

Bruckner selbst verharrt in seiner Korrespondenz mit den zeitgenössischen Groß-Dirigenten in einer enormen Demut und Selbstzurücksetzung, zum Beispiel in Briefen an Hans von Bülow oder Hermann Levi. Auch dem viel jüngeren Arthur Nikisch gegenüber äußert sich Bruckner über die Maßen dankbar, sollte dieser sich seiner Musik annehmen. Erst nach der erfolgreichen Zusammenarbeit bei der Uraufführung der siebten Sinfonie, die Nikisch 1884 in Leipzig sicherte, änderte sich der Ton, gingen Bruckner und Nikisch zum vertrauten Du über.

Die Briefe Bruckners sind für all die interessant, die sich mit der Musik des österreichischen Komponisten beschäftigen und mancher Spur genauer nachgehen wollen, interessante Hintergründe und Nebenwege ausleuchten und dem Menschen neben dem Tonsetzer deutlichere Konturen geben wollen. Die Briefe zeigen zugleich das stete Mühen Bruckners, seiner Freunde und Unterstützer um Druck und Aufführung seiner Werke und darum, seine Musik bekannt zu machen und durchzusetzen. Sie zeigen aber auch Bruckner als stolzen Künstler, der sich nicht um jeden Preis und unter Wert verkaufte. In der Summe auch für den Nichtwissenschaftler eine lohnende und sinnvolle Ergänzung zu den verfügbaren biographischen Arbeiten.


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruckner, Anton Gesamtausgabe: Briefe 1852-1886

Label:
Anzahl Medien:
Musikwissenschaftlicher Verlag
1

EAN:

9790500252672

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Musikwissenschaftlicher Verlag

Der Musikwissenschaftliche Verlag (MWV) wurde 1933 von der Internationalen Bruckner-Gesellschaft (IBG) eigens für die Publikation einer von der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und der IBG herausgegebenen wissenschaftlich-kritischen Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners gegründet.

Das Verlagsprogramm beinhaltet heute neben der Anton Bruckner-Gesamtausgabe auch die Hugo Wolf-Gesamtausgabe sowie musikwissenschaftliche Literatur.

Wissenschaftlicher Editionsleiter der Bruckner-Gesamtausgabe war anfangs Robert Haas. 1938 wurden der MWV und die IBG in Wien aufgelöst und nach Leipzig transferiert, wo 1945 bei einem Bombenangriff die Verlagsbestände vernichtet wurden. Nach Kriegsende kehrten IBG, MWV und die Bruckner-Gesamtausgabe nach Österreich zurück. Von 1951 bis 1989 gab Leopold Nowak als wissenschaftlicher Leiter nahezu das gesamte Werk Bruckners neu heraus. Seit 1989 wurden die noch ausständigen Notenbände von namhaften internationalen Bruckner-Fachleuten ediert.

Die Internationale Hugo Wolf-Gesellschaft Wien wurde 1956 mit dem Hauptanliegen gegründet, eine kritisch-wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke von Hugo Wolf herauszugeben. Zum Editionsleiter wurde Hans Jancik bestellt, der ab 1960 einen Großteil der Bände edierte. 1991 gab Jancik die Editionsleitung an Leopold Spitzer weiter, der die Gesamtausgabe 1998 zum Abschluss brachte.

Die Buchproduktion umfasst in erster Linie Literatur zum Themenkreis Anton Bruckner und Hugo Wolf.
Seit 1991 erscheinen vier Schriftenreihen des Anton Bruckner-Instituts Linz (ABIL): Anton Bruckner - Dokumente und Studien, Bruckner-Jahrbücher, Bruckner-Symposionberichte und Bruckner-Vorträge.
Neu im Verlagsprogramm ist seit 2009 die Reihe Wiener Bruckner-Studien der Forschungsstelle "Anton Bruckner" (Österreichische Akademie der Wissenschaften / Kommission für Musikforschung).


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