> > > Strauss, Richard: Salome
Montag, 18. Oktober 2021

Strauss, Richard - Salome

'Salome' – Mondphantasien


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Blasser Mondschein im Royal Opera House. Das vermag nicht zu überzeugen.

„Siehst du den Mond?“ – Die Frage mag etwas absurd erscheinen; wer sähe ihn nicht, den Mond in seiner unmittelbar zu erfahrenden, sinnlich-körperlichen Präsenz, wie er über der Bühne schwebt und alle Szenen in sein geheimnisvolles helles Licht taucht, beinahe die ganze Oper mit seinen silbrig glänzenden Strahlen durchwirkt. – „Wie seltsam er aussieht; wie eine Frau, die tot ist, die aufsteigt aus dem Grab“, graut es ahnungsvoll dem jungen Pagen, „Schreckliches wird gescheh'n.“ Und in der Tat, die düsteren Phantasiebilder des Knaben werden sich als verhängnisvolle Prophezeiung erweisen. Wenn der Vorhang fällt, wird Salome, die Tochter der Herodias, diese Tote im Mondlicht sein. „Verbergt den Mond!“ wird vom Grausen erfasst der König Herodes befehlen, eine riesige schwarze Wolke wird den Mond verhüllen; und in der Finsternis einer ihres Sinns beraubten Welt werden wir Salome gewahr, wie sie über das blutige Haupt des Propheten des Herrn gebeugt immerfort stammelt: „Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan!“ Ermattet, von allen Lebens- und Willenskräften verlassen sinkt Salome nieder, und von der im Rausch der Grausamkeit erloschenen Begierde bleibt nichts als ein bitterer Geschmack zurück auf den Lippen, die immer wieder murmeln: „Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan!“ Der Mond bricht wieder hervor und im selben Moment lässt Herodes dies Ungeheuer von Stieftochter niedermetzeln. Aber wir sind weit voraus geeilt. –

„Der Mond, er sieht aus wie eine kleine Prinzessin, deren Füße weiße Tauben sind. Man könnte meinen sie tanzt“, hält der schmachtende Narraboth, Auge und Gedanken mehr auf die schöne Prinzessin als in den nächtlichen Himmel gerichtet, dem Pagen entgegen. Dem verträumten Schwärmer verfließen Mond und Prinzessin zu einem einzigen Bild von bezaubernder Schönheit. – Da kommt Salome selbst aus dem Palast gestürzt: „Wie gut ist’s, den Mond zu sehen. Er ist wie eine silberne Blume; kühl und keusch ist er, wie die Schönheit einer Jungfrau, die rein geblieben ist.“ - „Aber was, mein verwirrtes Täubchen, was siehst du denn in dem Mond? Spiegelt sich in ihm das Wunschbild, ein durch das Leben kompromittiertes Ideal deiner selbst?“ Sehnt sich Salome bereits nach der weißen, kühlen, keuschen Gestalt des Propheten, dessen Leib ihre Augen zu berühren begehren? „Gewiss ist er keusch wie der Mond, kühl wie Elfenbein“ projiziert die Prinzessin die Züge des Monds auf den Jochanaan, kaum dass er aus seinem Kerker geführt wird, „seine Augen sind wie schwarze Seen, aus denen das Mondlicht flackert“.

Mag sein, dass auf diesen Augen das Mondlicht flackert, sehen tut der Erwählte des Herrn den Mond jedenfalls nicht. Er wird sowieso nichts sehen von dieser irdischen Welt, der keusche Johannes, will nichts als seinen Herrn den Heiland schauen. Doch blind für Mond, Salome und die Liebe weiß er trefflich das Schicksal des Mondes zu prophezeien, wenn seinen purpurnen Lippen der göttliche Logos entströmt: „Der Mond wird werden wie Blut, die Sonne wird finster werden, und es wird ein Tag kommen, da…“ Und sieh da, blutig wird’s enden, nicht nur für Salome, Finsternis wird hereinbrechen und der König zittern, aber der Jüngste Tag bleibt aus, und vom Gottesgericht und deinem Heiland, oh unglücklicher Prophet, mag in diesem Sündenbabel von Welt sowieso niemand hören… am wenigsten jene Karikatur von König: „Wie der Mond heute Nacht aussieht; er taumelt wie ein betrunkenes Weib!“ Auch Herodes, der dem Objekt seiner lüsternen Begierde gefolgt ist, kann sich einer bedeutungsschwangeren Mondschau nicht enthalten. „Er sieht aus wie ein wahnsinniges Weib, das überall nach Buhlen sucht.“ Eine bunt schillernde Deutung, die wahre Beobachtung, Wunschvorstellung und unbewusste Selbstprojektion vermischt. Denn Salome hat gerade vergeblich um ihren keuschen Propheten gebuhlt; nur sucht dieses vor Verlangen wahnsinnige Weib zu seinem Leidwesen nicht ihn, den betrunkenen, weibischen König, der durch Wein und Tanz und gleißende Pracht und Aberglauben seinen beängstigenden Wahnvorstellungen und dem Abgrund der eigenen Nichtigkeit zu entkommen sucht. –

