> > > Rihm, Wolfgang: ´Concerto´ Dithyrambe für Streichquartett und Orchester
Mittwoch, 20. Februar 2019

Rihm, Wolfgang - ´Concerto´ Dithyrambe für Streichquartett und Orchester

Der Mozart in uns


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Wolfgang Rihms Musik pendelt zwischen unterschiedlichen Ausdrucksmomenten, hier in prägnanten Interpretationen zu erleben.

„Wenn ein Hören sich bereits eingerichtet hat“, so hat es Wolfgang Rihm einmal formuliert, „dann empfindet es Klänge außerhalb seines Hörwinkels als daneben liegend, im wahrsten Sinne des Wortes. Um neue Bezüge zu schaffen, muss der Hörer seinen Empfindungsradius erweitern.“ Dieses neue Hören ist substantiell für viele Werke Rihms – nicht auf radikale, aber auf sehr subtile Art und Weise. Wie Kunstschönheit heute zu erfahren – oder eben nicht zu erfahren – wäre, ist Gegenstand zweier Kompositionen, die in neuen Aufnahmen bei Kairos erschienen sind: Zwei Sotto-voce-Kompositionen, 'Notturno’ und 'Capriccio’, zwei kleine Klavierkonzerte, die Verbindungslinien zwischen klassischer Klangkultur und unserer Zeit ziehen.

Das erste Sotto voce für Klavier und kleines Orchester zieht seine Inspiration aus dem Klavierspiel von Daniel Barenboim, dem Widmungsträger des Werkes, der das Werk für einen Mozartzyklus in Auftrag gegeben hat. Ein kleines, wie von Mozart zusammengestelltes Orchester, ergänzt um eine Harfe, die dem Gesamtklang eine fließende Note verleiht, schafft einen luftigen Aggregatzustand, in den das Klavier seine punktuellen und zarten, oft schon improvisatorisch wirkenden Linien einwebt. Demgegenüber ist das 'Capriccio’, die zweite Sotto voce-Komposition, ein schneller Satz, der die delikaten Klangtexturen des 'Notturno’ mit raschen Bewegungsabläufen kommentiert.

Beide Werke pendeln zwischen verschiedenen Stilen und Ausdrucksmomenten, sind bewegte Form, ein „Kontinuum der Kraftweitergabe“, wie Rihm es nennt. Dieses Weiterreichen und -denken von Bestehendem wird im Schaffen von Wolfgang Rihm seit Beginn der neunziger Jahre immer deutlicher zum zentralen künstlerischen Ansatzpunkt, der in seinem sinfonischen Werk 'Vers une symphonie fleuve’ deutlich formuliert ist. Unterschiedliches fließt in einer Gesamtgestalt zusammen und schafft neue Formen.

Die Sehnsucht nach einem ungebrochenen Energiestrom spürt man auch im Concerto 'Dithyrambe’ für Streichquartett und Orchester, das diese CD komplettiert. Innerhalb von fünfundzwanzig Minuten erlebt der Hörer eine nicht abreißende „kontinuierlichen Verlaufsenergie, die aber nicht motorisch-minimalistisch, sondern energetisch, nervlich gestaltet ist. Ganz unmechanisch, aber dennoch vorwärts drängend.“ Obwohl Rihm hier ganz bewusst die Gattungsbezeichnung des Concerto verwendet, wird die traditionelle Konzertform völlig ausgeblendet. Anstelle eines Dialogs zwischen Orchester und Solisten tritt ein Monolog, „geführt von einem Wesen mit vier Mündern - ja, vier Köpfe und vier Münder, ein Biest!“ Musikalisches Material aus älteren Werken wird in einen neuen Kontext gestellt, kommentiert und kritisiert. So entwickelt sich Schritt für Schritt eine komplexe Architektur, geführt von Intuition und Strategie. Nachdem die Nerven des Streichquartetts freigelegt wurden, versiegt der Energiefluss und endet in einem resignativen d-Moll-Akkord, der traditionsgetränkten Trauertonart.

Alle drei Werke wurden vom Luzerner Sinfonieorchester neu eingespielt, unter der Leitung von Jonathan Nott und John Axelrod, mit klangschöner Balance und plastischer Beredtheit. Das Arditti Quartett nutzt den rasanten Streichquartettpart des Concerto 'Dithyrambe’, um seinen fabelhaften Klang zum Flirren zu bringen, so dass tatsächlich des Eindruck entsteht, hier spiele ein einzelner Klangkörper mit zahlreichen Gliedern. Nicolas Hodges, der Klaviersolist der beiden Sotto voce-Kompositionen, verleiht der Musik mit rundem, profundem Anschlag und Mozartscher Brillanz eine leuchtende Expressivität voll klassizistischer Transparenz.

Von Gustav Mahler stammt ein Ausspruch, der auf Thomas Morus zurückgeht: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche.“ Bei Wolfgang Rihm wird dieser Sinnspruch zu Tönen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Rihm, Wolfgang: ´Concerto´ Dithyrambe für Streichquartett und Orchester

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
1
17.07.2009
054:31
2008
EAN:
BestellNr.:

9120010281525
KAI 0012952


Cover vergössern

Dirigent(en):Axelrod, John
Nott, Jonathan


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

  • Zur Kritik... Nicht für schwache Nerven: Hochanspruchsvolle und interpretatorisch exemplarische Darbietungen komplexer Kompositionen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Horror aus Österreich: Für Sommerfeste auf keinen Fall zu empfehlen: Olga Neuwirths düsterer Soundtrack zu 'Ich seh Ich seh'. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Plastische Klangwucht: Eine empfehlenswerte Porträt-CD des Labels Kairos widmet sich der Musik des Komponisten Samir Odeh-Tamimi. Weiter...
    (Prof. Dr. Stefan Drees, )
blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Weltreise: Eine Calmus-Platte voller Saft und Kraft, mit starken Einzelstimmen, die sich zu einem unverwechselbaren Ganzen formen. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Klassische Moderne aus Schweden: Wer keinen Revolutionär sucht, dürfte an der Dritten Sinfonie von Lars-Erik Larsson seine Freude haben. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
  • Zur Kritik... Aller guten Dinge: Für sein aktuelles Label Ondine hat Christian Tetzlaff 2016 seine persönlich dritte und wohl expressivste Version von Bachs Zyklus für Violine solo eingespielt. Weiter...
    (Dr. Hartmut Hein, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (2/2019) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Dimitri Schostakowitsch: Klavierkonzert Nr.2 F-Dur op.102 - Andante

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich