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Montag, 25. Oktober 2021

Geißler, Fritz - Orchesterwerke & Konzerte

Schicksal und Individuum


Label/Verlag: Hastedt
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Zeitgenössische Sinfonien eines bedeutenden Komponisten der DDR.

Wenn man eine Geschichte der Sinfonie oder eine der zeitgenössischen Musik schreiben würde, dann müsste man dem 1921 in Wurzen geborenen Komponisten Fritz Geißler ein größeres Kapitel widmen. Einst von Orchestern wie der Staatskapelle Dresden oder dem Gewandhausorchester Leipzig unter Dirigenten wie Kurt Masur uraufgeführt und gespielt, ist er seit der bundesrepublikanischen Systemausweitung auf den Osten weitgehend aus den Konzertprogrammen verschwunden. Angesichts der Qualität vieler seiner Kompositionen, gerade seiner Sinfonien, hat dies wohl Gründe, die nicht direkt mit der musikalischen Qualität zusammenhängen. Einer mag die weitgehend konsequente Ahnungslosigkeit der heutigen Musikdramaturgen gegenüber der Qualität der in der ehemaligen DDR entstandenen Musik sein. Fritz Geißler mag beispielsweise seine Fünften Sinfonie zum 20. Jahrestag der DDR komponiert haben. Er mag auch 1970 den Nationalpreis der DDR enthalten haben. Das hat allerdings keine (negative) Auswirkung auf die Musik. Festmusik ist das nicht. Die 5. Sinfonie ist absolute Musik in reinster Form, in ihrem Gestus vergleichbar der Fünften Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch.

Glücklicherweise gibt es das Bremer Label Hastedt, welches in seiner Edition ,Zeitgenossen – Musik der Zeit' schwerpunktmäßig ,charakteristische Werke bedeutender Komponisten (…) aus der ehemaligen DDR' verlegt. Von Fritz Geißler erschien in der Reihe bereits eine CD mit lohnenswerten Aufnahmen der Kammersinfonie und der 3. Sinfonie.

Unverkenbar

Die jetzt erschienene zweite Fritz-Geißler-CD mit Aufnahmen der Fünften und der Elften Sinfonie knüpft nahtlos an die Qualität der ersten CD an. Im Vergleich beider CDs zeigt sich, dass Fritz Geißler im Laufe der Zeit verschiedene Techniken, wie Aleatorik oder Zwölftonreihen, ausprobierte. Gleichwohl sind seine Werke, trotz verschiedener kompositorischer Techniken, unverkennbar. Hier setzt jemand den Inhalt über die Form, und dieser von großer Ausdrucksmacht hervor getriebene Inhalt, dem immerwährenden Kampf des Individuums mit schicksalshaften Mächten, macht Geißlers Handschrift aus. So sind seine Werke trotz ihrer stilistischen Verschiedenheit unverwechselbar – die eigene Sprache der Kompositionen wächst aus der Suche, ihrem existenziellen Ernst. Es ist eigenartig: Trotz der Form der Sinfonie ist der Ausdruck unverkennbar zeitgenössisch.

Die Fünfte Sinfonie wurde vorliegend vom Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig unter der Leitung von Herbert Kegel eingespielt, die Elfte, kurz vor dem Tod Geißlers entstanden, vom Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Gerd Puls. Die Qualität des Rostocker Orchesters ist überraschend hoch und steht dem des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Leipzig in nichts nach. Herbert Kegel hat den sarkastischen Triumph der Fünften gut herausgearbeitet, eine existentiell bedrohliche Spannung durchzieht seine Interpretation vom ersten bis zum letzten Ton. Mit der Elften führt Gerd Puls, und mit ihm die hervorragende Altistin, die Suche zu einem Ziel. Intensiv leuchten die Klangfarben, changieren im Zweifel über ein gut ausgefülltes Leben.

Abgerundet wird die Produktion noch von zwei virtuos musizierten Konzerten, dem 'Concertino für Violoncello und kleines Orchester' (1981) und dem 'Konzert für Klarinette und Orchester'. Die Klangqualität der zwischen 1972 und 1988 entstandenen Aufnahmen entspricht dem Stand der Zeit. Insgesamt eine empfehlenswerte Produktion mit zwei unbedingt ernst zu nehmenden und entdeckenswerten Sinfonien.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Geißler, Fritz: Orchesterwerke & Konzerte

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Hastedt
1
11.06.2009
Medium:
EAN:

CD
691230533422


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Hastedt

Wiederentdeckung einer Musiklandschaft - Vier Jahrzehnte Musik in der DDR.

ACHTZEHN JAHRE - Hastedt - ACHTZEHN JAHRE <BR> Seit achtzehn Jahren stellt Hastedt wichtige KomponistInnen vor, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben - mit exemplarischen Werken und in erstveröffentlichten Aufnahmen von Solisten/Orchestern aus der ehemaligen DDR. Aber auch KomponistInnen aus Berlin, Bremen, Brünn, Bukarest oder Glasgow finden Sie in unserem Programm.

Interpretenporträts von herausragenden, doch weitgehend vergessenen Künstlern aus dem vorigen Jahrhundert vervollständigen unser Programm.

Poldi Mildner (1913-2007), eine Pianistin aus der Liszt-Schule. Einen "Vulkan am Klavier" nannte Franziska Kottmann die einstündige Sendung über sie im DLF.<P>

Branka Musulin (1917-1975), die Magierin am Klavier. FONO FORUM hat ihr und der Hastedt-CD eben (02/13)einen zweiseitigen Artikel gewidmet. Neu in 2014 erschien von ihr eine Doppel-CD mit ihren schönsten Plattenaufnahmen aus den 60ern (Ravel, Franck und Chopin-Konzerte), zusammen mit den Diabelli-Variationen von Beethoven.<P>

Anja Thauer (1945-1973), die "deutsche Jacqueline du Pré", wie die Süddeutsche Zeitung sie nannte, ist mit bisher drei CDs vertreten, die alle begeisterte Kritiken ernteten. Anja Thauer war eine charismatische Musikerin, die leider viel zu früh starb. <P>  

Jenny Abel, Violine mit Roberto Szidon (1941-2011) am Klavier mit Brahms' dritter Sonate, Medtners 1. Sonate, der Violinsonate von Poulenc sowie zwei hinreißenden kleineren Werken von Messiaen und Rachmaninow werden in Rundfunkproduktionen der achziger Jahre vorgestellt. <P>

Max Rostal (1905-1991), ein legendärer Geiger in der ersten Jahrhunderthälfte - und nach seiner Rückkehr aus dem Exil ein ganz wichtiger Lehrer für eine ganze Geiger"generation". An ihn wird in exemplarischen Kammermusik-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren erinnert. <P>

 


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