> > > Mussorgsky, Modest: Pictures at an Exhibition - The Piano Concerto
Dienstag, 25. Januar 2022

Mussorgsky, Modest - Pictures at an Exhibition - The Piano Concerto

Bilder einer Ausstellung - mal anders


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Mussorgskijs ‘Bilder einer Ausstellung’ sind zwischen 1873 und 1874 für Klavier solo entstanden. Das Werk ist eines der meistbearbeitenden Stücke der spätromantischen Klavierliteratur. Der zuweilen sehr orchestrale Klaviersatz hat wiederholt Bearbeiter dazu angeregt, Orchesterfassungen dieses an Kontrasten reichen Werkes zu schaffen. Die bekannteste dürfte nachwievor jene von Maurice Ravel aus dem Jahre 1922 sein. Emile Naoumoff, französischer Pianist und Komponist, stellt auf dieser CD gemeinsam mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter der Leitung von Igor Blaschkow seine Lesart vor.
Naoumoff hat bei Nadia Boulanger studiert, der Grande Dame des Kompositionsunterrichts in Frankreich im 20. Jahrhundert, womit er sich in eine namhafte und lange Reihe profilierter und renommierter Komponisten einreiht, die durch diese Schule gegangen sind. Die Gattung der Bearbeitung steht Naoumoff nahe. So gibt es etwa eine vorzügliche Bearbeitung des Requiems von Gabriel Fauré für Klavier solo aus seiner Feder. Das Interessante an dieser Bearbeitung von Mussorgskijs ‘Bilder einer Ausstellung’ ist, dass Naoumoff hier zwei Traditionslinien miteinander verknüpft- die erste, nämlich Mussorgskijs Originalfassung für Klavier solo, und die zweite, jene der Bearbeitungen für Orchester. Naoumoff gestaltet seine dreiviertelstündige Bearbeitung als Klavierkonzert. Aus dem von ihn selbst verfassten Booklettext ist zu entnehmen, dass er dazu von einem Konzertbesucher angeregt wurde, der ihn nach einer von ihm vorgenommenen Aufführung der Fassung für Klavier solo sagte, dass er jedesmal wieder das Fehlen des Orchesters in der Originalfassung für Klavier bzw. das Fehlen des Klaviers in den Orchesterfassungen empfinde.

Mussorgskijs ‘Bilder einer Ausstellung’ ist ein Werk voller Kontraste und Brüche. Beim Publikum berühmt wegen den impressionistischen Passagen der Partitur und der ‘Promenade’, jener Melodie, die zwischen den Abschnitten, die einzelnen Bildern gewidmet sind, steht und das schreiten durch eine Ausstellung vermitteln soll, von Kritikern und Komponisten geschätzt wegen der harten Kontraste, der ausgefallenen Metrik und Harmonik und der außergewöhnlichen Struktur und von Pianisten gerne gespielt, da das Stück zusätzlich pianistische Virtuosität verlangt, kommt Naoumoffs Bearbeitungsansatz jenseits der Motivation für die Besetzung deutlich aus der Wertschätzung für die harten Kontraste, manchmal fast groben Klangfarben des Werkes und der avancierten Harmonik.
Seine Lesart lässt dem Klavier viel Raum. Die Orchestration ist ebenfalls auf starke Farben und Kontraste angelegt, eher der grobe Pinselstrich als die feinen Mixturfarben etwa eines Ravel. Sie lässt Klavier und Orchester selten miteinander verschmelzen, sondern wie im Dialog nebeneinander stehen. Deutlich ist die Tradition des russischen romantischen Klavierkonzertes gegenwärtig, auf die sich Naoumoff in seinem Begleittext auch ausdrücklich bezieht. Am meisten Schwung und Kraft entfaltet das Werk gegen Ende hin, wenn den impressionistischen Farben der Vorlage mehr Raum zugestanden wird. Die Idee einer Bearbeitung für Klavier und Orchester ist reizvoll. Ob man nun die Originalfassung für Klavier solo, eine der Orchesterbearbeitungen oder jene von Naoumoff vorziehen sollte, kann dahingestellt bleiben. Zumindest gelingt es dem Bearbeiter, Partien des Werkes in einem anderen, zuvor so noch nicht gehörtem Licht erscheinen zu lassen, was die CD für Freude der ‘Bilder einer Ausstellung’ attraktiv macht.
Als zweites Stück enthält die CD eine etwa elfminütige Méditation für Klavier und Orchester, von Naoumoff zu Beginn der 1980er Jahre verfasst. Der Klaviersatz orientiert sich an den extremen Lagen des Instrumentes. Die Harmonik ist zumeist dissonant und etwas herb vom Charakter. Das Werk als Ganzes ist, wie der Titel bereits andeutet, arm an Brüchen und eher dahin fließendend in seinen Klangfarben. Dem Komponisten gelingt es jedoch aus den dissonanten Akkorden ganz überraschend Klänge hervortreten zulassen, die vertraut erscheinen, aber einem in diesem Kontext unerwartet begegnen, was das Hören des Werkes interessant und spannend macht und das Werk auch demjenigen Hörer, der kein Freund postromantischer Harmonik ist, zugänglich macht.

Gelungen ist der Vergleich, den die Aufnahme zwischen dem ‘Bearbeiter’ und dem ‘Komponisten’ Naoumoff erlaubt und die Breite seine Fähigkeiten veranschaulicht. Als Pianist ist er sowohl der leisen Töne als auch der schroffen, rhythmischen kontrastreichen Farben mächtig, so dass sein Klavierspiel sehr lebendig wirkt. Das Orchester spielt präzise und wenn ihm der Raum zugestanden wird, sehr kraftvoll, bleibt aber zumeist immer Hintergrund.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Kritik von Frédéric Döhl,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Mussorgsky, Modest: Pictures at an Exhibition - The Piano Concerto

Label:
Anzahl Medien:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
WERGO
1
55:39
2000
2001
Medium:
BestellNr.:
CD
ALC 5106 2

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Mussorgsky, Modest
Naoumoff, Emile


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Dirigent(en):Blaschkow, Igor
Orchester/Ensemble:Deutsches Symphonie-Orchester Berlin


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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