> > > Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Streichquartett Nr. 1 op. 11 und Nr. 2 op. 22 (SACD)
Donnerstag, 17. Juni 2021

Tschaikowsky, Peter Iljitsch - Streichquartett Nr. 1 op. 11 und Nr. 2 op. 22 (SACD)

Tschaikowsky à la carte


Label/Verlag: MDG
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das Utrecht String Quartet legt den ersten Teil einer Gesamteinspielung von Peter Tschaikowskys Streichquartetten vor.

Was diese Aufnahme der beiden Streichquartette Nr. 1 D-Dur op. 11 und Nr. 2 F-Dur op. 22 von Peter Tschaikowsky durch das Utrecht String Quartet – erster Teil einer Gesamteinspielung der entsprechenden Kompositionen – so fesselnd macht, ist das Bemühen der Musiker um eine sehr genaue Realisierung der Partituren. Was auf den ersten Blick so selbstverständlich erscheint, ist keineswegs die Norm: Denn der russische Meister regt offenbar ganz besonders zum – als Musikalität getarnten – Schlendrian an, während wirklich detailgetreue Aufnahmen, die nicht grobschlächtig und banal melodienselig an der Oberfläche verbleiben, eher selten sind. So ist der Kopfsatz von op. 11 auch tatsächlich dem Charakter des Beiworts ‚semplice’ verpflichtet, das in der Bezeichnung 'Moderato e semplice’ einen wichtigen Stellenwert einnimmt, und entfaltet sich mit ineinander rankenden Läufen über einer schwebenden, manchmal auch dezent verschleierten Metrik.

Bewundernswert ist der Zugriff der Musiker aber auch an anderen Stellen: Der innige Gesang des 'Andante cantabile’ ist mit einem wesentlich verhaltener gezeichneten Mittelabschnitt konfrontiert, der von einem zart getupften Violoncello-Pizzicato grundiert wird, bevor – zunächst klanglich in die Ferne gerückt und sich erst allmählich wieder nähernd – die Reprise sich wieder einschleicht. Ebenso wirksam ist das Spiel mit raffiniert gesetzten Akzenten und falschen Taktschwerpunkten im Scherzo, aus dessen Trioteil dann die vibratolosen Oktavmelodien von Violine und Viola herausragen. Noch stärker wirkt das Quartett allerdings in der musikalisch ambitionierten Komposition op. 22, deren Kopfsatz schon durch die Zeichnung der aufregenden 'Adagio’-Einleitung mit ihren harmonischen Spannungen und chromatisch aufgefüllten Melodiephrasen einen weitaus strengeren Anstrich bekommt.

Doch hier kommen auch andere Elemente wie der sinnlich-walzerhafte Tonfall im Scherzo zum Zuge, aufgrund dessen die Herbheit des nachfolgenden 'Andante ma non tanto’-Satzes noch weitaus überraschender wirkt. Gerade hier mündet das Können der vier Ensemblemitglieder in die schönsten und beglückendsten Momenten dieser SACD, wird die Musik mit allerlei Farbwerten durchtränkt und bisweilen bis zur Emphase geführt, um danach sofort wieder in Zurückhaltung einzumünden. Auch wenn es manchmal – wie im Kopfsatz des D-Dur-Quartetts – den Anschein hat, als würde der erste Geiger ein wenig zu sehr im Vordergrund stehen: Klanglich ist die Produktion wunderbar durchdacht und selbst meist dort dynamisch fein ausgehorcht, wo die Musik sich zu polternder Ausgelassenheit hin zu wenden droht. Das Label MDG hat auf jeden Fall ganze Arbeit geleistet, so dass die Vorfreude auf den zweiten Teil der Gesamtaufnahme bereits groß ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Streichquartett Nr. 1 op. 11 und Nr. 2 op. 22 (SACD)

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
MDG
1
28.08.2009
63:43
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

SACD
760623157566
MDG 903 1575-6


Cover vergössern

"Eher zufällig entdeckte Peter Tschaikowsky im Februar 1871 die Gattung Streichquartett für sich. Bereits die Premiere in diesem Genre sollte der erste große Erfolg des Komponisten werden. Das renommierte Utrecht String Quartet beginnt auf dieser SACD mit dem D-Dur-Quartett op. 11 und mit op. 22 in F-Dur die Gesamteinspielung der Streichquartette Tschaikowskys bei MDG. Tschaikowsky hatte die Konservatorien in Sankt Petersburg und Moskau besucht und mit Unterstützung der Brüder Anton und Nikolai Rubinstein auch schon Erfahrungen als Komponist gesammelt. Auf den großen Durchbruch wartete er mit 30 Jahren aber immer noch. Vor allem der heute berühmte zweite Satz des op. 11 riss Zuhörer und Kritiker gleichermaßen zu Lobeshymnen hin. Tschaikowsky berichtet 1872 voller Stolz, dass sein Werk auch in Sankt Petersburg für „Furore“ gesorgt habe. Die positive Resonanz beflügelt Tschaikowsky. Zur Jahreswende 1873/74 schreibt er sein zweites Streichquartett. In einem Brief an seinen Bruder Modest bezeichnet er dieses Werk als sein bisher bestes: „Nichts strömte aus mir so leicht und einfach hinaus.“ Das Utrecht String Quartet ist eines der renommiertesten Kammermusikensembles der Niederlande, das die Erforschung von verschollenem oder in Vergessenheit geratenem Repertoire als einen Schwerpunkt seiner Arbeit sieht. Noch in bester Erinnerung sind uns die Aufnahmen der Streichquartette von Alexander Grechaninov, Alexander Glazunov und Lex van Delden, die hier auf hervorragende Weise fortgesetzt werden. "


Cover vergössern

MDG

Die klangrealistische Tonaufnahme

»Den beim Sprechen oder Musizieren entstehenden Schall festzuhalten, um ihn zu konservieren und beliebig reproduzieren zu können, ist eine Idee, die seit langem die Menschen beschäftigte. Waren zunächst eher magische Aspekte im Spiel, die die Phantasie beflügelten wie etwa bei Giovanni deila Porta, der 1598 den Schall in Bleiröhren auffangen wollte, so führte mit fortschreitender Entwicklung naturwissenschaftlichen Denkens ein verhältnismäßig gerader Weg zur Lösung...« (Riemann Musiklexikon)

Seit Beginn der elektrischen Schallaufzeichnung ist der Tonmeister als »Klangregisseur« bei der Aufnahme natürlich dem Komponisten und dem Interpreten, aber auch dem Hörer verpflichtet. Die Mittel zur Tonaufzeichnung sind hinlänglich bekannt. Die Kriterien für ihren Einsatz bestimmt das Ohr. Deshalb für den Hörer hier eine Beschreibung unserer Hörvorstellung.

Lifehaftigkeit

In der Gewißheit, daß der Konzertsaal im Wohnzimmer (leider) nicht realisierbar ist, konzentriert sich unser Bemühen darauf, die Illusion einer Wirklichkeit zu vermitteln. Die Musik soll im Hörraum so wiedererstehen, daß spontan der Eindruck der Unmittelbarkeit entsteht, das lebendige Klanggeschehen mit der ganzen Atmosphäre der »Lifehaftigkeit« erlebt wird. Da wir praktisch ausschließlich menschliche Stimmen und »klassische« Instrumente - auch sie haben ihren Ursprung im Nachahmen der Stimme - aufnehmen, konzentriert sich unsere Klangvorstellung auf natürliche Klangbalance und tonale Ausgeglichenheit im Ganzen, und instrumentenhafte Klangtreue im Einzelnen. Darüber hinaus natürliche, ungebremste Dynamik und genaueste Auflösung auch der feinsten Spannungsbögen. Weitestgehend bestimmend für die Illusion der Lifehaftigkeit ist auch die Ortbarkeit der Klangquellen im Raum: freistehend, dreidimensional, realistisch.

Musik entsteht im Raum

Um diesen »Klangrealismus« einzufangen, ist bei den Aufnahmen von MDG eine natürliche Akustik unbedingte Voraussetzung. Mehr noch, für jede Produktion wird speziell in Hinblick auf die Besetzung und den Kompositionsstil der passende Aufnahmeraum ausgesucht. Anschließend wird »vor Ort« die optimale Plazierung der Musiker und Instrumente im Raum erarbeitet. Dieser ideale »Spielplatz« ermöglicht nun nicht nur die akustisch beste Aufnahme, sondern inspiriert durch seine Rückwirkung die Musiker zu einer lebendigen, anregenden Musizierlust und spannender Interpretation. Können Sie sich die Antwort des Musikers vorstellen auf die Frage, ob er lieber in einem trockenen Studio oder in einem Konzertsaal spielt?

