> > > Bruch, Max: Violinkonzerte Nr. 2 & 3
Montag, 29. November 2021

Bruch, Max - Violinkonzerte Nr. 2 & 3

Desillusionierend oberflächlich


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Maxim Fedotov und das Russische Philharmonische Orchester und Leitung von Dmitry Yablonsky musizieren Max Bruchs zweites und drittes Violinkonzert in recht oberflächlicher Manier.

Als kürzlich an dieser Stelle ein Kollege ein Loblieb auf eine Veröffentlichung mit dem Russischen Philharmonischen Orchester und seinem Dirigenten Dmitry Yablonsky gesungen hat, musste ich mir doch stark die Augen reiben angesichts anderer Höreindrücke, die ich von dieser Kombination her kenne. Als Beispiel dafür mag die vorliegende Neuaufnahme der Violinkonzerte Nr. 2 d-Moll op. 44 und Nr. 3 d-Moll op. 58 von Max Bruch mit dem Solisten Maxim Fedotov dienen, dritter Teil einer bei Naxos erscheinenden Gesamteinspielung von Bruchs Werken für Violine und Orchester: Denn die Freude am Umstand, dass sich hier jemand der beiden wenig bekannten Komposition annimmt (die immer noch viel zu sehr im Schatten des weitaus bekannteren ersten Violinkonzerts g-Moll op. 26 stehen), wird rasch durch die Details der Ausführung getrübt.

Grundsätzlich ist der Orchesterklang undifferenziert und verwaschen, die Instrumente vermischen sich zu einem breiigen Klang, der in den Tuttipassagen den einzelnen Farben und Details wenig Raum gibt. Damit aber nicht genug, hakt es auch beim Zusammenspiel, etwa in der Orchesterexposition aus dem Kopfsatz von op. 58, bei dem viele der Auftakte und Einsätze auf unbetonter Zählzeit unpräzise und verwackelt ausfallen. Außerdem fragt man sich gelegentlich verdutzt, wo der musikalische Bogen bei der Darstellung bleibt: Yablonsky zerlegt vor allem die Kopfsätze beider Konzerte, ohne wirklich einen Bogen zu spannen, wodurch der Anschein bunter Flickenteppiche entsteht. Die Tempoverhältnisse erscheinen gleichfalls nicht recht durchdacht: Der 'Adagio, ma non troppo’-Kopfsatz aus op. 44 – es handelt sich (eine höchst originelle formale wie dramaturgische Lösung) um einen Trauermarsch, wie man den Interpreten vielleicht hätte erklären sollen, nicht etwa um ein Moderato-Schreiten und -Hüpfen – mutet überhetzt an, während die lyrischen Passagen zum Verschleppen neigen, weshalb in der Durchführung beim zweitaktig komponierten Aufeinanderprallen unterschiedlicher Motive aus beiden Themen ein völlig unmotivierter Tempowechsel entsteht.

Auch das Spiel von Maxim Fedotov hinterlässt einen leicht zwiespältigen Eindruck: Klar, es gibt sehr schöne Passagen, so etwa die leidenschaftlichen Allegro-Abschnitte im 'Recitativo’-Mittelsatz aus op. 44, das zarte Ende dieses Satzes oder auch das Adagio aus dem Konzert Nr. 3. An der Oberfläche spielt der Geiger zwar mitreißend, doch lässt er kein einziges Ausdrucksklischee aus und schaltet von Anfang an den emotionalen Turbo ein, ohne überhaupt jemals an Zurückhaltung zu denken. Für den Kopfsatz des zweiten Violinkonzerts ist das sehr ungünstig, da später auftauchende Anweisungen wie ‚con gran espressione’ keine Steigerungsmöglichkeiten mehr erfahren und die Wiedergabe auf die Dauer doch etwas eintönig wird. Auffällig ist auch Fedotovs übertriebene Ausgestaltung des Portamentos (gegen dessen Anwendung prinzipiell nichts zu sagen wäre), da er es manchmal schon zum Glissando macht, was einfach geschmacklos anmutet. Während der Geiger unter Anwendung solcher Ausdrucksmittel in den raschen Sätzen die Tempi der ruhigeren Themen etwas zerdehnt, wirkt die Darstellung des Passagenwerk häufig etüdenhaft und sinnfrei virtuos, ohne die nötige Sensibilität für eine maßvolle Gestaltung und mit zu vielen unnötigen und geräuschhaften Bogenattacken angereichert.

Dennoch kann man Fedotov nicht das Gefühl für ein sehr gutes Timing absprechen, denn er belebt den Vortrag oft, indem er einzelne rhythmische Werte kaum merklich vorweg nimmt oder verzögert. Dies wirkt jedoch nur dort, wo es auch angebracht ist; wo hingegen das Zusammenspiel im rhythmischen oder melodischen Unisono mit einzelnen Instrumenten oder gar dem gesamten Orchester gefragt ist – gemeinsame Viertel-Schreitbewegungen können in dieser Beziehung besonders tückisch sein –, wirkt es völlig fehl am Platz und erweckt eher den Eindruck, als habe der Solist hier entweder nicht auf den Dirigenten geachtet oder als habe der Dirigent keine Kontrolle über das Gesamtergebnis behalten. Vielleicht könnte man aber auch mutmaßen, dass für diese Aufnahme nicht besonders viel geprobt wurde. Auf jeden Fall sind beide Konzerte weitab von ihren Möglichkeiten realisiert worden. Dass man sich zudem mit der Produktion nicht besonders viel Mühe gegeben hat, zeigt z.B. ein falscher Horneinsatz bei 2:25 im Kopfsatz des Konzerts op. 44, der im Nachhinein noch nicht einmal retouchiert wurde. All dies führt dazu, dass ich diese oberflächliche Veröffentlichung eher demjenigen empfehlen möchte, der seine CDs im Auto hört; demjenigen hingegen, der eher auf Feinheiten der Umsetzung aus ist, dürfte sie kaum genügen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Bruch, Max: Violinkonzerte Nr. 2 & 3

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
01.06.2009
Medium:
EAN:

CD
747313279326


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Bruch, Max
 - Violinkonzert Nr. 2 d-Moll op. 44 - Adagio ma non troppo
 - Violinkonzert Nr. 2 d-Moll op. 44 - Recitativo - Allegro moderato
 - Violinkonzert Nr. 2 d-Moll op. 44 - Finale - Allegro molto
 - Violinkonzert Nr. 3 d-Moll op. 58 - Allegro energico
 - Violinkonzert Nr. 3 d-Moll op. 58 - Adagio
 - Violinkonzert Nr. 3 d-Moll op. 58 - Finale - Allegro molto


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Dirigent(en):Yablonsky, Dmitry
Orchester/Ensemble:Russian Philharmonic Orchestra
Interpret(en):Fedotov, Maxim


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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