> > > Maier, Elisabeth: Anton Bruckner als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist. Aspekte einer Berufung
Sonntag, 21. Juli 2019

Maier, Elisabeth - Anton Bruckner als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist. Aspekte einer Berufung

Die Instrumente des Orgelvirtuosen


Label/Verlag: Musikwissenschaftlicher Verlag
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Band 'Anton Bruckner als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist" wirft einen Blick auf jene Tätigkeit Bruckners, die im Rückblick vor seiner kompositorischen Leistung geflissentlich unter den Tisch fällt.

Das Anton Bruckner Institut in Linz beschäftigt sich bereits seit über 30 Jahren intensiv mit einer ordentlichen Aufarbeitung des Komponisten und seiner Werke. Die außerordentlich detaillierten Studien dokumentieren in bisher 14 Sammelbänden wichtige Lebensstationen Bruckners sowie auch bestimmte wissenschaftliche Einzelaspekte, so beispielsweise die Ikonographie. Dabei wird ein klares, sorgsam gezeichnetes Bild von der Künstlerpersönlichkeit erkennbar, die aufgrund zahlreicher Widersprüche in Überlieferung und wissenschaftlicher Aufarbeitung bis in die Gegenwart einen schweren Stand in der Forschung hat.

Umso mehr ist die Leistung in Form der Studie ‚Anton Bruckner als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist’ wegen der möglichst objektiven und kompromisslosen Herangehensweise zu würdigen. Auf 400 Buchseiten erscheinen zum einen alle überlieferten und aussagekräftigen Dokumente aus Bruckners Schaffensperiode in Linz zwischen 1855 und 1868 in größtmöglicher Vollständigkeit. Dank der umfangreichen Recherchen – unter anderem in den Archiven des Linzer Mariendoms und der Stadtpfarrei, wo Bruckner als Organist tätig war – kommen im vorliegenden Werk gesammelte Dokumente entweder in Form von nüchternen Zeugnissen oder schriftlichen Amtsvorgängen, aber auch als Briefe und Zeitungsrezensionen zum Vorschein. Sinnvollerweise erscheint der Abdruck der Originale nur mit den wirklich notwenigen Anmerkungen und in chronologischer Reihenfolge – beginnend mit einem sogenannten ‚Totenschau-Zettel’ für Bruckners Organistenvorgänger Wenzel Pranghofer. Zwar zeichnen die Besoldungsquittungen und Orgelgutachten ein klares Bild von den Arbeitsstätten Bruckners und deren Verwaltung; jedoch können beispielsweise die abgedruckten Zeugnisse des Komponisten, wie die Notenbewertung bei seiner Hauptschullehrerprüfung oder Bescheinigungen über musikalische Leistungen an seiner alten Arbeitsstelle in der Stiftskirche St. Florian seine Person auf eine eindeutig vielseitigere und den Leser weitaus fesselndere Weise beleuchten.

Ein Kriterium für die klare Empfehlung dieser dokumentarischen Sammlung ist die sehr informative und kompakte Beschreibung von Bruckners Linzer Jahren, welche sich auf etwa 100 Seiten erstreckt und als Einleitung zu den Dokumentabdrucken dient. In dem Text zeichnet Elisabeth Maier nicht nur die künstlerische Entwicklung Bruckners als Organisten und Komponisten und ausdrücklich auch als Schüler Simon Sechters und Otto Kitzlers nach. Einen besonderen Fokus setzt die Herausgeberin und Autorin auch auf die Darstellung der Linzer Institutionen, an denen Bruckner entweder angestellt war oder von denen er in seiner Arbeit maßgeblich beeinflusst wurde, wie beispielsweise die Geistliche und der Weltliche Vogtei.

