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Samstag, 23. Oktober 2021

Fritz, Gasparo - Flötensonaten op. 2

Unüberhörbare Nachahmungen – interpretatorisches Eigenleben


Label/Verlag: Guild
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Allein der kompositorische Wert dieser Ersteinspielungen rechtfertigt den Wert dieser Aufnahme. Die stilistische Vielfalt Fritz’ sowie klangliche Assoziationen zu seinen Zeitgenossen steht der bescheidenen Interpretation durch das Ensemble gegenüber.

Der Barockkomponist Gasparo Fritz ist bis heute weitestgehend unbekannt, denn bereits zu seinen Lebzeiten war das kulturelle Klima seiner Heimatstadt Genf so träge, dass der Musiker und Komponist lediglich einige wenige Kontakte zum Ausland herstellen konnte. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass inzwischen wieder zahlreiche Abschriften, besonders von den Sonatendrucken in den Bibliotheken größerer europäischer Städte ausfindig gemacht werden können.

Bei seiner steten Recherche nach vergessen Musikquellen des 17.–19. Jahrhunderts stieß das Ensemble L’Arcadia auf die Sammlung der Sechs Sonaten für Violine oder Traversflöte mit Basso continuo op. 2. Obwohl die Wahl des Soloinstruments im Titel offen gelassen wird, nehmen die Tonarten – alle ausschließlich Kreuztonarten – besondere Rücksicht auf die schwierige Intonation der Traversflöte. Doch nicht nur dieser Umstand ist ein auffälliges Indiz für Fritz’ Vorliebe für dieses Blasinstrument, sondern auch der sehr differenzierte Kompositionsstil zeugt von großer Kenntnis der Flötenliteratur seiner Zeitgenossen. Ein augenscheinliches Beispiel ist die Sonate Nr. 4 in e-Moll; übrigens das einzige Werk dieser Sammlung in einer Moll-Tonart. Das Kopfthema des 'Andante’ weist geradezu plakativ Anlehnungen an die melodische Gestaltung des ersten Satzes von Bachs großartiger h-Moll-Sonate auf. Auch die beiden folgenden Sätze von Gasparo Fritz’ Sonate verstecken nur schwerlich das große Vorbild Bach, jedoch entwickelt Fritz durchaus wie auch in den anderen Sonaten seinen persönlichen Kompositionsstil, der sich in den prägnante Themen ausdrückt.

Leider wirken die sehr unterschiedlichen Anlagen von Melodiebildung und Satztechnik nur wenig eingängig, obwohl Fritz’ Stärke eben nicht in außergewöhnlichen Melodieeinfällen liegt, sondern alle Melodiethemen stets wiederholt oder leicht variiert dargebracht werden. Der fehlende Wiedererkennungswert dieser Musik mag auch in mangelnder Klangdifferenzierung in der Interpretation durch Claire Genewein, Traversflöte, Nicoleta Paraschivescu, Cembalo, und Maya Amrein, Cello, ihren Ursprung haben. Jedenfalls fehlt es besonders den mit reicher Ornamentik verzierten langsamen Sätzen an dynamischer Differenzierung. Dabei zeugt das Flötenspiel Geneweins von großer Feinfühligkeit, was an ihrem stets zarten und zugleich auch sehr klaren Flötenton deutlich wird. Umso mehr ist an vielen Stellen der Sonatensammlung ein luftigerer und zugleich voluminöserer, aber trotzdem scharf gestochener Klang wünschenswert. Dieser fehlt hörbar in der kompositorisch mitreißenden Sonate Nr. 5, welche erstaunliche Ähnlichkeiten – diesmal aber zu Bachs Sohn Carl Philipp und dessen äußerst empfindsamen Stil in seinen Flötenwerken aufweist. Obwohl Genewein über eine absolut einwandfreie Technik hinsichtlich Intonation und Fingerläufigkeit verfügt, mangelt es der Komposition deutlich an melodischer Richtung. Dieses fehlende Gefühl vermögen auch Cembalo und Cello nicht wiederherzustellen, weil deren Spiel zu wenig offensiv und bisweilen sogar erheblich unterrepräsentiert erscheint.

Die Musiker des Ensemble L’Arcadia geben zwar ein homogenes Klangbild ab. Dies täuscht aber nicht über den Umstand hinweg, dass ein undifferenzierter Eindruck hinsichtlich der Interpretation der Sonatensammlung entsteht. Obwohl solide Kenntnisse der Historischen Aufführungspraxis übermittelt werden, ist das Zusammenspiel des Ensembles kaum mitreißend. Dabei darf die kompositorische Leistung des vergessenen Komponisten Gasparo Fritz nicht in den Hintergrund treten und allein des schönen Repertoires wegen ist diese Aufnahme doch empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Marion  Beyer Kritik von Marion Beyer,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Fritz, Gasparo: Flötensonaten op. 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Guild
1
02.09.2009
Medium:
EAN:

CD
795754733020


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Guild

Guild entstand in den frühen Achtzigerjahren auf Initiative des berühmten englischen Chorleiters Barry Rose, der den St Paul's Cathedral Choir in London leitete. Der Name hat nichts mit der nahe gelegenen Londoner Guild Hall zu tun, sondern kommt von Barry Roses erstem Chor, dem Guildford Cathedral Choir. Das frühere Logo (ein grosses G) entstand indem Barry Rose kurzerhand eine Teetasse umstülpte und mit einem Bleistift ihrem Rand bis zum Henkel entlang fuhr. Seit 2002 hat die Firma als Guild GmbH ihren Sitz in der Schweiz, in Ramsen bei Stein am Rhein.
Bei den Aufnahmen arbeiten wir mit Fachleuten zusammen, die für grosse internationale Firmen und unabhängige kleinere und grössere Labels tätig sind. Unsere Programmschwerpunkte sind Welt-Erstaufnahmen, vergessene Werke bekannter Meister, noch nicht entdeckte Komponisten und Schweizer Musiker sowie historische Aufnahmen, etwa die Toscanini Legacy und Mitschnitte der Metropolitan Opera New York.
Wir arbeiten intensiv mit der Zentralbibliothek in Zürich und mit der Allgemeinen Musikgesellschaft Zürich zusammen, produzieren CDs mit Chören wie dem Salisbury Cathedral Choir und den Chören der Cambridge und Oxford University - und als Steckenpferd pflegen wir die grossen englischen und amerikanischen Unterhaltungsorchester mit ihren Light-Music-Hits der Dreissiger- bis Fünfzigerjahre.


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