> > > Noskowski, Zygmunt: Sinfonie Nr. 1 A-Dur
Samstag, 25. September 2021

Noskowski, Zygmunt - Sinfonie Nr. 1 A-Dur

Erster Spatenstich


Label/Verlag: Sterling
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Sterling entdeckt wieder einen ‚neuen’ Komponisten: Zygmunt Noskowski (1846-1909), derzeit ein (noch) fast unbeschriebenes Blatt. Seine Erste Sinfonie sowie eine sinfonische Dichtung machen Lust auf mehr.

Das Label Sterling ist für seine Ausgrabungen und Entdeckungen im Bereich der romantischen Musik hinlänglich bekannt. Mit Zygmunt Noskowski (1846-1909) wurde wieder eine Musikerpersönlichkeit ausfindig gemacht, die – gemessen an ihrer Bedeutung – bislang sträflich übergangen wurde. Denn wer sich über den polnischen Komponisten informieren möchte, wird in vielen Lexika vergebens einen Eintrag suchen, und auch der Plattenmarkt ist äußerst dürftig bestückt. Im Rahmen der Reihe ‚Polish Romantics’ legt das schwedische Label die erste Folge einer Einspielung sämtlicher Orchesterwerke Noskowskis vor; enthalten sind neben der ersten Sinfonie A-Dur die sinfonische Dichtung 'Morskie Oko’ sowie die Ouvertüre zu 'Pan Zolzikiewicz’.

Noskowskis Meriten

Wenn man schreibt, dass Noskowskis Tonsprache in der romantischen Harmonik wurzelt und über diese nie hinausgeht, hat das stets einen vorwurfsvollen Unterton; der Komponist habe keine eigene Sprache gefunden, er habe die Musik nicht weitergebracht. Das verkennt die Bedeutung, die Noskowski tatsächlich für die – insbesondere polnische – Musik hatte. So war er einer der ersten, die in Polen die ‚neudeutschen’ Gattungen des Musikdramas (Wagner) und der sinfonischen Dichtung (Liszt) einführten. Noch gewichtiger ist Noskowskis Stellung als Pädagoge; so ging eine ganze Heerschar polnischer Komponisten durch seine Schule, der prominenteste Vertreter ist dabei sicher Karol Szymanowski. Noskowski hatte selbst hervorragende Lehrer: in Warschau war es Stanislaw Moniuszko, der bis heute vielleicht bedeutendste polnische Opernkomponist, und in Berlin Friedrich Kiel, der strenge Kontrapunktiker – selbst übrigens ein wiederentdeckenswerter Komponist.

Konzertsaal und Bühne

Die erste der insgesamt drei Sinfonien Zygmunt Noskowskis hat dem Komponisten einige Preise eingebracht. Und das wohl zurecht, denn dieser sinfonische Erstling überrascht durch eine zwingende Mischung aus handwerklicher Sicherheit, schöner Erfindungen und ausgewogenem Formgefühl. Verschiedene kontrapunktische Passagen sind vielleicht dem seit Beethoven enorm hohen Gattungsanspruch geschuldet, vielleicht aber auch einfach als Leistungsnachweis für den Lehrer Kiel, denn 1875, während der Berliner Studienzeit, hat Noskowski seine Erste Sinfonie komponiert. Wenn ein Fugato anläuft, ist es jedoch organisch in das Geschehen eingebunden, und ein Satz wie der zweite mit seiner blühenden Thematik vertreibt ohnehin jede akademische Trockenheit. Kiels Klavierkonzert op. 30 von 1864 fängt übrigens ähnlich wie die Sinfonie des Schülers mit einem einzelnen Paukenschlag an; nicht völlig undenkbar, dass hier eine gewollte Bezugnahme zu sehen ist.

Mit 'Morskie Oko’ aus demselben Jahr 1875 haben wir dann ein Beispiel einer sinfonischen Dichtung und gleichzeitig eines der erfolgreichsten Stücke des Komponisten vorliegen. Der Titel bezieht sich auf einen Bergsee in der Tatra (auf dem Cover ist ein Gemälde reproduziert), und das Werk ist denn auch das erwartete geheimnisvoll raunende Naturgemälde. 'Pan Zolzikiewicz’ ist eine Bühnenmusik, die eine effektvolle Ouvertüre enthält; Noskowski ist auf der vorliegenden Platte demnach, wenn auch nur am Rande, auch in seiner Funktion als Bühnenkomponist präsent – und als solcher wollte sich der Komponist in erster Linie verstanden wissen.

Romantische Musik, romantisch gespielt

Dass die Musiker des Polish Radio Symphony Orchestra mit einer gehörigen Portion Herzblut für ihren vergessenen Landsmann zu Werke gehen, kann man fast erwarten. Und so ist es dann auch; das Orchester, das die Aufnahmen in den Jahren 2001, 2003 und 2004 vorgenommen hat und stets von einem anderen Dirigenten geleitet wurde (Gabriel Chmura: 'Morskie Oko’; Slawek A, Wroblewski: Sinfonie; Zygmunt Rychert: Ouvertüre), spielt nicht nur technisch ausgezeichnet, sondern auch beseelt, frisch in den Tempi und lebendig-fantasievoll phrasierend. Die lebensbejahende Erste Sinfonie wirkt ebenso charakteristisch und stimmig wie die eher geheimnisvoll angehauchte sinfonische Dichtung mit ihren dunklen Streicherpassagen; in der unterhaltsamen Ouvertüre kann sich die Spiellaune mit Piccolo und Schlagwerk dann voll entfalten.

Schade, dass die Aufnahmen durch die Bank einen muffigen Unterton haben und nicht völlig natürlich klingen; das Orchester ist zwar in allen Schichten bestens durchhörbar, ein Gefühl für Tiefe will sich aber nicht einstellen. Die Interpretation kann man so oder so sehen; zum einen wird hier beherzt musiziert, zum anderen hat man heute auch romantische Orchestermusik so oft nach den Errungenschaften Historischer Aufführungspraxis gehört, dass der hier gewählte Ansatz etwas altbacken wirkt; das fast hemmungslose Schwelgen im zweiten Satz der Sinfonie könnte so manches verfeinerte Ohr irritieren. Der Einspielung haftet ein wenig der Eindruck des Zu-spät-gekommen-seins an; dass Felix Mendelssohn im Einführungstext (der übrigens nur in Polnisch und Englisch vorliegt) als Antifigur stilisiert wird (‚polished Mendelssohn’), passt da ins Bild, handelt es sich hier doch (zum Glück!) um eine mittlerweile überholte Sichtweise. Der Wert des Unternehmens soll jedoch nicht angezweifelt werden; Noskowski hat wohl einiges zu bieten, und man darf schon auf die beiden anderen Sinfonien gespannt sein. Der erste Spatenstich zu einer vielleicht nicht notwendigen, auf jeden Fall aber äußerst verdienstvollen Wiederentdeckung ist getan.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Noskowski, Zygmunt: Sinfonie Nr. 1 A-Dur

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Sterling
1
11.08.2009
Medium:
EAN:

CD
7393338108320


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Sterling

Sterling is a record label specialising in orchestral music from the Romantic era, founded by Bo Hyttner. Most of the CDs released by Sterling contain previously unrecorded works. After setting out with Swedish romantics, Sterling is now spreading out towards the musical heritage of other European countries. In Sweden, the label is represented through CDA.



Additional to our series of Romantic orchestral classics, we release two more series:
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