Der Mond hat also viele Bedeutungen. Fremde und eigene Züge mischen sich in die Bilder vom Mond, womit die unerschöpfliche Phantasie die am Bühnenhimmel schwebende Quelle geheimnisvoller Beleuchtung belebt. Aber es geht auch anders: „Nein, der Mond ist der Mond, nichts als der Mond.“ Herodias hat zu viele Wunder gesehen, um noch an Wunder zu glauben. Für sie haben die Dinge keine Bedeutung; man mag das sachlich, objektiv, nüchtern nennen, doch etwas starr und öde ist sie schon, diese leere, tote Welt, in der die Dinge schweigen. Immerhin sieht auch die depravierte Materialistin den Mond, könnte man einwenden. Das Fußvolk, das sich neben den Hauptfiguren auf der Bühne tummelt, nimmt den Mond gar nicht erst wahr; man hat wichtigere Dinge zu tun, als den Mond zu betrachten. Befehle ausführen und parieren zum Beispiel, wie die Soldaten, die unverhohlen ihr Unverständnis für die Dinge äußern, die um sie vorgehen. Und Gelehrte gibt es, die erregt über die Möglichkeit einer Gottesschau disputieren, ohne die Welt ihres Gottes eines Blickes zu würdigen, wenn der Zank um die Ankunft des Messias die Kakophonie auf die Spitze treibt… Aber um auf die anfängliche Absurdität zurückzukommen: wie steht es nun mit dir, verehrtester Leser, hast du den Mond geschaut?

Im Royal Opera House ist der Mond jedenfalls deutlich zu erkennen. Aber blass ist er, und fahl, eine flache Mondscheibe, die mehr den guten Willen zum Leuchten als Leuchtkraft verrät. Bühnenbild und Kostüme der Inszenierung von Peter Hall erzeugen stilsicher eine symbolgeladene, schwül-orientalische Atmosphäre, aber die Bühne bleibt die Bühne, auf der sich die Opernfiguren postieren, die Kostüme bleiben Kostüme, die man einem schauspielerisch schwachen englischen Sängerensemble umgehängt hat, Maria Ewing bleibt die Sopranistin Maria Ewing, die in der Rolle der Salome singt und zu tanzen sucht. Wer Herbert von Karajans Salome mit den Wiener Philharmonikern gehört hat, wird auch in der symphonischen Mondlandschaft, die Edward Downes hier orchestral entfaltet, die leuchtenden Farben und den Klangzauber dieser an sich vor Energie sprühenden Partitur vermissen. Doch immerhin hat man in London den Mond, wenn auch blass, leuchten gesehen, wo zahlreiche Apostel des so genannten Regietheaters die Energie- und Lichtquelle abgehängt und durch eine plakative Himmelsbotschaft ersetzt hätten. Wer mit lebendiger Phantasie an sinnlicher Verführungskraft und magischem Reiz zu ergänzen vermag, was die schwach pulsierende Bühnenrealität zu wünschen übrig lässt, wird selbige zum Ausgangspunkt einer imaginären Inszenierung dieser Apotheose und Tragödie des Sensualismus nehmen können; wer nicht, wird sich schlimmstenfalls langweilen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Strauss, Richard: Salome

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
20.07.2009
Medium:
EAN:

DVD
809478031086


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