> > > Rostal, Max: Violin-Schlüssel-Erlebnisse. Erinnerungen. Mit einem autobiografischen Text von Leo Rostal
Montag, 15. Juli 2019

Rostal, Max - Violin-Schlüssel-Erlebnisse. Erinnerungen. Mit einem autobiografischen Text von Leo Rostal

Doppelter Blick auf Zeitgeschichte


Label/Verlag: Ries & Erler
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Max Rostals Autobiographie - eine insgesamt sehr lesenswerte Angelegenheit, die nicht nur viel über die musikalische Ausbildung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts verrät, sondern auch ein wichtiges Stück Zeit- und Kulturgeschichte vermittelt.

Trotz seines von Kritikern hoch gelobten Spiels gehörte der 1905 in Teschen (ehemals Österreichisch-Schlesien) stammende Geiger Max Rostal (1905–1991) nie zur ersten Garnitur international agierender Solisten, sondern war weit eher als einer der bedeutendsten Pädagogen aus dem deutschsprachigen Raum bekannt – eine Tätigkeit, die er mit einer ganzen Reihe wichtiger Publikationen und instruktiver Notenausgaben untermauerte. Als geigendes Wunderkind studierte Rostal zunächst in Wien bei Arnold Rosé, wechselte jedoch mit 13 Jahren zu Carl Flesch an die Hochschule für Musik nach Berlin. 1928 wurde er dessen Assistent, 1931 erfolgte seine Berufung zum jüngsten Professor der Berliner Hochschule, an der er bis 1933 unterrichtete. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft emigrierte Rostal 1934 nach London, wo er 1944–1958 Professor an der Guildhall School of Music and Drama war. 1957 erhielt er dann einen Ruf an die Hochschule für Musik in Köln; gleichzeitig leitete er ab 1958 eine Meisterklasse am Konservatorium in Bern, wo er bereits seit 1954 Meisterkurse abhielt. Mit seiner pädagogischen Tätigkeit in der Tradition Fleschs prägte Rostal die Ausbildung einer ganzen Generation von Geigern und unterrichtete so namhafte Musiker wie Yfrah Neaman, Edith Peinemann, Jenny Abel, Igor Ozim, Ulf Hoelscher oder Thomas Zehetmair.

Diese kurze biografische Skizze verdeutlicht, dass Rostal in durchaus exemplarischer Weise die Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts erlebt hat. Auskunft darüber gibt seine im Archiv der Universität der Künste in Berlin aufbewahrte fragmentarische Autobiografie, die von den Herausgebern Dietmar Schenk und Antje Kalcher in dieser lesenswerten Buchausgabe zugänglich gemacht wird. Der Text umfasst die ereignisreiche und dramatische erste Hälfte von Rostals Leben und reicht bis in die Londoner Zeit, wo er dann in den 1940er Jahren abbricht. Sehr anschaulich und in klarer Sprache berichtet der Geiger über seine Anfänge als ‚Wunderkind’, über diverse Einflüsse und Erlebnisse sowie über seine steile Karriere in Berlin, die dann durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die dadurch erzwungene Emigration abrupt beendet wurde. Besonders interessant wird das Buch jedoch dadurch, dass die Herausgeber gleichzeitig auch die ohne Titel überlieferten Erinnerungen von Rostals älterem Bruder, dem Cellisten Leo Rostal (1901–1983), zugänglich machen.

Die Lebenswege beider Brüder verlaufen nebeneinander und überkreuzen sich bis zur Emigration immer wieder, bevor mit der Exilsituation die eigentliche Trennung eintritt; während nämlich Max nach England geht, kann sich Leo nach New York retten. Der Text des Älteren, hier aus dem amerikanischen Englisch ins Deutsche übertragen, ist gleichfalls nur fragmentarisch und endet mit dem Kapitel ‚New York, ab 1939’. Allerdings ergänzen sich beide autobiografischen Entwürfe vorzüglich, da sie unterschiedliche Sichtweisen, mithin sogar zwei voneinander abweichende Lebensentwürfe miteinander konfrontieren und somit sehr teils stark differierender Blicke auf den modernen Lebensstil der 1920er Jahre werfen. Oder, wie es die Herausgeber in ihrem Vorwort treffend formulieren: „Der eine Autor, Max, ist ernst und eher intellektuell, der andere, Leo, nimmt das Leben, so scheint es, leichter. Der eine bewegt sich schon früh in der Elite der ‚klassischen’ Musik, der andere kostet den modernen Lebensstil der Twenties aus.“

