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Freitag, 31. März 2023

Haydn, Joseph - Die Schöpfung

Sir Colins Haydn


Label/Verlag: LSO Live
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Colin Davis und das London Symphony Orchestra mit einer guten, aber nicht herausragenden Live-Aufnahme der 'Schöpfung' aus der Feder Joseph Haydns.

Das Haydn-Jahr rückt eine große Zahl der Kompositionen des heute nicht mehr sträflich, wie in früheren Zeiten, unterschätzten Klassikers neu in den Blickpunkt, darunter natürlich auch etliche der ‚Evergreens‘. Zu dieser Kategorie zählt zweifellos 'Die Schöpfung‘, die der über sechzigjährige Komponist nach eindrücklichen Erlebnissen der Händelschen Oratorien im Anschluss an eine Englandreise komponierte. Die Qualitäten dieses Oratoriums sind vielfach beschrieben, Zusammenhänge sind gedeutet, die Frische und Kraft, aber auch die satztechnische Delikatesse und Rafinesse der Komposition sind nicht ganz unwesentlicher Bestandteil des klassischen musikalischen Erbes geworden. Es liegt nun in der Reihe ‚LSO Live‘ des London Symphony Orchestra eine 2007 in der heimischen Spielstätte des Orchesters, im Londoner Barbican Centre, entstandene Aufnahme dieses Oratoriums vor. Und eins kann gleich vorweg genommen werden: Die Einspielung ist in allen denkbaren Parametern solide, ohne aber völlig neue interpretatorische Impulse im Repertoire setzen zu können.

Doch soll der Befund natürlich detaillierter beschrieben werden: Der routinierte Dirigent Sir Colin Davis, der sich in seiner langen Karriere neben zahlreichen anderen Schwerpunkten eindrucksvoll als tiefsinniger Deuter der Sinfonien des Finnen Jean Sibelius und Anwalt für Hector Berlioz profiliert hat, beweist sein interpretatorisches Geschick auch an Haydns Oratorium. Er beherrscht die große Geste und lässt dem Orchester die Zügel, kontrolliert aber zugleich mit größter Genauigkeit jene feinen Details, die Haydns Partitur so reizvoll und besonders machen. Davis deutet die Folge der Arien und Rezitative häufig quasi musikdramatisch, was die Aufnahme deutlich belebt, unter eine positive Spannung setzt und in größere Zusammenhänge einbindet.

Solide Interpretation

Dazu steht ihm mit ‚seinem‘ London Symphony Orchestra ein leistungsstarkes und modulationsfähiges Instrument zur Verfügung. Das Ensemble agiert zumeist präzis und kontrolliert, nur wenige Forte-Schläge geraten ein wenig breit und unfokussiert. Und das Orchester schafft sich immer wieder seine eigenen Höhepunkte, die das solide Begleiten unterbrechen: Natürlich die famos gesetzte Einleitung, aber auch den Orchesterbeginn der Tenor-Arie 'In vollem Glanze steiget jetzt die Sonne strahlend auf‘. Für ein gelingendes Haydn-Oratorium bedarf es potenter Solisten. Diesem Anspruch werden die Sopranistin Sally Matthews, der Tenor Ian Bostridge und der Bariton Dietrich Henschel deutlich gerecht. Matthews bringt Schlagkraft und dramatische Farbe ein, agiert dennoch hinreichend leicht und beweglich. Bostridges Qualitäten sind hinlänglich bekannt und kommen grundsätzlich auch in der vorliegenden Aufnahme zur Geltung. Hier scheint es jedoch so, als nötige ihn die große Orchesterbesetzung zum Forcieren seiner leichten und schlanken Stimme, was ihm deutlich nicht gut tut. Henschel schließlich nimmt mit einer noblen, ausgeglichenen Stimme für sich ein. Er deklamiert sehr aktiv und verfügt über etliche Schlagkraft. Bei ihm wünscht man sich gelegentlich eine etwas freiere Bewegung in den Rezitativen – die geraten doch ein wenig zu statisch.

Schließlich der mit über achtzig Sängerinnen und Sängern sehr groß besetzte Chor: Seltsamerweise geraten ihm die dynamisch reduzierten Passagen überzeugender als die im Oratorium deutlich öfter geforderte große Geste. Neben einer etwas nachlässigen Aussprache des Deutschen fehlen für den ganz großen Wurf im chorischen Bereich eine kompaktere Stimmkultur und noch kerniger ausgebaute Register.

Ein in der Summe gleichwohl überzeugendes Konzertdokument, das eine solide 'Schöpfung‘ bietet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Die Schöpfung

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
LSO Live
2
01.07.2009
Medium:
EAN:

SACD
822231162827


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LSO Live

Einspielungen des Labels LSO Live vermitteln die Energie und Emotion der großartigsten Aufführungen mit höchster technischer Qualität und Finesse.

Liveaufzeichnungen bedeuteten früher gewöhnlich Kompromisse, aber heutzutage kann mit Hilfe der besten Aufnahmetechnik im Konzertsaal die Vitalität festgehalten werden, die im Studio so schwer nachzustellen ist.
Durch das Zusammenschneiden mehrerer Aufführungen können wir eine Vorlage schaffen, die die Spannung einer Konzertaufführung ohne unerwünschte Nebengeräusche bewahrt.

Seit 2000 veröffentlichte das LSO Live über 80 Alben und nahm zahlreiche Preise entgegen. Das London Symphony Orchestra war schon früher das am meisten aufgenommene Orchester der Welt, hatte es doch für zahlreiche Plattenfirmen gearbeitet und viele der berühmtesten Filmmusiken eingespielt. Die Investition in unsere eigenen Aufnahmen ermöglicht dem Orchester jedoch abzusichern, dass jede Veröffentlichung den höchsten Qualitätsansprüchen genügt und das Hören der besten Musik allen Menschen zugänglich ist.

Das LSO Live war eines der ersten klassischen Plattenfirmen, die Downloads anboten, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Wir geben auch unsere Einspielungen im SACD Format (Super Audio Compact Disc) heraus. SACDs lassen sich auf allen CD-Spielern abspielen, ermöglichen aber den Hörern mit speziellen SACD-Spielern den Genuss eines hochaufgelösten, mehrkanaligen Klangs.

London Symphony Orchestra
Das London Symphony Orchestra wurde 1904 von einer Gruppe von Musikern gegründet, die für den Dirigenten Henry Wood spielten. Sie wollten ihr eigenes Orchester leiten und die Wahl haben, mit welchen Dirigenten sie zusammenarbeiteten. Sie beschrieben das LSO als eine musikalische Republik, und das Orchester war über Nacht ein Erfolg.

Heute gibt das LSO ungefähr 70 Konzerte pro Jahr in London und bis zu 90 auf Tournee. Es ist regelmäßig auf Konzertreise durch Europa, Nordamerika und im Fernen Osten. Waleri Gergijew ist seit 2007 Chefdirigent des LSO und Sir Colin Davis sein Präsident.

Das LSO organisiert auch das in der Welt am längsten laufende und umfangreichste Bildungsprogramm eines Orchesters: LSO Discovery. Mit seinem Sitz im Londoner Musikbildungszentrum LSO St Lukes schafft Discovery die Möglichkeit für Menschen aller Altersgruppen und Veranlagungen, mit Musikern des LSO zusammenzuarbeiten, etwas über Musik zu lernen und ihre Fertigkeiten zu entwickeln.


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