> > > Posadas, Alberto: Liturgia fractal. Ein Zyklus von fünf Streichquartetten
Donnerstag, 19. September 2019

Posadas, Alberto - Liturgia fractal. Ein Zyklus von fünf Streichquartetten

Die Schönheit klingender Zahlen


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Musik des spanischen Komponisten Alberto Posadas bezieht ihre Inspiration aus Naturmodellen, die eine Musik von ganz eigener Dynamik generieren.

Schon in der Renaissance und bei Johann Sebastian Bach stellen wir fest, dass besonders faszinierende, unerklärlich schöne Musik oft mit methodischer Strenge einhergeht. Sind es in der Renaissance architektonische Konstruktionssysteme, so ist es bei Bach die Übertragung von Theologie in musikalische Form. Vertieft finden wir diese Arbeitsweise im zwanzigsten Jahrhundert, früh bei Debussy, der Naturphänomene in Klang übersetzte, intensiver bei der Schule der französischen Spektralisten, denen die Analyse von Klängen als generative Quelle diente. Im Prinzip handelt es sich bei dieser Decodierung um einen alltäglichen Vorhang: Das menschliche Ohr decodiert in jedem Bruchteil einer Sekunde zahlreiche akustische Signale und misst ihnen Bedeutung zu, eine Leistung, die die Rechenkapazität eines jeden Computers bei weitem übersteigt.

Der junge spanische Komponist Alberto Posadas lässt sich bei seinem Schaffen ebenfalls von Systemen nach Vorbildern der Natur inspirieren. Ein Beispiel ist der groß angelegte Streichquartettzyklus Liturgia fractal, entstanden in den Jahren 2003 bis 2007, der nun in einer Gesamteinspielung des Quatuor Diotima bei Kairos erschienen ist. An Naturmodellen fasziniert Posadas ‚die generative Fähigkeit, die innere Logik und Komplexität vereint mit Notwendigkeit aufzeigt’.

Im Falle der fünf Quartette von Liturgia fractal sind es Fraktalmodelle, wie die Brownsche Bewegung, die das Verhalten schwebender Teilchen in einer Flüssigkeit beschreibt. Mathematik steuert Musik – auf den ersten Blick stellt sich die Frage, wie die Rolle des Komponisten in diesem Fall definiert ist; doch Aufgabe des Komponisten ist nicht nur, Antworten zu geben, also Klangvorstellungen zu Papier zu bringen, sondern auch, Fragen zu stellen. ‚Das Universum ist in der Sprache der Mathematik geschrieben’, sagte einst Galileo, und diese Einheit zweier Sprachen erlebt der Hörer in der Musik von Alberto Posadas.

In dieser Musik vereinen sich Wissenschaft und Poesie, die eine ist nichts ohne die andere. Tatsächlich ist das klangliche Ergebnis bei weitem nicht so trocken wie die theoretischen Analysen, die Posadas seinen Werken beigefügt hat, und die im beiliegenden Textheft abgedruckt sind. Wir begegnen einer kraftvollen Musik von energischer Dynamik, ein Kaleidoskop von sich entwickelnden Klanggestalten, die sich aus Phänomenen herleiten, die man tagtäglich beobachten kann: so im Quartett 'Bifurcaciones’, das sich auf Algorithmen zur Simulation von verästelten Systemen wie dem Blutgefäßsystem oder der Wucherung von Pflanzen bezieht.

Den Interpreten stellt sich die Aufgabe, mit auf den ersten Blick traditionellem Material ganz neu umzugehen. Die komplexen Strukturen, die sich in der Musik entwickeln, stammen eben nicht zuvorderst aus einer gewachsenen musikalischen Tradition – wie zum Beispiel bei Helmut Lachenmann, dessen Fortschritt im Bereich des Materials zu verorten ist – sondern aus ganz anderen, musikfremden wissenschaftlichen Bereichen. Den Musikern des Quatuor Diotima gelingt es hervorragend, die zahlreichen, mikroskopisch genau abgebildeten Teilchenbewegungen zu einer großen, beinah atmenden Makrostruktur zusammenzufügen. Es entstehen so Interpretationen von pulsierender Kraft, die auf eine ganz eigene Weise Archaik und Subtilität verbinden.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Posadas, Alberto: Liturgia fractal. Ein Zyklus von fünf Streichquartetten

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
1
17.07.2009
052:12
2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
9120010281501
KAI 0012932


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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