> > > Telemann, Georg Philipp: Der aus der Löwengrube errettete Daniel
Mittwoch, 14. November 2018

Telemann, Georg Philipp - Der aus der Löwengrube errettete Daniel

Apokrypher Telemann


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese Telemann-Aufnahme ist orchestral sehr gut gelungen; im Vokalen aber gibt es zu große Unterschiede in der Qualität.

Es ist eine Schande, dass Georg Philipp Telemann noch längst nicht jenen Status erlangt hat, der ihm gebührt. Zu sehr lastet auf ihm der Ruf des Vielschreibers. Wäre es nicht an der Zeit, ihn als einen Komponisten neu zu schätzen, dem das Kompositionshandwerk ausgesprochen leicht von der Hand ging? Einen Komponisten, der in seiner stilistischen und Schaffensvielfalt beeindruckend ist und den es zu entdecken gilt? Das Oratorium 'Der aus der Löwengrube errettete Daniel’ gehört zu jenen Neuentdeckungen – zu Zeiten der Erstellung des Telemann-Werk-Verzeichnisses galt es als verschollen und seither ist es nur in mehreren Händel zugeschrieben Handschriften der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bekannt geworden. Zwei Choräle fehlen, Steffen Voss, der Editor der der CD-Produktion zugrunde liegenden Notenausgabe, hat auf Choralvertonungen Telemanns aus anderen Werken zurückgegriffen.

Das 1731 entstandene Werk befasst sich mit der berühmten biblischen Geschichte, die Telemann und sein Textdichter Albrecht Jacob Zell für das Michaelisfest musikalisch umsetzten. Das Oratorium gehört einem ganzen „Jahrgang“ von Oratorien an, die Telemann für die Saison 1730/31 schuf. Steffen Voss erläutert in seinem Begleittext ausführlich die Bedeutung sowohl der Kirchenmusik zu Michaelis als auch dieses auch für Telemann ganz besonderen Kirchenmusikjahrgangs. Telemann standen ein Orchester von 18 Mitgliedern sowie bis zu acht Vokalsolisten zur Verfügung, die auch Choraufgaben übernahmen. So war reiche Rollenverteilung und entsprechendes Dialogisieren auf das Beste gewährleistet.

Mit Michael Schneider und dem Ensemble La Stagione Frankfurt steht ein historisch informierter Klangkörper zur Verfügung, der nicht nur mit Telemanns Idiom bestens vertraut ist, sondern es in seiner ganzen Lebhaftigkeit transportieren kann. Die Orchesterleistung ist schneidig, brillant, wo erforderlich auch zurückgenommen, stets stilgemäß, auch nicht zu stark vorwärtstreibend (wunderbar angemessen etwa in Arbaces’ Arie 'Recke deines Zepters Spitze’).

Schneiders Solisten sind, das wird leider schnell offenbar, kein aufeinander eingespieltes Team. Ärger noch: Obwohl sie alle über entsprechende Spezialausbildung verfügen, entsteht nicht nur kein homogenes Ganzes, sondern es stellt sich immer wieder der Eindruck des Misslungenen ein. Einige Sänger sind international bereits durchaus renommiert, die Baritöne Stephan Schreckenberger und Ekkehard Abele etwa; Abele (als Darius) bringt auch gute, vielleicht etwas zu lyrisch angelegte Leistungen, doch neigt er ein wenig zu Manieriertheiten. Schreckenberger hingegen scheint von Zeit zu Zeit fast außer Stande, eine musikalische Phrase sinnvoll zu gestalten (die Arie 'Die glänzenden Helden’). Der Tenor Julian Prégardien tritt in die Fußstapfen seines berühmten Vaters, singt in dieser Aufnahme aber nur die kleine Rollen des Vertrauens – überhaupt haben die Tenöre (neben Prégardien auch Jörn Lindemann) wie auch der zweite Sopran (Annegret Kleindopf) in diesem Werk vor allem chorische Funktion.

Annemei Blessing-Leyhausen führt in der Partie der Freude ein vibratofreie, teilweise fast knabengleiche, dann aber wiederum auch durchaus weibliche Stimme, was der stilistischen Einheitlichkeit durchaus Abbruch tut. Laurie Reviol und Kai Wessel teilen sich die Altaufgaben. Laurie Reviol in der Rolle des Arbaces erweist sich als der historischer Informiertheit am fernsten – hier haben wir einen ausgewachsenen lyrischen Mezzosopran mit guter Tiefe, der an sich durchaus qualitätvoll ist, aber nach meiner Meinung für die ihr zugewiesene Rolle nur bedingt geeignet ist. Ganz anders der „VIP“ der Aufnahme: Kai Wessel bewältigt die anspruchsvolle Titelpartie weitgehend eloquent und koloraturengewandt, nicht so glatt wie manch anderer Altist und gelegentlich sogar durchaus problematisch, etwa in der hochgradig unbequemen „Auftrittsarie“ 'Brüllende Henker’. Auf der einen Seite also ein Altist, der ohne Netz und doppelten Boden alles riskiert, und fast vollständig erfolgreich ist, auf der anderen Seite um ihn herum mehrere im Vergleich zu „zahme“ Stimmen. Hierdurch funktioniert aber die ganze Dramaturgie des Werkes nicht – für die Interpretation insgesamt nur drei Sterne.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Telemann, Georg Philipp: Der aus der Löwengrube errettete Daniel

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.06.2009
EAN:

761203739721


Cover vergössern

Interpret(en):Prégardien, Julian


Cover vergössern

cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag cpo:

  • Zur Kritik... Umgetitelt: Zwei Werke aus Walter Braunfels' später Schaffensphase in vorbildlichen Interpretationen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Mit Leidenschaft: Das Ensemble MidtVest überzeugt mit dem vierten Teil seiner Gesamteinspielung des kammermusikalischen Schaffens von Niels Wilhelm Gade. Weiter...
    (Yvonne Rohling, )
  • Zur Kritik... Sommernachmittag: Ein norddeutscher Komponist des 18. Jahrhunderts in einer zweiten verdienstvollen Produktion aus Georgsmarienhütte. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von cpo...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Jürgen Schaarwächter:

  • Zur Kritik... Verwandtschaftsverhältnisse: Hörbare Herzensangelegenheit in Sachen Nischenrepertoire – mit winzigen Schönheitsfehlern. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... In der Zeitschleife gefangen: Unbekannte böhmische Kammermusik der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in eher altbackenen Darbietungen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Männersache: Schubert oder Loewe als Rollenspiel? Zwei Bassisten zeigen, wie's geht. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Jürgen Schaarwächter...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Himmlisches Hörvergnügen: Die dritte CD des Frauenchores der PH Heidelberg bildet einen bunten Querschnitt aus dem Repertoire für Frauenchor a cappella ab. Weiter...
    (Anneke Link, )
  • Zur Kritik... Expressive Meisterwerke: Das Boulanger Trio kann mit Paul Juons Klaviertrio „Litaniae“ stärker überzeugen als mit Tschaikowskijs berühmtem Mammut-Trio. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Verwandtschaftsverhältnisse: Hörbare Herzensangelegenheit in Sachen Nischenrepertoire – mit winzigen Schönheitsfehlern. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/12 2018) herunterladen (4200 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Dimitri Schostakowitsch: Festliche Ouvertüre A-Dur op.96 - Allegretto

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich