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Dienstag, 7. Dezember 2021

Cage, John - Credo in us...more works for percussion

Gut gegluckst


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die vorliegende CD ist der zweite Beitrag des Ensembles ,Quatour Hêlios' zu der vom Label Wergo herausgegebenen ,Edition John Cage'. Der Titel des ersten Stückes, ,Credo in US' ist vieldeutig. Man könnte ihn entweder als patriotisches (1942 !) oder als humanistisches Bekenntnis verstehen. Auch verweist er auf Cages vielleicht einflussreichsten Text: ,Die Zukunft der Musik – Credo' von 1937. Darin ,glaubt' John Cage, dass solange Geräusche in der Musik verwendet würden, bis elektrische Instrumente alle beliebigen hörbaren Klänge bereitstellen könnten. ,Credo in US' ist eine Collage, die Instrumente sind Plattenspieler, mit denen kurze Abschnitte traditioneller klassischer Musik gespielt werden, ein als Schlagzeuginstrument gebrauchtes und teilweise präpariertes Klavier, Blechdosen, Summer und ein Tom-Tom. Deren Klangfelder werden, von Pausen unterbrochen, aneinander gereiht und übereinander geschichtet. Das ,Quatour Hêlios' hat die Schallplatten gut ausgewählt und hervorragend im vorwärtstreibenden Rhythmus integriert, so dass die klassische Musik zu Geräuschen wird und die Geräusche zu Musik. Alle Instrumente werden so präzise und dynamisch ausgewogen gespielt, dass man sich beim Anhören fragt, warum instrumental gebrauchte Blechdosen noch immer eine Randerscheinung sind.

Das Stück ,Imaginary Landscape No. 1' (1939) beginnt mit Sinustönen, die ihre Tonhöhen verändern, sich überlagern und während des ganzen Stückes immer wieder auftauchen. Vorangetrieben wird das Stück von einem auf den Saiten des Klaviers schnell gestrichenem Glissando, dass in einem angeschlagenen Akkord endet, und beim ,Quatour Hêlios' klingt dies wie ein heranrollender Donner. Das ganze ist untermalt vom sphärischen Vibrieren eines chinesischen Beckens, verbunden von einem auf präpariertem Klavier akzentuiert gespielten, sich wiederholendem Rhythmus. Das ,Quatour Hêlios' reiht die Klänge nicht lediglich wie ein Experiment aneinander, vielmehr erklingt trotz der wenigen Variationen eine vielschichtige, spannende Komposition, die von einer inneren Kraft durchströmt ist. Leider ist hier das Beiheft zur CD widersprüchlich. An einer Stelle heißt es, dass die Sinustöne bereits aufgenommen waren und auf Plattenspielern mit verschiedener Geschwindigkeit abgespielt wurden, während es an anderer Stelle von Audiofrequenz-Oszillatoren spricht.

Im Stück ,Imaginary Landscape No. 3' (1942) kommen neben Audiofrequenz-Oszillatoren (oder Plattenspielern?), Summer, verstärkter Drahtspule, balinesischen Gongs und Marimba wieder die Blechdosen zum Zug, die wieder einen außerordentlich flotten, diesmal aber freundlicheren Rhythmus hinlegen.
Ganz anders, Cages Vielseitigkeit zeigend, klingt das Stück ,Inlets' (1977). Zwei Musiker glucksen und plätschern eine Weile mit zwei mit Wasser gefüllten Seemuscheln, anschließend knistert ein prasselndes Holzfeuer, bis es wieder gluckst. Schließlich legt sich über das Glucksen ein langanhaltender, nebelhornartiger Ton eines geblasenen Tritonshorns. Das Horn endet, die Muscheln glucksen genauso weiter wie zuvor, und doch klingen sie jetzt ganz anders. Das ,Quatour Hêlios' zeigt hier deutlich, wie die Wahrnehmung des selben Gegenstandes vom zuvor wahrgenommenen abhängt.

Der Titel des letzten Stückes der CD, ,But What About the Noise of Crumpling Paper...' ist so lang, dass er fünf Zeilen des Beiheftes für sich in Anspruch nimmt. Das mag wohl der Grund sein, warum es die verwendeten Instrumente verschweigt, die außer dem zerknüllten Papier und dem plätschernden Wasser weder zu identifizieren, noch im Titel zu finden sind. Meist erklingen kurze harte, holzartige Schläge, ein wenig scheppernd, durch unzählige kurze Stillen voneinander getrennt, so dass jeder Schlag besonders aggressiv klingt.
John Cage hat die meisten seiner Werke nicht genau notiert, vieles ist den Interpreten überlassen. Beispielsweise sind im letzten Stück noch nicht einmal die Instrumente bestimmt. So wird zwar in verschiedenen Aufführungen das selbe Stück gespielt, es erklingt aber ein anderes, und dies sollte man beim Anhören der CD berücksichtigen. Dennoch kann man die vorliegende Einspielung als hervorragend bezeichnen. In allen Stücken hat das Ensemble ,Quatour Hêlios' die freien Entscheidungen gut getroffen, diese werden präzise umgesetzt, so dass jeweils ein homogenes Ganzes entsteht. Dies kann man vom Beiheft leider nicht sagen. Der aus dem französischen übersetzte Text ist bisweilen widersprüchlich, bisweilen wegen seiner Bezüge auf französisches Kulturgut (fraktal-geometrische Werbung für einen Frischkäse namens La Vache quir rit') schwer verständlich.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 



Patrick Beck Kritik von Patrick Beck,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Cage, John: Credo in us...more works for percussion

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Veröffentlichung:
WERGO
1
10.09.2001
49:09
2000
2001
Medium:
EAN:
BestellNr.:
CD
4010228665123
WER 6651 2

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Cage, John


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Interpret(en):Quatuor Hêlios,


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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