> > > Les Musiciens de Saint-Julien: Werke für Flöte & Musette von Philidor, Hotteterre, Rebel u.a
Samstag, 18. Januar 2020

Les Musiciens de Saint-Julien - Werke für Flöte & Musette von Philidor, Hotteterre, Rebel u.a

Barocker Dudelsack, Rad-Fidel und Erzlaute


Label/Verlag: Alpha Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Trotz des überladenen Booklets bieten das gewählte Programm und die sehr überlegte, feinfühlige Interpretation einen ersten Einblick in ein heute nahezu ganz vergessenes Instrumentarium der französischen Barockmusik.

Historische Instrumente können Musikern und Hörern auch noch in Hochzeiten Historischer Aufführungspraxis und – trotz der mittlerweile großen Anzahl Alte-Musik-Ensembles – selten oder unbekannt und deshalb ganz und gar fremdartig erscheinen. Ungewohnte Klänge dominieren auch bei der vorliegenden Neueinspielung des Ensembles Le Musiciens de Saint-Julien das ausgewählte Programm. Während sich ein Gutteil der Aufnahme mit Werken für ein oder mehrere Traversflöten und Basso continuo widmet, erzielt in etwa die Hälfte der ausgewählten Kompositionen für damaligen barocken „Mode-Instrumente“ Musette, Vielle à roue und Théorbe eine besonders nachhaltige Wirkungskraft beim Hörer.

Im Text des Booklet fällt besonders die Aussage ins Auge, nur wenige Spieler der Barockzeit hätten die Musette, ein dudelsackartiges Instrument der Oboenfamilie, sicher beherrscht; ganz zu schweigen von der äußerst seltenen Fähigkeit eines Traversflötenspielers, beide Instrumente überzeugend spielen zu können. Natürlich, Traversflöte und Musette erfordern zwei gänzlich verschiedene Anblastechniken, über welche der Hauptinterpret dieser CD, François Lazarevitch, gleichermaßen meisterlich verfügt.

Die Einspielung von französischen Suiten und Sonaten aus dem frühen 18. Jahrhundert ist tituliert mit der Bezeichnung ‚Le Berger Poète’. Einige der zehn Werke lassen beim Hören tatsächlich poetische Naturbilder und eine ‚Schäferidylle’ entstehen; dies ist jedoch nicht bei allen Kompositionen, welche ohnehin nicht immer im Titel einen Verweis auf einen außermusikalischen Inhalt geben, so eindeutig der Fall. Joseph Bodin de Boismortiers’ 'Sonate à quatre en la mineur pour 3 flutes & basse continue’ ist trotz strenger Satzformen vom musikalischen Eindruck äußerst phantasievoll angelegt. Die Faszination dieser Komposition liegt in ihrer musikalischen Klarheit durch die bewusste und gleichzeitig sparsame Anwendung von Verzierungen und dissonanten Klängen in Vorhalten. Die äußerst feinsinnige Interpretation durch die drei Traversflöten und Basso continuo strahlt eine rein musikalische Atmosphäre aus, welche wohl kaum einen ganz bestimmten programmatischen Inhalt zum Ziel hat. Als ‚poetische Hirtenmusik’ können aber all die Werke dieser Aufnahme bezeichnet werden, in welchen François Lazarevitch mit einer sehr subtil- differenzierten Spielweise die Musette zum Klingen bringt.

Hervorgehoben sei an dieser Stelle Nicolas Chédevilles Sonate Nr. 6 für Musette und Basso continuo, welche der Komponist erstaunlicherweise unter dem Namen Antonio Vivaldi veröffentlichte. Nicht allein in diesem Werk beherrschen erstaunlich tiefe und volle Bordunklänge den musikalischen Gesamtklang, sondern dieses zunächst ungewohnte Klangbild festigt sich am deutlichsten in der abschließenden Triosonate des Komponisten Dugué, dessen Vorname übrigens nicht bekannt ist. Die Besonderheit dieses Werkes liegt in der Einbettung der so genannten Vielle à roue, welche auch als Rad-Fidel oder Drehleiher bezeichnet wird. Zugegebenermaßen erschien das dominante Klangbild dieses seltenen Streichinstrumentes, dessen Saiten mittels einer Kurbel durch ein Rad angestrichen werden, zunächst so fremdartig, dass die erzeugten rhythmischen Schnarrgeräusche zunächst als eine technische Störung dieser Aufnahme wahrgenommen werden. Wenngleich der Klang auch nach dem gut siebenminütigen Werk noch gewöhnungsbedürftig bleibt, so handelt es sich bei der Kombination von verfeinertem Dudelsack (Musette) und scharrender Rad-Fidel aus heutiger Überlieferungssicht um eine äußerste Rarität der barocken Musikliteratur.

Insgesamt präsentiert das hoch versierte Alte-Musik-Ensemble um François Lazarevitch ein überaus kontrastreiches und spannendes Programm auf dieser CD. Die scharfe Gegensätzlichkeit zeitlich eng benachbarter Werke wie Hotteterres oder Boismortiers feinsinnigen Kompositionen für die Traversflöte gegenüber den klanglich dichteren und schärferen Werken Dugués oder Chédevilles macht diese Aufnahme zu einem hochinteressanten und packendem Hörerlebnis.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Les Musiciens de Saint-Julien: Werke für Flöte & Musette von Philidor, Hotteterre, Rebel u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Alpha Classics
1
01.07.2009
Medium:
EAN:

CD
3760014191480


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Alpha Classics

"Haute-Couture-Label", "Orchidee im Brachland der Klassikbranche" oder schlicht "Wunder", das sind die Titel mit denen das französische Label ALPHA von der Fachpresse hierzulande bedacht wird. In der Tat ist die Erfolgsgeschichte des Labels ein kleines Wunder. Honoriert wurde hiermit die Pionierlust und Entdeckerfreude des Gründers Jean-Paul Combet und die außerordentliche Qualität seiner Künstler und Ensembles (z.B. Vincent Dumestre, Marco Beasley, Christina Pluhar u.v.a.), aber auch die auffallend schöne, geschmackvolle Präsentation der Serie "ut pictura musica" mit ihren inzwischen mehr als 200 Titeln. Das schwarze Front-Layout und die Grundierung mit venezianischem Papier im Innern sind mittlerweile genauso zum Markenzeichen geworden wie die ausgesprochen stimmungsvollen Fotografien der Aufnahmesitzungen durch den Fotografen Robin Davies. Das Programm umfasst die Zeitspanne von der mittelalterlichen Notre Dame-Schule bis hin zur klassischen Moderne, doch ist nach wie vor ein deutlicher Schwerpunkt auf Alte Musik zu erkennen. Innerhalb des Labels möchte die zweite, auch "Weiße Reihe" genannte, Serie "Les Chants de la terre" die ältesten Quellen musikalischen Ausdrucks erkunden. Mit Virtuosität und Spielfreude widmet man sich hier dem Beziehungsfeld von schriftlich überlieferten und mündlich weitergegebenen Musiktraditionen, um alte Melodien zu neuem Leben zu erwecken. Trotz akribischer musikwissenschaftlicher Recherche geht es hier nicht um eindimensionale, akademisch trockene Werktreue, sondern um lebendigen Umgang mit altem Material.


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