> > > Gabriela Demeterová spielt: Violinkonzerte von Benda, Pichl & Vranický
Sonntag, 29. Mai 2022

Gabriela Demeterová spielt - Violinkonzerte von Benda, Pichl & Vranický

Schade, schade …


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die Geigerin Gabriela Demeterová und das Prager Kammerorchester verleihen dieser Aufnahme mit Violinkonzerten von Frantisek Benda, Václav Pichl und Antonín Vranicky einen etwas angestaubten Eindruck.

Schon der Beginn zeigt unmissverständlich an, in welche Richtung es mit dieser Einspielung geht: Das Violinkonzert D-Dur von František (Franz) Benda (1709–1786), laut dem etwas unbeholfenen Booklet ‚von der damals gängigen italienischen Tradition unabhängig’ (was immer das auch heißen mag), kommt mit einer Orchesterexposition daher, in der alle das Tempo markierenden Viertelwerte so gleichmäßig wie möglich vorgetragen werden, die Akzentstufen des Metrums so gut wie nicht berücksichtigend. Dadurch entsteht im Kopf der Eindruck eines steifbeinigen alten Herrn, der etwas ungelenkt durch die Gegend stakst: Schade eigentlich, dass das Prager Kammerorchester hier und im weiteren Verlauf so völlig bar jeglichen Sinns für Phrasierung und Artikulation agiert, denn die CD enthält – mit Werken von Bendas, Václav (Wenzel) Pichl (1741–1805) und Antonín Vranický (Anton Wranitzky, 1761–1820) – drei hörenswerte und sonst leider nur selten gespielte Kompositionen aus der österreichisch-böhmischen Tradition des Violinspiels.

Was das Label Supraphon da auf den Markt gebracht und zudem mit einem Video-Bonus versehen hat, ist eine etwas angestaubt anmutende Produktion aus dem Jahr 1994. Sie wartet mit einer Musizierhaltung auf, die man in einer Neuaufnahme nicht mehr ernsthaft präsentieren könnte, weil sie zwar technisch souverän, aber doch so völlig jenseits der seither in den Vortrag eingeflossenen Erkenntnisse zur Aufführungspraxis gehalten ist. Nicht nur das Orchester ist davon betroffen, auch das Spiel der Solistin Gabriela Demeterová wirkt unnötig schwerfällig: Jede Note wird mit Bedeutung aufgeladen und pathetisch mit dem Bogen aus den Saiten herausgesaugt, die übermäßig expressive Vibrato-Ausformung lässt keine Raffinessen der Artikulation und keinen Platz für sinnvolle Phrasierungen zu, und vor allem in den langsamen Sätzen fehlt jegliches Gespür für eine dynamisch differenzierende Darstellungen der Melodielinien, während die manchmal eine Spur zu breit angegangenen Finali den Sinn für die tänzerischen Elemente vermissen lassen.

Man verstehe mich recht: Schlecht ist diese Aufnahme keinesfalls; sie repräsentiert jedoch einen Vortragsstil, der eher an die Sechziger- und Siebzigerjahre, denn an das aktuelle Wissen um Gestaltungsmöglichkeiten erinnert und die Kompositionen über weite Strecken hinweg zu unverbindlich wirkenden Stücken werden lässt, ohne deren jeweils individuelle Charaktere zu entfalten. Bedauerlich ist dies auch angesichts von Pichls Violinkonzert D-Dur op. 1 Nr. 3, das neben reicher melodischer Erfindung viele originelle kompositorische Gestaltungselemente und einen atmosphärisch gearbeiteten Mittelsatz aufweist – alles Elemente, über die hier jedoch von Solistin und Orchester eher achtlos im Sinne einer munter-romantisierenden Interpretationshaltung hinweg musiziert wird. Das harmonisch schon in ganz andere Ausdruckswelten vortastende Violinkonzert C-Dur von Vranický kommt schließlich aufgrund der größeren Orchesterbesetzung manchmal etwas lärmend daher. Obgleich auch hier der musikalische Zugriff der Interpreten einer wirklich überzeugenden Gestaltung der Musik im Wege steht, kommt der Hang zur Legato-Klanglichkeit den manchmal an Beethoven gemahnenden Klängen doch viel eher entgegen als der weitaus zarteren Musik früherer Jahrzehnte.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Gabriela Demeterová spielt: Violinkonzerte von Benda, Pichl & Vranický

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
22.05.2009
Medium:
EAN:

CD
099925397722


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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