> > > Wilms, Johann Wilhelm: Sinfonien Nr. 1 & 4
Mittwoch, 30. November 2022

Wilms, Johann Wilhelm - Sinfonien Nr. 1 & 4

Zwischen Haydn und Romantik


Label/Verlag: cpo
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Griffiths wählt für seine Einspielung der Wilms Sinfonien ein eher frühromantisch-dunkles, solides Klangbild, dem es etwas an Glanz fehlt.

Es gibt immer viele Gründe, warum die Werke eines Komponisten, der zu Lebzeiten hoch geschätzt wurde, keinen Eingang in den Kanon des Konzertrepertoires finden. Bei Johann Wilhelm Wilms (1772–1847) mag seine schwer zuzuordnende Nationalität eine gewisse Rolle gespielt haben, denn kein Land, in dem er lebte, konnte ihn ganz für sich allein beanspruchen. Wilms war im Bergischen Land bei Köln geboren worden, hatte sich schon früh der Musik zugewendet und einige erfolglose Jahre im heutigen Wuppertal verbracht. Die dort herrschende kunstfeindliche Atmosphäre unter den führenden calvinistischen Kaufmannsfamilien vertrieb Wilms weiter nach Westen, nach Amsterdam, welches im 18.Jahrhundert eine wichtige Station für reisende Virtuosen und eins der großen europäischen Zentren des Notendrucks war. In Amsterdam gab es ein ausgeprägtes Interesse an der Musik. Man war den Künsten positiv gegenüber eingestellt, und die reichen Kaufleute zeigten sich gerne als Mäzene und Förderer der schönen Künste. So stieß Wilms hier auf ein ideales Arbeitsumfeld, weshalb er schon bald erste Erfolge feiern konnte. Er etablierte sich sowohl in den beiden wichtigen Konzertreihen der Stadt als auch als Musiklehrer, wodurch er Zugang zu den besten Kreisen bekam.

Ihren Höhepunkt erreichte seine Karriere zwischen 1805 und 1815, als er die patriotische Welle der Befreiungskriege nutzen konnte, um sich als niederländischer Komponist zu etablieren und wichtige Werke bei den großen Leipziger Verlagen veröffentlichen konnte. Die einflussreiche Allgemeine musikalische Zeitung war ihm zu dieser Zeit sehr wohl gesonnen, und es finden sich viele positive Rezensionen seiner Kompositionen. Doch dann trat ein durch Beethovens musikalische Dominanz ausgelöster ästhetischer Wandel ein, der Wilms Werke alt und rückständig erschienen ließen. Noch 1820 hatten die Aufführungszahlen seiner Kompositionen die Beethovens übertroffen, doch schon 20 Jahre später sollte kaum noch ein Stück von ihm in Amsterdam gespielt werden. Obwohl er die offizielle Nationalhymne der Niederländer (von 1815 bis 1932) komponiert hatte ('Wien Neerlands bloed’), eignete er sich wohl dennoch nicht zur Vereinnahmung als Nationalkomponist mit niederländischer Tonsprache. Aber auch die Deutschen zeigten wenig Interesse an dem „verlorenen Sohn“, der von der Generation Schumanns nur noch mit Mitleid oder Desinteresse bedacht wurde.

Im Zuge der immer größeren Diversifizierung des Klassikrepertoires kommt nun auch Wilms wieder zu neuen Ehren. Die NDR Radiophilharmonie Hannover hat Wilms Erste (1805) und Vierte (1812) Sinfonie nun mit dem Dirigenten Howard Griffiths für das Label cpo und den NDR neu eingespielt. Griffiths kennt sich bestens mit den „Kleinmeistern“ des 18. und 19.Jahrhunderts aus und bringt sie immer wieder in überzeugenden Neuausgrabungen zu Gehör. Zuletzt sorgte er mit einer Gesamteinspielung aller Ries-Sinfonien für internationale Begeisterung. Somit ist Griffiths genau der richtige Dirigent, um Wilms in seinem historischen und musikalischen Kontext aufzuführen und ihn zeitgeschichtlich einzuordnen.

Griffiths wählt für seine Wilms-Einspielung einen relativ dunklen Orchesterklang, der von den tiefen Streichern, den tiefen Holzbläsern und den Pauken getragen wird. Im ersten Satz der Ersten Sinfonie in C-Dur betont Griffiths die häufig mit den Streichern geführten Oboen, Flöten und Klarinetten. Der zweite Satz beginnt mit einem reinen Streichersatz, den Griffiths kammermusikalisch erklingen lässt. Die schlank spielenden Violinen, Bratschen und Celli werden nach und nach durch dezent einsetzende Fagotte ergänzt, bis dann das ganze Orchester mit einem massiven Tutti-Einsatz das Thema nochmals aufgreift. Das Duett zwischen Klarinette und Fagott wird ebenfalls eher kammermusikalisch gespielt, wodurch der Kontrast zu dem kraftvoll spielenden Orchester betont wird.

Die Overtüre in D-Dur mit den Satzbezeichnungen 'Adagio-Allegro’ bedient eine frühromantische, pathosgeladene Tonsprache, die Griffiths und die Radiophilharmonie mit Freude an der großen Geste ausmusizieren. Nachdrücklich gesetzte Orchesterakkorde unterbrechen lyrisch agierende Holzbläser. Auch die Streicher müssen sich gegenüber hart gespielten Tuttipassagen behaupten, wobei Wilms Komposition einige Schwächen erkennen lässt.

In der Sinfonie Nr. 4 tritt hingegen das Blech deutlich hervor. Auch hier ist das Klangfarbenspektrum eher dunkel gewählt; das überraschend etwas, da sich Wilms in seinen Werken mehr an Haydn als an Beethoven orientierte. Das Rondo des letzten Satzes wird von souverän agierenden Streichern getragen, die über weite Strecken das musikalische Geschehen mehr oder weniger alleine gestalten müssen. Insgesamt ist Griffiths Lesart aber nicht besonders inspiriert. So manches Detail könnte liebevoller ausgestaltet sein.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Wilms, Johann Wilhelm: Sinfonien Nr. 1 & 4

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
cpo
1
20.05.2009
Medium:
EAN:

SACD
761203720927


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cpo

Wohl kaum ein zweites Label hat in letzter Zeit soviel internationale Aufmerksamkeit erregt wie cpo. Die Fachwelt rühmt einhellig eine überzeugende Repertoirekonzeption, die auf hohem künstlerischen Niveau verwirklicht wird und in den Booklets eine geradezu beispielhafte Dokumentation erfährt. Der Höhepunkt dieser allgemeinen Anerkennung war sicherlich die Verleihung des "Cannes Classical Award" für das beste Label (weltweit!) auf der MIDEM im Januar 1995 und gerade wurde cpo der niedersächsische Musikpreis 2003 in "Würdigung der schöpferischen Leistungen" zuerkannt.
Besonders stolz macht uns dabei, daß cpo - 1986 gegründet - in Rekordzeit in die Spitze vorgestoßen ist. Das Geheimnis dieses Erfolges ist einfach erklärt, wenn auch schwierig umzusetzen: cpo sucht niemals den Kampf mit den Branchenriesen, sondern füllt mit Geschick die Nischen, die von den Großen nicht besetzt werden, weil sie dort keine Geschäfte wittern. Und aus mancher Nische wurde nach einhelliger Ansicht der Fachwelt mittlerweile ein wahres Schmuckkästchen.
Am Anfang einer Repertoire-Entscheidung steht bei uns noch ganz altmodisch das Partituren-lesen, denn nicht alles, was noch unentdeckt ist, muß auch auf die Silberscheibe gebannt werden. Andererseits gibt es - von der Renaissance bis zur Moderne - noch sehr viele wahre musikalische Schätze zu heben, die oft näher liegen, als man meint. Unsere großen Werk-Editionen von Pfitzner, Korngold, Hindemith oder Pettersson sind nicht umsonst gerühmt worden. In diesem Sinne werden wir fortfahren.
Letztendlich ist unser künstlerisches Credo ganz einfach: Wir machen die CDs, die wir schon immer selbst haben wollten. Seien Sie herzlich zu dieser abenteuerlichen Entdeckungsfahrt eingeladen!


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