> > > Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonien Nr. 1 & 15
Dienstag, 25. Januar 2022

Schostakowitsch, Dimitri - Sinfonien Nr. 1 & 15

Klangliche Edel-CD zum Versinken und Versumpfen


Label/Verlag: Mariinsky
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Aufnahme besticht durch ihre Klangschönheit, doch oft gerät der Fluss beider exzentrischer Sinfonien ins Stocken.

Valery Gergiev beweist mit seiner Wahl zweier Sinfonien Schostakowitschs ein glückliches Händchen, handelt es sich dabei doch um Anfangs- und Endpunkt eines monumentalen sinfonischen Oeuvres, das viele Gesichter hat. Die Erste Sinfonie ist die Diplomarbeit Schostakowitschs, die er im Alter von 19 Jahren einreichte, die Fünfzehnte ein instrumentales Requiem, das er im Angesicht des eigenen Todes komponierte. Dazwischen liegen Repressalien, verschleierte Todesdrohungen, Aufführungsverbote, Rufmorde und dergleichen mehr; ein Kosmos zynischer Lebenserfahrungen, die bewirken, dass der Komponist dieser Werke im Alter kaum mehr derselbe Mensch war wie in der Jugend. Die Gegenüberstellung dieser Sinfonien hat ein großes Spannungspotential.

Zwiespältige Interpretation

Mit dem Mariinsky Orchestra steht Gergiev ein exzellenter Klangkörper zur Verfügung, um dieses Potential freizusetzen. Ohne Zweifel sind die Musiker in der Lage, die musikalischen Vorstellungen ihres Dirigenten bis ins letzte Detail zu realisieren, doch im Großen und Ganzen wirken sie unterfordert. Für einen Großteil der Sätze lässt sich das gewählte Tempo nämlich mit dem Wort ‚gemächlich’ umschreiben. Das ist an sich nichts Schlimmes, doch die Lebendigkeit der Interpretation leidet stark darunter, da sich der schwungvolle Charakter beider Werke nicht recht zeigen will. Die Stärken dieser Einspielung liegen im klanglichen Detail und so sind es vor allem die beiden langsamen Sätze, die überzeugen können, während insbesondere im letzten Satz der Fünfzehnten Sinfonie der Blick durchaus mit Unglauben auf die Uhr wandert und dort kleben bleibt: 16 ½ Minuten?

Dabei bietet gerade die Interpretation der Ersten Sinfonie ein durchaus stimmiges Gesamtbild. Im ersten Satz sorgt die hier noch kaum wahrnehmbare Temporeduzierung dafür, dass Klänge wie etwa die häufigen Streicherpizzicati schattenhaft dahinhuschen. Der widerspenstige und exzentrische Charakter, der das Publikum bei der Uraufführung noch befremdet haben mag, tritt dafür in den Hintergrund. Ein verschmerzbarer Verlust an dieser Stelle, im zweiten Satz wiederum wäre etwas mehr Biss durchaus angebracht. Zwar ist die Interpretation hier temperamentvoll und aufgepeitscht, aber auch bisweilen uninspiriert, zusammenhanglos und letztlich doch zu weich in der Artikulation. Besonders das Klavier verdient sich in dieser Hinsicht keine Lorbeeren. Die Sätze 3 und 4 machen diesen Makel aber wieder wett und stellen in Sachen Klanggestaltung und innermusikalischem Zusammenhang einen Höhepunkt dar. Obwohl eine spritzigere, lebendigere Interpretation dieser Sinfonie dem Werkcharakter sicherlich zuträglicher wäre, kann man auch an dieser Fassung die guten Seiten entdecken und genießen.

Die Fünfzehnte Sinfonie ist das rote Tuch dieser Aufnahme. Das Orchester spielt auch hier wieder sehr präzise und hingebungsvoll, doch der ganze schöne Klang verdurstet auf dem Weg zum Ziel. Gergiev profiliert sich hier quasi als zweiter Karajan, der aus jedem Detail einen Höhepunkt hervorzaubern möchte, doch das Werk gibt eine solche Gestaltung nicht her. Im Booklet wird es sehr treffend als eine „Partitur leerer Seiten“ beschrieben; leere Seiten, die durch mehr als nur Orchesterfarben belebt werden müssen.