Gerade diese offen zu Tage tretende Differenz zwischen den Aufzeichnungen der Brüder macht den Band zu einer spannenden Lektüre. Dass das Buch darüber hinaus noch durch vielerlei auf die Texte bezogenes Bildmaterial glänzt, ist gleichfalls erfreulich. Eine zusätzliche Dimension erhält die Publikation zudem durch die ausführlichen Erläuterungen der beiden Herausgeber, in denen wichtige Ereignisse genauer aufgeschlüsselt, Biografien erwähnter Personen ergänzt und viele weitere Details zum besseren Verständnis der Kontexte ergänzt werden. Herausgekommen ist dabei eine insgesamt sehr lesenswerte Angelegenheit, die nicht nur viel über die musikalische Ausbildung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts verrät, sondern auch ein wichtiges Stück Zeit- und Kulturgeschichte vermittelt.


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    Rostal, Max: Violin-Schlüssel-Erlebnisse. Erinnerungen. Mit einem autobiografischen Text von Leo Rostal

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Ries & Erler
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Ries & Erler

Am 1.Juli 1881 gründete der Violinvirtuose, Komponist und Königl. Sächs. Hofmusikalienhändler Franz RIES mit dem Verleger Hermann ERLER in Berlin den Musikverlag RIES & ERLER. Franz Ries, der als Sohn des Berliner Konzertmeisters Hubert Ries und als Neffe des Beethovenschülers und -freundes Ferdinand Ries aus einer Musikerfamilie kam, steuerte als Komponist auch eigene Werke wie "Perpetuum mobile" und später "La Capricciosa" bei, die heute noch beliebte Vortragsstücke für Violine sind. Durch Ankauf der Verlage M.Schloß, Köln, Voigt, Kassel, E.F. Hientzsch, Breslau und im weiteren Verlauf die Übernahme von R.Sulzer und Jatho, Berlin wurde das Verlagsprogramm wesentlich erweitert.

Nach dem Tode Hermann Erlers führte Franz Ries den Verlag allein weiter.

Der Schwerpunkt der gegenwärtigen Verlagsproduktion ist die Herausgabe zeitgenössischer Ernster Musik.

Von Fleschs Skalensystem für Violine (1987 von Max Rostal neu herausgegeben und erweitert) wurden die Ausgaben für die gesamte Streicherfamilie (Va - Vc - Kb) veröffentlicht. Besonders erfolgreich sind auch die kürzlich editierten Unterrichtswerke für Violine von Zakhar Bron und Ramin Entezami sowie Lieteratur für Kinder und Jugendkonzerte für Sinfonieorchester.

Seit 1997 liegt ein weiterer Schwerpunkt des Verlagsprogramms in der Herausgabe und Auswertung von Stummfilm-Musiken (original und neukomponiert), wie u.a. der Original-Filmmusik zum Fritz Lang-Stummfilm Metropolis (UNESCO Weltkulturerbe) von Gottfried Huppertz.

Seit 2002 ist bei Ries & Erler die von Bert Hagels herausgegebene Edition "Sinfonik des 19.Jahrhunderts" sehr erfolgreich. (Die CDs - produziert auf Grundlage dieser Edition - erscheinen überwiegend beim renommierten Label CPO)

Der Verlag Ries & Erler wird auch in Zukunft ein möglichst breitgefächertes Verlagsprogramm anbieten und damit traditionsbewußt sein, aber auch Aufgeschlossenheit dem Neuen gegenüber dokumentieren.


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