> > > Vaughan Williams, Ralph: The Film Music
Montag, 24. Januar 2022

Vaughan Williams, Ralph - The Film Music

Editorische Glanzleistung


Label/Verlag: Chandos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die ‚Collectors Edition' der herausragenden Einspielungen der Filmmusik von Ralph Vaughan Williams unter Rumon Gamba sind auch ein essenzieller Beitrag zur Rezeption des Gesamtwerks des Komponisten.

Es mag zunächst verwundern, wenn nicht gar ein mildes Naserümpfen hervorrufen, dass das englische Komponistenurgestein Ralph Vaughan Williams sich auch mit der Komposition von Filmmusik befasst hat. Weiß man jedoch um sein Credo als Komponist und seine Ansichten über die gesellschaftliche Rolle und Verpflichtung eines Komponisten, erscheint die Filmarbeit Vaughan Williams' letztlich als geradezu logische Konsequenz. Erst spät, mit 68 Jahren (!), begann Ralph Vaughan Williams’ Karriere als Filmkomponist. Eine Bemerkung gegenüber dem jüngeren Kollegen Arthur Benjamin, Filmmusik schreiben zu wollen, führte zu einem Telefongespräch mit Muir Mathieson, der Vaughan Williams schließlich gegen Ende des Jahres 1940 bat, die Musik zum Kriegsfilm '49th Parallel' zu komponieren. Bis ins Todesjahr 1958 sollte Vaughan Williams zehn weitere Filmmusikpartituren schreiben: 'Coastal Command' (1942), 'The People's Land' (1943), 'The Story of a Flemish Farm' (1943), 'The Stricken Peninsula' (1945), 'The Loves of Joanna Godden' (1947), 'Scott of the Antarctic' (1948), 'Dim Little Island' (1949), 'Bitter Springs' (1950), 'The England of Elizabeth' (1957) und 'The Vision of William Blake' (1958).

Nicht zuletzt liegt die Bedeutung seiner Filmmusik darin, dass er sie für seine Konzertwerke fruchtbar machte. Wie intensiv die Arbeit für den Film das Konzertschaffen von Vaughan Williams prägte, zeigt zum Beispiel das zweite Streichquartett, das im selben Jahr wie das Oboenkonzert, 1944, uraufgeführt wurde. Die ersten beiden Sätze des Quartetts entstanden 1942-43, zu einer Zeit, als Vaughan Williams mit der Musik zu den Filmen '49th Parallel', 'Coastal Command' sowie 'The People’s Land' seine ersten Beiträge für die Kinoleinwand geleistet hatte. Im ersten Satz des Quartetts antizipiert Vaughan Williams bereits den Konflikt von e-Moll und f-Moll, der im ersten Satz seiner Sechsten Symphonie sehr prominent werden wird. Die beiden letzten Sätze des Streichquartetts wurden 1943-44 komponiert. Das Hauptthema des 'Scherzo' entstammt dem Film '49th Parallel' und ist in der Partitur auch als 'Theme from the 49th Parallel' gekennzeichnet. Der 'Epilogue' des zweiten Streichquartetts basiert auf einem Thema zu einem Film über Johanna von Orléans, der jedoch nicht realisiert wurde. Des Weiteren flossen zwei Themen, die im Film 'Flemish Farm' keine Verwendung fanden, in die Sechste Symphonie ein. Nicht zu vergessen die Filmmusik zu 'Scott of the Antarctic', deren Material zu wesentlichen Teilen zur Siebten Symphonie – Sinfonia antartica – transformiert wurde, wie auch die 'Ten Blake Songs' ein Eigenleben im Konzertsaal führen neben ihrer eigentlichen Bestimmung für den Film 'The Vision of William Blake'. Des Konzertsaals würdig befand Vaughan Williams auch seine Musik zu 'Flemish Farm' und 'Coastal Command' und stellte eine Suite zu ersterem zusammen. Muir Mathieson indes tat ein Gleiches mit der Musik zu 'Coastal Command' und 'The England of Elizabeth'.