Die Aufnahme

Ist der ideale Raum vorhanden, entscheidet sich der gute Ton an den Mikrofonen - verschiedene Typen mit speziellen klanglichen Eigenheiten stehen zur Auswahl und wollen mit dem Klang der Instrumente im Raum in Harmonie gebracht werden. Ebenso wichtig für eine natürliche Abbildung ist die Anordnung der Mikrofone, damit etwa die richtigen Nuancen in der solistischen Darstellung oder die Kompensation von Verdeckungseffekten realisierbar werden. Das puristische Ideal »nur zwei Mikrofone« kann selten den komplexen Anforderungen einer Aufnahme mit mehreren Instrumenten gerecht werden. Aber egal wie viele Mikrofone verwendet werden: Stellt sich ein natürlicher Klangeindruck ein, ist die Frage nach dem Zustandekommen des »Lifehaftigen« zweitrangig. Entscheidend ist, es klingt so, als wären nur zwei Mikrofone im Spiel.

Ohne irgendwelche »Verschlimmbesserer« wie Filter, Limiter, Equalizer, künstlichen Hall etc. zu benutzen, sammeln wir die Mikro-Wellen übertragerlos in einem puristischen Mischpult und geben das mit elektrostatischem Kopfhörer kontrollierte Stereosignal linear und unbegrenzt an den AD-Wandler und zum digitalen Speicher weiter. Dadurch bleiben auch die feinsten Einschwingvorgänge erhalten. Auf der digitalen Ebene wird dann ohne klangmanipulierende Eingriffe mit dem eigenen Editor in unserem Hause das Band zur Herstellung der Compact Disc für den Hörer erstellt, für Ihr hoffentlich großes Hörvergnügen.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag MDG:

  • Zur Kritik... Gelungenes Porträt einer romantischen Orgel: Pneumatische Orgeln in Konzerthäusern sind selten. Der Bremer Saal 'Die Glocke' kann sich glücklich schätzen, ein hervorragendes Beispiel dieser Orgelbaukunst zu besitzen. Weiter...
    (Diederich Lüken, )
  • Zur Kritik... Ein altes Meisterwerk in neuem Klang: Das Berlage Saxophone Quartet entfaltet Bachs Goldberg-Variationen auf hohem künstlerischen Niveau. Weiter...
    (Anastasia Eckert, )
  • Zur Kritik... Vom Choral inspiriert: Eine feine zweite Platte des Ensembles BachWerkVokal: Hier entfaltet eine musikalische Kraft Wirkung, die interessant und abwechslungsreich zu programmieren versteht und interessante Blicke auf Arriviertes wie auf Schönheiten der Seite zu richten weiß. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle Kritiken von MDG...

Weitere CD-Besprechungen von Prof. Dr. Stefan Drees:

  • Zur Kritik... John Bull und andere: Im sechsten Teil seiner Gesamteinspielung des 'Fitzwilliam Virginal Book' kombiniert der Cembalist Pieter-Jan Belder Stücke von John Bull mit einzelnen Kompositionen unbekannterer Tonsetzer. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Arbeit an klanglichen Feinheiten: Die zweite DVD der Reihe 'Lachenmann Perspektiven' widmet sich der Komposition 'Air'. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
  • Zur Kritik... Blick in die Interpretationswerkstatt: Eine neue DVD-Reihe vermittelt unschätzbare Einblicke in die musikalischen und technischen Problemstellungen von Helmut Lachenmanns Musik. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Prof. Dr. Stefan Drees...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Essenz: Bruckners Sinfonik für die Orgel, das ist keine ganz seltene, vor allem aber eine plausible Idee. Die Neunte mit dem vervollständigten Finale ist dafür ganz besonderes Material. Gerd Schaller als starker Bruckner-Deuter. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Tenorhits im orchestralen Luxusgewand: Peter Schreier zeigt sich auf dem erstmals digitalisierten Album 'Schöne strahlende Welt' von ungewohnter Seite und begibt sich in die Welt der leichten Muse. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Nahezu perfekt, wie immer: Der englische Chor The Sixteen unter Harry Christophers hat sich von Corona nicht abhalten lassen, eine Platte mit überwiegend getragener englischer Chormusik aufzunehmen. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ludwig van Beethoven: Egmont op.84

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich