> > > Martinu, Bohuslav: Drei Fragmente aus der Oper ´Juliette´
Sonntag, 29. Mai 2022

Martinu, Bohuslav - Drei Fragmente aus der Oper ´Juliette´

Uraufführung nach 70 Jahren


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Im Martinů-Gedenkjahr gelingt Supraphon mit diesem Urauffühungs-Mitschnitt der 'Drei Fragmente aus Juliette' eine kleine Sensation.

Erfreulich hoch ist in diesem Jahr die Anzahl der Neuerscheinungen mit Musik von Bohuslav Martinů (1890–1959). Angesichts der Haydn- und Mendelssohn-Gedenktage wurde der 50. Todestag des tschechischen Komponisten vielleicht ein wenig vernachlässigt, aber keinesfalls vergessen. Dass es in seinem umfangreichen Oeuvre noch viel zu entdecken gibt, kann nicht überraschen. Das Auftauchen eines bis vor kurzem verschollenen Werkes war dann aber doch eine kleine Sensation. Vorliegender Uraufführungs-Mitschnitt der 'Drei Fragmente aus Juliette' vom Dezember 2008 darf sicherlich zu den Höhepunkten des Gedenkjahres gezählt werden.

Die verwickelte Geschichte der Komposition (Nummer 253a im Halbreich-Verzeichnis) sei hier in aller Kürze zusammengefasst: Martinůs im März 1938 in Prag uraufgeführte Oper 'Juliette' war ein Erfolg und veranlasste den Tondichter, Teile des Werkes in französischer Sprache einzurichten. Die geplante Aufführung konnte jedoch nicht mehr stattfinden. Nach dem Tod des Komponisten galt das Autograph der 'Drei Fragmente' jahrzehntelang als verschollen, bis es 2007 wieder auftauchte. Für die Uraufführung mit der tschechischen Philharmonie konnten klangvolle Namen gewonnen werden, allen voran Dirigenten-Legende Sir Charles Mackerras. Den Part der Juliette singt die Sopranistin Magdalena Kožena, als Michel agiert der Tenor Steve Davislim. Ergänzt wird das Werk durch eine von Zbynĕk Vostřak zusammengestellte (instrumentale) Suite, ebenfalls aus 'Juliette', einer Oper, die – so kann man es dem Beiheft entnehmen – Martinů sehr am Herzen lag.

Die drei ausgewählten Passagen bestehen aus einer 'Szene im Wald', einer 'Erinnerungsszene' und dem Finale des dritten Aktes. Das erste Fragment ist dabei mit einer Dauer von 21 Minuten deutlich das längste, fast schon eine kleine Oper in sich. Kožena und Davislim bieten sich hier in einem langen Dialog reichlich stimmliche Entfaltungsmöglichkeiten. Martinůs Orchestersatz ist meist transparent, nur gelegentlich (etwa gleich zu Beginn) kommt es zu größeren Ballungen. Wenn die Singstimmen einsetzen, hält Mackerras die Instrumente klug zurück, so dass vor allem Koženas schlanker, lichter Sopran bestens zu Geltung kommt. Davislim bleibt eine Spur blasser, agiert technisch aber einwandfrei. Die orchestrale Begleitung zeichnet sich ebenfalls durch hohe Präzision aus. Insgesamt ist das erste Fragment durch einen verhaltenen Tonfall geprägt, ähnlich die folgende Erinnerungsszene. Im Finale des dritten Aktes geht es dann rasanter zu – der Komponist wusste um die Bedeutung eines effektvollen Abschlusses. Die beiden Protagonisten halten das hohe Niveau des ersten Fragmentes, weitere hinzutretende Stimmen (Frédéric Goncalves, Nicolas Testé und Michèle Lagrange) erweitern das Spektrum raffiniert.

Die dreisätzige Suite ist viel kürzer als die Fragmente, aber mindestens ebenso hörenswert. Vostřak hat mit dramaturgischem Geschick Passagen der Oper ausgewählt, die orchestrale Brillanz ermöglichen. Mackerras lässt die tschechische Philharmonie nun frei aufspielen, gerade der zweite Abschnitt (Vivo) gelingt ihm beeindruckend. Martinůs Musik erinnert von fern an Debussy oder Roussel, bewahrt sich in der feinen Abstimmung der Bläserfarben aber viel Individualität. Wie schon in den Fragmenten ist den Tontechnikern hier ein besonders gutes Balance-Verhältnis zwischen den Instrumenten geglückt.

Die musikalische Qualität dieser Interpretationen ist hoch, das Tüpfelchen auf dem 'i' bildet das ausführliche und schön gestaltete Beiheft: Erläuterungen, Künstler-Biographien mit Bildern und das Libretto haben hier Platz gefunden. Nicht nur für Martinů-Freunde handelt es sich um eine empfehlenswerte CD, auch Opernliebhaber werden auf ihre Kosten kommen. Nur wer schon eine Aufnahme von 'Juliette' besitzt, wird hier nichts Neues mehr entdecken. Die Fragmente – wenn auch lange unaufgeführt – enthalten keine Musik, die nicht auch im kompletten Werk zu hören ist.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Drei Fragmente aus der Oper ´Juliette´

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
25.05.2009
Medium:
EAN:

CD
099925399429


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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