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Dienstag, 18. Juni 2019

López, Francisco - Trough the looking-glass

Virtuelle Wälder


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


'Trough The Looking-Glass' versammelt Klangkunstwerke der letzten 15 Jahre von Francisco López.

Beim österreichischen Label Kairos entsteht zurzeit eine umfassende Reihe zur zeitgenössischen Musik aus Spanien (siehe klassik.com-Interview vom 8. 5. 2009), die bislang auf viel positive Resonanz gestoßen ist. Als ein weiterer Teil in dieser Reihe ist nun mit 'Trough The Looking-Glass' (Durch den Spiegel) eine schwarze, fünf CDs enthaltende Box erschienen, die sich ganz der Arbeit der letzten 15 Jahre des Klangkünstlers Francisco López (1964) widmet. López ist auf dem Gebiet der experimentellen Musik kein Unbekannter, besonders im Bereich der sound art (Klangkunst) und der Klangschöpfung (sound creation) wurden viele seiner Stücke bereits aufgeführt und eingespielt.

Es dürfte relativ klar sein, dass es sich bei López’ Werken nicht um notenschriftlich fixierte Kompositionen handelt, die von Musikern auf einer Bühne interpretiert werden, sondern um Musik im weiten Sinn, um Ton- beziehungsweise Feldaufnahmen, die der Realität entnommen werden, um im Studio verarbeitet, verändert zu werden. López selbst spricht von einem ‚progressiven Transformationsprozess der akustischen Wirklichkeit’, er sei ‚fasziniert von der Erschaffung und figürlichen Konstruktion von virtuellen Erfahrungswelten, die außerhalb der räumlichen, zeitlichen und materiellen Substanz der Wirklichkeit liegen’. Diesem Vorhaben liege die Ansicht vom Hören als phänomenologischer Erfahrung zugrunde, die Erkenntnis, dass die akustischen Erscheinungen in der Welt genauso unmittelbar gegeben sind wie alles andere und als Ausgangspunkt für die Schöpfung vorübergehender, nicht tatsächlich existierender, aber in ihrer Wirkung ähnlicher Erscheinungen dienen können.

Wie genau aber hat man sich so etwas vorzustellen? Fernab von jeglicher theoretischen Motivation entfalten López’ Klangstücke als auf die Sinne gerichtete Kunstwerke oftmals eine intensive Wirkung. Woran das liegt, lässt sich schwer in Worte fassen. Zum einen provoziert ein Werk wie 'Buildings [New York]' eine andere, ungewohnte Art der akustischen Wahrnehmung: was im Alltag automatisch ausgeblendet wird, weil man es für überflüssiges Geräusch hält, gewinnt plötzlich an Eigenwert, wird besonders. López’ Originalaufnahmen aus Gebäuden wie dem Millennium Building oder dem Nordturm des World Trade Center – die Aufnahmen entstanden zwischen Januar und März 2001 – bestehen dabei nicht aus Lärm, den Menschen oder irgendwelche Geräte produzieren, sondern anscheinend überwiegend aus Klängen, die quasi von den Gebäuden selbst verursacht werden. Leider geht der ansonsten informative Booklet-Text hier nicht ins Detail, so dass die Antwort auf die Frage nach den Klangquellen der Fantasie des Hörenden überlassen bleibt, wodurch allerdings deren Rätselhaftigkeit, deren Andersartigkeit fortbesteht. Vom urbanen Raum in den tropischen Regenwald von Costa Rica führt 'La Selva'. Innerhalb von 70 Minuten ziehen hier unter anderem extreme Regengüsse und Gewitter, Zikadengezirp und wildes Tiergeheule mit erstaunlicher Plastizität am Ohr vorbei.

Gehen 'Buildings [New York]' und 'La Selva' noch von einer unbearbeitet wiedergegebenen Zusammenstellung einer natürlichen Klangumgebung aus, kommt es in 'Belle Confusion 969', 'Qal' at Abd’ al-Salam’ und 'O Parladoiro Desamortuxado' zur oben erwähnten Transformation. 'Belle Confusion 969' beruht erneut auf Umweltaufnahmen von tropischen und diesmal auch subtropischen Wäldern, die nun in Südamerika, Afrika und Asien gelegen sind, wobei sich hier tatsächlich der Eindruck einer neu erschaffenen, akustischen Virtualität einstellt, insofern als das klangliche Ausgangsmaterial zwar gelegentlich durchscheint, die elektronischen Bearbeitungen im Tonstudio dieses aber so verändert haben, dass man sich in einem technischen, künstlichen, hybriden Urwald zu befinden glaubt – eine aufgrund ihres hohen Irritationspotentials spannende Erfahrung.

'Qal’ at Abd’ al-Salam’ und 'O Parladoiro Desamortuxado' verorten sich dagegen in spanischen Städten und klingen dementsprechend mehr nach Zivilisation. Bei einigen Tracks wie 'Twelve raging fishes' oder 'A time spirit in the body of the plant' empfiehlt es sich allerdings, den Lautstärkeregler nicht zu weit aufzudrehen, da das Rauschen teilweise sehr scharf wird und über die Schmerzgrenze hinaus bewegt.

In den Stücken 'untitled #217, 218 & 219' sind die Aufnahmeorte dann, falls es überhaupt noch welche gibt und die Stücke nicht ausschließlich im Studio entstanden sind, vollkommen unkenntlich gemacht. Von allen Werken wirken sie mit am künstlichsten, jedoch nicht weniger faszinierend.

Wer sich für Klangkunst interessiert oder auf der Suche nach akustisch vermittelten Erfahrungen von Fremdheit ist oder einfach einen anderen Blick auf die Wirklichkeit werfen möchte, für den dürfte 'Trough The Looking-Glass' genau das richtige sein.

Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    López, Francisco: Trough the looking-glass

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Kairos
5
19.06.2009
310:50
EAN:
BestellNr.:

9120010281440
KAI 0012872


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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