In den vergangenen Jahren hat Rumon Gamba für Chandos neun der elf Filmscores von Ralph Vaughan Williams (die Musik zum Dokumentarfilm 'Stricken Peninsula' von 1945 und freilich die Blake-Songs aus 'The Vision of William Blake' blieben unberücksichtigt) mit dem BBC Philharmonic eingespielt, viele davon von Stephen Hogger detailgenau ediert und in diesen Editionen erstmals aufgenommen. Bislang waren die Vaughan Williams'schen Filmmusiken auf drei Einzel-CDs erhältlich. Es gibt sie nun in einer Sammelbox, deren Ausstattung sich in nichts von den Einzelveröffentlichungen unterscheidet. Jede CD im Pappschuber wird von einem ausführlichen Booklettext von Michael Kennedy begleitet. Ebenso vom Feinsten sind Musik und Interpretation.

Volume 2 der Filmmusik Ralph Vaughan Williams' mit Musik zu '49th Parallel', 'Dim Little Island' und 'The England of Elizabeth' wurde an dieser Stelle bereits vor wenigen Jahren unter die Lupe genommen (Kritik s.u.). Für sie gilt, was auch für die übrigen zwei Folgen gilt: Rumon Gamba und das BBC Philharmonic betonen in ihren energetischen, spielgenauen und partiturdetaillierten Aufnahmen den unbedingten Eigenwert der Filmmusik von Vaughan Williams, legen in den stringenten Einspielungen offen, weshalb diese Musik kein ‚Nebenbei' zum eigentlichen Werkkorpus des Komponisten ist, sondern ein integraler Bestandteil. Obwohl die eingespielten Suiten gleichsam geglättet und für den Konzertsaal adaptiert sind, denkt und behandelt Gamba das Material nicht in symphonischen Dimensionen, sondern kleingliedrig, quasi filmbildgerecht. In der expansiven Suite zu 'Scott of the Antarctic' zum Beispiel ist diese Interpretationsweise gänzlich ohrenfällig, wenn man zum Vergleich eine Einspielung der aus dieser Musik generierten Sinfonia Antartica heranzieht. Faszinierend auch zu hören, welche Themen und Materialbestände aus dem Film letztlich Eingang in die Symphonie fanden und welche nicht. Die Filmmusik indes in Suitenform zu präsentieren, muss freilich immer eine Kompromisslösung bleiben. Stephen Hogger ist dies in seinen Editionen meist gut gelungen. Die Tat allein ist eine editorische Glanzleistung, die nicht euphorisch genug gelobt werden kann.

Gleichwohl werden sich die Puristen daran stören, dass wieder nicht die ganze 'Scott'-Musik vorliegt oder dass die expandierte Suite zu 'The England of Elizabeth' eher Stückwerk ist. Sie werden aber loben, dass die Musik zu '49th Parallel' nun in einer umfangreicheren Suite vorliegt und mit 'Dim Little Island', 'The People's Land', 'The Loves of Joanna Godden' und 'Bitter Springs' Ersteinspielungen existieren. Insbesondere 'Bitter Springs' lässt aufmerken, nicht nur, weil Vaughan Williams lediglich 38 Takte beisteuerte und Ernest Irving daraus die eigentliche Filmmusik bastelte (und zwar sehr gut bastelte), sondern auch, weil sie ein Höhepunkt der Einspielungen ist: markantes Blech und profilierte Streicher liefern Rumon Gamba die Vorlage für ein farbenfrohes, mit Verve gebotenes Ausloten der thematisch engmaschigen Musik. Dieselbe Verve hätte man sich auch in der Suite zu 'The Story of a Flemish Farm' gewünscht, die vom Orchester mitunter in allzu neutraler Routine abgespielt wird. Spannung und dichte Textur liefert dagegen die Einspielung von 'The Loves of Joanna Godden'. Fein und subtil ausgehört ist die Suite zu '49th Parallel', in der Gamba das zitierte Themenmaterial (den Choral 'Ein feste Burg ist unser Gott' sowie das Weihnachtslied 'Lasst uns das Kindlein wiegen') mit Kontur zum Klingen bringt. Das BBC Philharmonic spielt durchweg auf bestem Niveau, nur ab und an, wie erwähnt, mit routinierter Solidität. Rumon Gambas Einspielungen der Filmmusiken von Ralph Vaughan Williams stellen nicht zuletzt einen wichtigen Beitrag zur Rezeption des Gesamtwerks des Komponisten dar.

Das Klangbild ist, wie fast immer bei Chandos, klar und präsent, könnte hier und da aber weniger Hall und mehr Durchhörbarkeit vertragen. Michael Kennedys Begleittexte sind in ihrer Aussagekraft und Informationsfülle kaum zu überbieten – das war auch nicht anders zu erwarten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Erik Daumann Kritik von Erik Daumann,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Vaughan Williams, Ralph: The Film Music

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Chandos
3
25.06.2009
Medium:
EAN:

CD
095115152928


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Chandos

Chandos Records was founded in 1979 by Brian Couzens and quickly established itself as one of the world's leading classical labels. Prior to forming the label, Brian Couzens, along with his son Ralph, worked for 8 years running a mobile recording unit recording for major labels (including RCA, Polydor, CFP, etc.) with many of the world's leading artists.
The company has championed rare and neglected repertoire, filling in many gaps in the record catalogues. Initially focussing on British composers (Alwyn, Bax, Bliss, Dyso, Moeran, Rubbra, Walton etc), it subsequently embraced a much wider field. Chandos' diverse catalogue contains over 2000 titles, from early music to contemporary, with composers from around the world. The company's aim is to present an exciting and varied selection of superbly recorded music to as many people as possible.
The following artists are strongly associated with, or exclusive to, the label: Richard Hickox, Matthias Bamert, I Fagiolini, Neeme Järvi, Louis Lortie, Jean-Efflam Bavouzet, Rumon Gamba, James Ehnes, Sir Charles Mackerras, David Parry, Valeri Polyansky, The Purcell Quartet, Gennady Rozhdestvensky, Howard Shelley, Simon Standage, Yan Pascal Tortelier, Vernon Handley, the BBC Philharmonic, BBC National Orchestra of Wales, the City of London Sinfonia and Collegium Muscium 90.
Chandos is universally acclaimed for the excellence of its sound quality and has always been at the forefront of technical innovation. In 1978, Chandos was one of the first to record in 16bit/44.1kHz PCM digital, as well as being one of the first to edit a digital recording completely in the digital domain (Holst: the Planet ? SNO/Gibson). In 1983, Chandos was one of the first to produce and release Compact Discs into the marketplace ? a revolution in the recorded music industry.
Today, Chandos has kept up with technology by recording mostly in 24bit/96kHz PCM but now also in DSD for producing ?surround sound? SACDs. Chandos releases at least five new recordings a month, together with imaginative re-issues of back-catlogue material.
The company has received countless awards, including several Gramophone Awards, notably the 2001 ?Record of the Year? for Richard Hickox?s recording of the original version of Vaughan Williams? A London Symphony; ?Best Choral Recording of 2003? for its recording of an undiscovered mass by Hummel and the ?Best Orchestral Recording? of 2004 for its set of Bax Symphonies. Other highlights include the American Grammy for Britten?s opera Peter Grimes, and most recently (2008), two further Grammy Awards, one for Hansel and Gretel and the other for Grechaninov?s Passion Week. Jean-Efflam Bavouzet?s debut on Chandos was also awarded Record of the Year by Monde de la Musique this year.
Chandos remains an independent, family run company which produces and markets its recordings from its office in Colchester, England, and is distributed worldwide.


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