Besonders die eingeflochtenen Zitate anderer Komponisten verfehlen es, beim Hörer einen Eindruck zu hinterlassen. Rossinis ‚Wilhelm Tell’ im ersten Satz kommt etwas zahnlos und geglättet herüber, doch das wirkliche Ärgernis ist das Wagnersche Schicksalsmotiv im dritten Satz, welches sich auf wundersame Weise von erdrückendem Pathos zu befreiter Leichtigkeit wandelt; einer der Momente, bei denen man unwillkürlich den Atem anhält. Nicht jedoch hier, denn die vermeintliche Leichtigkeit ist so zäh wie Sirup geraten. Allzu oft scheint es, als habe Gergiev sich nicht ausreichend mit diesem hintergründigen Werk auseinandergesetzt. Dieser Makel lässt sich kaum kaschieren und auch ein ruhiger und innerlicher zweiter Satz ändert daran nichts mehr.

Mehr Texttreue

Ein Blick ins Booklet verrät, dass der Text zu den beiden Sinfonien nicht viel mit Gergievs Interpretation zu tun hat. Dort wird etwa Schostakowitsch zitiert, wie er vorschlägt, seine Erste Sinfonie könne schnell und schwungvoll gespielt werden; je schneller, desto besser. Ich wünsche mir, Gergiev hätte sich diesen Rat zu Herzen genommen.

Das Booklet selbst ist sehr hochwertig: obgleich manchmal in recht belehrendem Ton gehalten, erhält man doch sehr umfassende Informationen. Die makellose Klangqualität ist ein weiterer Pluspunkt, doch ins Repertoire gehört diese CD letztendlich doch nicht. Zwar ist alles daran schön und glänzend, doch die musikalische Aussage bleibt hinter ihrer Fassade zurück.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Kritik von Oliver Schulz,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Schostakowitsch, Dimitri: Sinfonien Nr. 1 & 15

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Mariinsky
1
01.07.2009
Medium:
EAN:

SACD
822231850229


Cover vergössern

Mariinsky

Das Mariinsky-Theater gehört zu den renommiertesten Opernhäusern der Welt. Zu Sowjetzeiten in Kirow Theater unbenannt, trägt es seit 1992 wieder seinen ursprünglichen Namen. Seit 1996 ist Valery Gergiev dem Haus als künstlerischer Leiter und Intendant verbunden. Auf dem hauseigenen Label werden die herausragende künstlerische Leistung dieses traditionsreichen Hauses dokumentiert. Das Repertoire umfasst neben Oper auch das große symphonische und konzertante Repertoire des 19. und 20. Jahrhunderts.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Mariinsky:

  • Zur Kritik... Märchenstunde am Mariinsky: Hier kann man hören und sehen: Prokofjew und Ballett istnicht nur 'Romeo und Julia'. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Glücksfall: Diese Aufnahme der Sechsten Symphonie gehört zum Besten, was derzeit an symphonischem Tschaikowsky zu bekommen ist. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Puppen- und Kartenspiele: Referenzstatus im Mehrkanalbereich: Dieser 'Petruschka' mit Gergiew und dem Mariinsky-Orchester dürfte höchsten Ansprüchen genügen. Weiter...
    (Dr. Aron Sayed, )
blättern

Alle Kritiken von Mariinsky...

Weitere CD-Besprechungen von Oliver Schulz:

  • Zur Kritik... Lichtmusik: Weit und flächig, abwechslungsreich im Detail: Erkki-Sven Tüürs Musik entwickelt einen unwiderstehlichen Sog in einer gelungenen Zusammenstellung alter und neuer Werke. Weiter...
    (Oliver Schulz, )
  • Zur Kritik... Getragene Eleganz: Das Trio Parnassus spielt ein stimmungsvolles Programm französischer Werke, das in einem fließenden, dunkel gefärbten Klangcharakter ein gemeinsames Zentrum hat. Weiter...
    (Oliver Schulz, )
  • Zur Kritik... Der ruhige Geist: Ein Pianist ist dann nicht vergessen, wenn man sich ganze zwanzig Jahre nach dessen Tod noch von Neuauflagen seiner Konzerte bereichert fühlt. Weiter...
    (Oliver Schulz, )
blättern

Alle Kritiken von Oliver Schulz...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Glücksfälle: Diese Ausgabe enthält eine Fülle wertvoller pianistischer Dokumente. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Stupende Qualität: Buxtehude, Teil zwei: Die Qualität der Interpretation ist angesichts der Diskografie Friedhelm Flammes keine Überraschung. Eine Gesamteinspielung, die trefflich gerät und von Belang ist. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
  • Zur Kritik... Scharfe Proportionen: Boris Giltburg mit frühem Beethoven Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (1/2022) herunterladen (3500 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (2500 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich