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Montag, 25. Oktober 2021

Tan Dun - Marco Polo

Bunter Weltmusik-Schmarren


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tan Duns Oper 'Marco Polo’ erweist sich als Ausstattungsstück im Weltmusik-Ambiente, das viel Futter fürs Auge aber wenig Aufregendes fürs Ohr bietet.

Wie andere Musiktheaterwerke des Komponisten Tan Dun erweist sich auch die Oper 'Marco Polo’ (1995) als Ausstattungsstück im Weltmusik-Ambiente, das zwar aufgrund seiner Inszenierung viel Futter fürs Auge, darüber hinaus aber recht wenig Aufregendes fürs Ohr bieten kann. Das rund zweistündiges Werk ist nun in einer Inszenierung von De Nederlandse Opera aus dem Jahr 2008 bei Opus Arte auf DVD sowie auf Blue-Ray Disc erschienen, begleitet von der 25-minütigen Dokumentation ‚The Music of Tomorrow’ von Reiner E. Moritz, die sich mit der Entstehung dieser Bühnenumsetzung befasst. Problematisch ist bereits das dem Werk zugrunde liegende Libretto von David Griffith: Zwar mag die Aufteilung von Marco Polo in die beiden entgegen gesetzten Pole von Außen und Innen (Marco und Polo) im Prinzip eine gute Idee sein, doch wird die anschließende Reise mit der naiv moralisierenden Haltung eines schlechten Bildungsromans verbunden. Dass dann auch noch Figuren wie Dante, Shakespeare und Gustav Mahler auftreten und ihre Botschaften ausstreuen, verleiht dem ganzen eigentlich eine Aura unfreiwilliger Komik.

Kann man denn so etwas ernst nehmen? Man kann. Zumindest Tan tut es, ohne anscheinend überhaupt daran zu denken, dass man hieraus mit etwas mehr Mut eine perfekte Satire machen könnte. Und er spinnt um dieses Libretto eine Musik, die den Plattitüden von Griffiths in nichts nachsteht. So schickt er seine Figuren auf eine theatralische Fahrt, deren Prinzipien im Sinne eines Lehrstücks in oberflächlichen Exotimus gekleidet und als Anspruchs-Häppchen verabreicht werden – verschränkt mit einem Schein von Tiefsinnigkeit, der den nötigen Aha-Effekt garantiert. Dabei regiert hier zugleich ein wildes Durcheinander musikalischer Stile, das sich ganz der Reise Marco Polos von Europa nach China unterordnet, der zugleich auch eine spirituelle Reise durch die Erfahrung der vier Jahreszeiten entspricht. Kaum verwundert es da, dass in diesem bunten Flickenteppich auch noch – als Wiedererkennungseffekt par excellence – ein breit ausgewalztes Zitat aus Gustav Mahlers 'Lied von der Erde’ Platz findet.

Das zurecht gebügelte europäische Mittelalter, der nahe Osten, Indien, Tibet, die Mongolei und China treten hier als Zentren der Reise mit entsprechendem Instrumentarium – und auf der Opernbühne auch unter Rückgriff auf die entsprechende Ikonografie – hervor. Hört man genauer hin, wirkt das ganze über weite Strecken hinweg schal und kitschig bis an die Schmerzgrenze. Zu diesem Durcheinander passt, dass sich Tans Musik in vielerlei Hinsicht auch nebensächlich gibt und als – bisweilen sogar in höchsten Maßen unauffälliger – Klanghintergrund dienen kann, wofür dem Komponisten seine gleichzeitigen Erfahrungen mit dem Schreiben von Filmmusik sicherlich eine große Hilfestellung waren. Denn wie im Kino bedient sich Tan hier einer Aneinanderreihung von emotional genau bestimmten Ausdruckssphären, die Überraschungen eigentlich ausschließt. Handwerklich ist das allerdings phänomenal gut gelöst, man kann ihm die Achtung nicht versagen, aber ästhetisch funktioniert es nur selten.

Daher ist denn auch die gesamte Dramaturgie des Werkes vor allem darauf angelegt, dem Zuschauer möglichst viel fürs Auge zu bieten. Und dies nutzt die Regie denn auch weidlich aus: Pierre Audi, der auch schon Tans Oper 'Tea. A Mirror of the Soul’ (Deutsche Grammophon, 2002) in Szene gesetzt hat, versteht es sehr gut, mit seinen opulenten Bildern von den Schwächen der Musik abzulenken und die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die visuellen Komponenten zu lenken. Dass er dabei manchmal jegliches Maß verliert und der Opernabend zur Ausstattungsschlacht wird, hängt wohl mit der Natur der Sache zusammen. Diesem Umstand verdankt sich auch die eher unbefriedigende visuelle Umsetzung für die DVD, da von Seiten der Kameraperspektive aus kein adäquates Verfahren entwickelt wird, um das Gegeneinander von Massenszene und individuellen Bühnenfiguren überzeugend einzufangen. Dass beim Ansehen und Anhören aber dennoch etwas hängen bleibt, verdankt sich den wirklich grandiosen Leistungen der Sänger, allen voran Nancy Allan Lundy (Water), Zhang Jun (Shadow 1), Sarah Castle (Marco) und Charles Workman (Polo), sowie den präzise agierenden Klangkörpern von Netherlands Chamber Orchestra und Cappella Amsterdam unter Leitung des Komponisten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tan Dun: Marco Polo

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
08.06.2009
Medium:
EAN:

DVD
809478010104


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Opus Arte

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