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Samstag, 10. Dezember 2022

Neumeier, John - Die Kameliendame

Die Eleganz der Champs Elysées


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine makelloses, vielleicht atmosphärisch nicht immer authentisch-dichtes 'Kameliendamen'-Ballett Neumeiers aus Paris. Die tiefe humane Ergriffenheit der seinerzeitigen Stuttgarter und Hamburger Produktionen wird hier nicht ganz erzielt.

Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. John Neumeier gibt immer wieder einmal Choreografen-Gastspiele beim Ballett der Pariser Opéra National. Warum sollte er dort nicht auch einmal einen seiner größten Erfolge als Choreograph, seine 'Kameliendame’ nach Alexandre dem Jüngeren auf Klaviermusik Frédéric Chopins, einstudieren? Die Tanzdirektorin der Opéra National, Brigitte Lefèvre, freute sich über die abendfüllende Produktion des ‚weltweit erfolgreichen Balletts’. Und so ging die 1978 in Stuttgart uraufgeführte 'Kameliendame’ fast 30 Jahre später in einer von Neumeier selbst überwachten Neueinstudierung ins Palais Garnier Paris. Opus Arte hat sie dort im Juli 2008 in einer öffentlichen Aufführung für zwei DVD-Scheiben OA 1008 D abgefilmt.

Am Originalort Paris heißt das Ballett natürlich nach Alexandre Dumas’ Romanvorlage auf die Tragödin Marie Duplessis ‚La dame aux camélias’. Diese französische Originalisierung der einst in Stuttgart für Marcia Haydée choreografierten 'Kameliendame’ ist nicht nur eine sprachliche Reverenz an die Franzosen. Vergleicht man die neue Einstudierung im Pariser Palais Garnier, diesem Tempel der Danse d’école, mit den hierzulande oft noch zu sehenden Neumeier-Choreographien beim Stuttgarter und Hamburger Ballett, merkt man, dass hinter dieser Umbenennung doch mehr steckt. Neumeier ist ja immer nur für eine Produktion wenige Wochen in Paris. Er lebt nicht mit den dortigen Tänzern wie mit jenen in Hamburg. Neumeiers eigenes Ensemble weiß daher um seine Intentionen, auch ohne dass er sie ihm ausgiebig erklären muss.

Beim nach wie vor technisch vorzüglich geschulten Pariser Ballett ist das anders. So fällt hier die Aneinanderreihung der in brillanter Schnelligkeit exekutierten Tanznummern eher auf, während die Aufführungen der Truppen von Hamburg und Stuttgart integraler und geschlossener wirken. Hier in Paris standen die Brillanz und Virtuosität der Figuren im Vordergrund, bei den „heimischen“ Produktionen Neumeiers eher der Geist der Schwebe zwischen Marguerites Salonexistenz und ihrem Innenleben.

Deutlich wird dies auch in einer Einlassung der an die Aufführung angehängten Dokumentation zu ihrer Entstehung, in der der Pariser Ausstatter Dominique Gay frank und frei bekennt, man habe Jürgen Roses originaler Ausstattung in Paris die Eleganz der Champs Elysées vermitteln wollen. Die Farben leuchten, die Seide glänzt, der Galmour brilliert. Selbst das untadelige Klavierspiel von Emmanuel Strosser und Frédéric Vaisse-Knitter könnte mehr von Elegie durchtränkt sein.

Die angehängte, in fünf Sprachen (englisch, französisch, deutsch, spanisch, italienisch) untertitelte Dokumentation zum Pariser Remake von Rainer E. Moritz und Stéphane Loison sollte man sich unbedingt vor der Aufführung selbst ansehen. Sie ist teils auch in das vorzügliche, dreisprachige Begleitheft eingegangen. Die reportage-artige Dokumentation verdeutlicht nämlich mit Auszügen aus dem Ballett sehr anschaulich Neumeiers filmnahe, die Handlungszeiten überlagernde Intentionen, die Sicht der Tanzsolisten auf ihre Rollen und die Überlagerung der Handlung Marguerite-Armand mit der Theater-im-Theater-Geschichte Manon-Des Grieux.

Natürlich erlebt man begeisternd perfekte Tanzszenen: Ob von den Pariser Étoiles in den Solonummern oder vom Pariser Corps de ballet in den Salonszenen. Agnès Letestu ist eine makellos versierte, zu Recht lange distanzierte Marguerite. Den dichterischen Fantasten Armand mit schnell anspringender Leidenschaft nimmt man Stéphane Bullion sofort ab. Als Manon tanzt Dorothée Moussin sehr mitteilsam, vielleicht etwas zu wenig schemenhaft. José Martinez versucht als Des Grieux mit Erfolg, sich in Armands Leidenschaftlichkeit zu spiegeln.

Am deutlichsten wird die stark auf Eleganz und Brillanz setzende Pariser Produktion der ‚Dame aux camélias’ im ‚schwarzen’ Pas de Deux auf Chopins g-Moll-Ballade: Bei Letestu/Bullion vermisst man jene passionierte Spontaneität, dieses Alles-oder-Nichts im letzten Moment, das im Film der Hamburger Produktion Marcia Haydée und Ivan Liska vermitteln. Solche Abgründe wurden hier in Paris nicht aufgerissen. Das ganz große Erlebnis der auf stilles Gedenken setzenden Version wird auch durch den ständigen Szenenbeifall dieser in öffentlicher Vorstellung ansonsten adäquat gefilmten Aufführung beeinträchtigt.

Brigitte Lefèvre lobte Neumeiers 'Kameliendame’ in ihrem Dokumentations-Statement als 'Giselle’ des 20. Jahrhunderts. Mit dem erwähnten schwarzen Pas de Deux und den goldenen Ball-Szenen ist sie indes eher der 'Schwanensee’ des 20. Jahrhunderts. Auch wenn sich uns tief sitzende Erinnerungen an Neumeiers 'Kameliendame’ aus Hamburg und Stuttgart eingegraben haben, sind wir doch für diese Pariser Neuauflage samt ihrer Dokumentation dankbar. Sie hat auf ihre Art eine zumindest lokal-historische Aktualität. Wo könnte man diese sonst finden?

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Neumeier, John: Die Kameliendame

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
2
08.06.2009
Medium:
EAN:

DVD
809478010081


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