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Sonntag, 20. Oktober 2019

Feldman, Morton - Five pianos

Sanfte Zumutung


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Auch wenn Varèses 'Ameriques' in der ursprünglichen Fassung nicht mitzureißen vermag, kann diese Aufnahme durch die übrigen Stücke für sich einnehmen.

Die Sirene fehlt. Edgar Varèse selbst bearbeitete sein offizielles Opus 1, das Orchesterwerk ‘Amériques’ von 1920/21, für vier Pianisten (an zwei Klavieren). Kein 'Elektra'-Orchester mehr, keine krassen Klangeffekte – Struktur statt Farbigkeit. Die ursprüngliche Fassung dieser Bearbeitung stellte die Pianistin Helena Bugallo nun nach Varèses Manuskript wieder her. Die vier Musiker – neben Bugallo noch Amy Williams, Amy Briggs und Benjamin Engeli – durchleuchten die Partitur erstaunlich nüchtern. Durchaus mit Energie in den zahlreichen Glissandi, auch im Meißeln der Klangblöcke. Aber um die dionysische Klangfeier machen sie einen Bogen, geben sich dieser Musik, der eine gehörige Portion Futurismus innewohnt, nicht hin. Sie sezieren. Doch so sehr sie sich auch bemühen, mit chirurgischer Präzision den Blick auf das Ganze gerichtet zu halten: Die Struktur des Werks – das bei aller 'Sacre'-Radikalität durchaus auch an die Sinfonische Dichtung neudeutscher Schule anknüpft – erweist sich als zu kleingliedrig, als dass ein Spannungsbogen entstünde, der die halbstündigen ‘Amériques’ zu einem Hörerlebnis machte. Dass von einem Klangerlebnis im Vergleich mit der Orchesterfassung indes keine Rede sein kann, liegt in der Natur dieser Bearbeitung.

Umrahmt wird das Werk von zwei Kompositionen Morton Feldmans (1926–87), der in Varèse sein großes Vorbild sah: ‚Was wäre mein Leben gewesen ohne ihn?’ Das Ziel seiner Musik ist eine Musik ohne Ziel; die Abkehr von der europäischen Tradition, verstanden als Form, Systematik, persönliche Aussprache des Komponisten. Nichts von alledem also in seinem ‘Piece For Four Pianos’ (1957): Vier Klaviere, die klingen wie ein einziges. Eine zaghaft tastende Musik, die sich immer wieder neu entfaltet: Zwar sind einige wichtige Parameter für jeden Pianisten identisch, doch die Länge der Töne ist freigestellt, und es soll nicht aufeinander gehört werden. Die Zwischentöne dieser Rätselmusik geraten ins Hör-Feld; die Ränder einer wie auch immer gearteten, stets neu sich entwickelnden Form verwischen – Musik wie durch satiniertes Glas. Faszinierend dabei, dass man die acht Hände nicht hört; die Interpreten gestalten und entwickeln mit delikatem Anschlag.

Nicht minder unpersönlich ist das Stück ‘Five Pianos’ aus dem Jahr 1972. Zum Klang der fünf Flügel gesellt sich eine Celesta, zuweilen auch das Summen der Pianisten. Meditativ, sehr langsam, entrückt – und entrückend, sofern man sich auf diese fast zum Stillstand herunter gedimmte ‘minimal music’ einlassen möchte. Eine Musik ohne Ziel, im Klang kein Schillern. Doch mit allerfeinstem Gespür musiziert.

Interpretation:
Klangqualität:
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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Feldman, Morton: Five pianos

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
23.04.2009
Medium:
EAN:

CD
4010228670820


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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