Ein weiterer Bonus ist der die Sammlung abschließende Aufsatz Ikarus Kaisers über den Dom- und Stadtpfarrkapellmeister Karl Borromäus Waldeck. Dieser war ein Schüler Bruckners; er wurde in Linz oft als Organistenvertretung eingesetzt und nicht nur dadurch von Bruckner bewusst gefördert. Bemerkenswerterweise unternimmt Kaiser den Versuch einer Auflistung aller nachweisbaren Werke des Komponisten Waldeck, wobei diese Liste erstaunlich viel Raum einnimmt. Für gute Orgelexperten interessant und durchaus lesenwert ist eine recht ausführliche Beschreibung über den Zustand der Orgel der Stadtpfarre in Linz zu Zeiten Waldecks. Für diejenigen, die sich weniger tief mit der Materie des Orgelbaus beschäftigen, ist eine solche Beschreibung jedoch von geringerem Interesse, zumal gleichwertige Schilderungen über Orgelzustände bereits in Meiers Einleitung auftauchen. Stattdessen wären mehr Definitionen bestimmter Fachtermini und Musikströmungen wünschenswert. So wird beispielsweise der Cäcilianismus als Reformbewegung geistlicher Musik im 19. Jahrhundert mehrfach eingeworfen, ohne aber eine nähere Beschreibung dazu abzugeben (durchaus typisch für eine solche sich an ein Fachpublikum richtende Publikation). Insgesamt lenken Aspekte wie Orgelgutachten den Blick ausdrücklich auch auf den Orgelvirtuosen Bruckner, und nicht nur auf seine Kompositionen, welche sich in Linz noch im ‚Anlaufstadium’ befanden.

Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Maier, Elisabeth: Anton Bruckner als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist. Aspekte einer Berufung

Label:
Anzahl Medien:
Musikwissenschaftlicher Verlag
1

EAN:

9783900270728

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Musikwissenschaftlicher Verlag

Der Musikwissenschaftliche Verlag (MWV) wurde 1933 von der Internationalen Bruckner-Gesellschaft (IBG) eigens für die Publikation einer von der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und der IBG herausgegebenen wissenschaftlich-kritischen Gesamtausgabe der Werke Anton Bruckners gegründet.

Das Verlagsprogramm beinhaltet heute neben der Anton Bruckner-Gesamtausgabe auch die Hugo Wolf-Gesamtausgabe sowie musikwissenschaftliche Literatur.

Wissenschaftlicher Editionsleiter der Bruckner-Gesamtausgabe war anfangs Robert Haas. 1938 wurden der MWV und die IBG in Wien aufgelöst und nach Leipzig transferiert, wo 1945 bei einem Bombenangriff die Verlagsbestände vernichtet wurden. Nach Kriegsende kehrten IBG, MWV und die Bruckner-Gesamtausgabe nach Österreich zurück. Von 1951 bis 1989 gab Leopold Nowak als wissenschaftlicher Leiter nahezu das gesamte Werk Bruckners neu heraus. Seit 1989 wurden die noch ausständigen Notenbände von namhaften internationalen Bruckner-Fachleuten ediert.

Die Internationale Hugo Wolf-Gesellschaft Wien wurde 1956 mit dem Hauptanliegen gegründet, eine kritisch-wissenschaftliche Gesamtausgabe der Werke von Hugo Wolf herauszugeben. Zum Editionsleiter wurde Hans Jancik bestellt, der ab 1960 einen Großteil der Bände edierte. 1991 gab Jancik die Editionsleitung an Leopold Spitzer weiter, der die Gesamtausgabe 1998 zum Abschluss brachte.

Die Buchproduktion umfasst in erster Linie Literatur zum Themenkreis Anton Bruckner und Hugo Wolf.
Seit 1991 erscheinen vier Schriftenreihen des Anton Bruckner-Instituts Linz (ABIL): Anton Bruckner - Dokumente und Studien, Bruckner-Jahrbücher, Bruckner-Symposionberichte und Bruckner-Vorträge.
Neu im Verlagsprogramm ist seit 2009 die Reihe Wiener Bruckner-Studien der Forschungsstelle "Anton Bruckner" (Österreichische Akademie der Wissenschaften / Kommission für Musikforschung).


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