> > > Haydn, Joseph: Trios und Divertimenti für Flöte
Mittwoch, 17. August 2022

Haydn, Joseph - Trios und Divertimenti für Flöte

Enttäuschende Interpretation der ausdrucksstarken Londoner Trios


Label/Verlag: Thorofon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wider Erwarten enttäuschen besonders die Aufnahmen der in der Flötenliteratur noch zu wenig Beachtung geschenkten Londoner Trios aufgrund der fehlenden Sensibilität der Musiker für affektreiche musikalische Gestik und feinfühlige Ausdruckswechsel.

Joseph Haydn hat nicht viele seiner kammermusikalischen Kompositionen mit der Flöte versehen. Die beiden überlieferten Londoner Trios entstanden vermutlich während Haydns zweiter Reise nach London als Kompositionsgeschenke für zwei Liebhaberflötisten aus seinem englischen Bekanntenkreis. Auffälligerweise befinden sich in zahlreichen Autographen dieser Werke so viele Abänderungen, dass die Zuordnung zweier einzelner Sätze nebst den jeweils drei Sätzen der Trios nicht gesichert ist.

Die drei Divertimenti für drei Flöten liegen heute nur in Form eines anonymen Manuskriptes vor und lassen die Vermutung entstehen, dass hier Bearbeitungen der insgesamt überaus zahlreichen Baryton-Trios Haydns vorgenommen wurden. Bei der vorliegenden Aufnahme des Flötentrios Elisabeth Weinzierl, Edmund Wächter und Angela Lex handelt es sich um Ersteinspielungen dieser drei kurzweiligen Kompositionen. Die gefälligen, kurzen Sätze interpretiert das ehemalige ‚Schüler-Lehrer-Trio’ auf zugegebenermaßen beneidenswert souveräne Weise. Durch das aber stets gleichwertige, wenig überraschende Zusammenspiel der Flöten werden die schönen Harmoniebewegungen der bewusst gesetzten Dissonanzen – besonders in den Adagio-Sätzen – kaum betont. Zwar entsteht durch die gegenseitige Aufmerksamkeit der Spieler ein angenehmer musikalischer Puls, welcher aber allen in diesen drei Divertimenti kaum Veränderungen unterliegt.

Überraschende Wendungen, kleine Kadenzen und zahlreiche Artikulationsvarianten bilden einen hohen Bestandteil der kompositorisch überaus dankbar angelegten Londoner Trios. Obwohl diese Werke auf den ersten Blick so scheinbar ‚harmlos’ und leicht spielbar in beiden Flötenstimmen und der Cellostimme wirken, so bietet die musikalische Anlage viel Freiheit für eine sehr differenzierte Interpretation. Weil Haydn in diesem Werk neben klassischem Trommelbass und homophoner Stimmsetzung viele spätbarocke Elemente mit einfließen lässt, wird nahezu jeder Satz von sehr unterschiedlichen und stets wechselnden musikalischen Affekten durchzogen. Dieser ausgeklügelten Kompositionsabsicht werden Weinzierl und Wächter aber leider nicht gerecht. Während ihre Interpretation hinsichtlich Zusammenspiel, Intonation und Spieltechnik sehr versiert wirkt, fehlt es dem Spiel auch unter Berücksichtigung des Cellos durch Tilmann Stiehler an feinnerviger Gestik und bewussten Klangvarianten. Wünschenswerte Variationen in der Melodie geschehen weder durch wirkungsvolle dynamische Differenzierung noch durch ein besonders verzierungsreiches Spiel.

Zwei weitere Bearbeitungen für die Flöte bilden den Abschluss dieser CD – es handelt sich hier ebenfalls um Ersteinspielungen. Fragwürdig ist bereits der einleitende Satz im Booklet-Text über die bearbeitete Schöpfung für zwei Flöten, in welchem die Flöte als ein ‚Modeinstrument’ der Klassik bezeichnet wird, und diese Behauptung quasi als Rechtfertigung für die seltsam anmutende Umarbeitung dieses geistlichen Werkes für kleine Salonbesetzung angebracht wird. Selbstverständlich wurden in dieser bearbeiteten Fassung die musikalische Momente der Schöpfung verarbeitet, welche den höchsten Wiedererkennungswert haben. Deshalb handelt es sich auch hier um ein gefälliges Flötenwerk, das trotz seiner Fünfteiligkeit knapp 25 Minuten gewaltig um die Aufmerksamkeit des Hörers zu kämpfen hat. Ob aus Platzmangel oder anderen unbekannten Gründen bilden die ‚Jahreszeiten’ in der Bearbeitung von Franz Anton Dimmler nur in gekürzter Version den Abschluss dieser Aufnahme. Aufgrund der noch recht eingeschränkten Verbreitung von Kompositionen des 18. und 19. Jahrhunderts wird eine Flötenbearbeitung wie diese wegen ihres hohen Wiedererkennungswertes beim Publikum in biedemeierlichen Kaffeehäusern und Salons sicherlich großen Anklang gefunden haben. Für das anspruchsvolle und mit unterschiedlichster Musik konfrontierte Ohr ist die Wirkung trotz beschwingter Flöteninterpretation doch sehr bescheiden, wenn nicht gar kitschig.

Insgesamt präsentiert sich die Interpreten dieser Aufnahme hier in einem sehr guten Zusammenspiel, doch weder beeindruckt die Interpretation der kompositorisch abwechslungsreichen Londoner Flötentrios, noch bestechen die Ersteinspielungen bearbeiteter Haydn-Werke.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Trios und Divertimenti für Flöte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Thorofon
1
17.07.2009
Medium:
EAN:

CD
4003913125576


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Thorofon

In der nunmehr über 40jährigen Tradition von THOROFON wurde ein respektabler, vielfach preisgekrönter Katalog aufgebaut. Eine Schatztruhe für besondere musikalische Raritäten, die die Lücken in der Überlieferung der musikalischen Tradition ein bisschen verkleinern, und außerdem jungen, talentierten Interpreten eine Chance geben. Zu unseren Schätzen gehören ebenfalls Gesamteinspielungen von Ludwig van Beethovens Klaviersonaten, sämtliche Werke für Klavier solo von Johannes Brahms, Gesamtausgabe der Kammermusik von Josef Rheinberger, das Gesamtwerk von Louis Ferdinand Prinz von Preussen, das komplette Klavierwerk von Robert Schumann, eine Gesamteinspielung der Max Reger Kompositionen auf 13 CD, die das abwechslungsreiche Repertoire von THOROFON abrunden.

Auszeichnungen wie der ECHO KLASSIK (17 mal!) oder der Preis der Deutschen Schallplattenkritik versinnbildlichen den Anspruch des Labels und unterstreichen die Qualität der Produkte.

THOROFON ist ein Label der BELLA M USICA EDITION JÜRGEN RINSCHLER.


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