> > > Beethoven, Ludwig van: Violinsonaten op. 47 & 96
Dienstag, 25. Januar 2022

Beethoven, Ludwig van - Violinsonaten op. 47 & 96

Dialogisches Musizieren


Label/Verlag: Accent
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Der Geiger Hiro Kurosaki und der Pianistin Linda Nicholson legen den ersten Teil einer Gesamtaufnahme von Ludwig van Beethovens Sonaten für Klavier und Violine auf historischem Instrumentarium vor und können damit überzeugen.

Mit dem Geiger Hiro Kurosaki und der Pianistin Linda Nicholson stellen sich zwei Experten der historisch informierten Aufführungspraxis der Aufgabe einer Gesamteinspielung von Ludwig van Beethovens Sonaten für Klavier und Violine. Der erste Teil der beim Label Accent in Kooperation mit dem Westdeutschen Rundfunk erscheinenden CD-Reihe beinhaltet die Sonaten A-Dur op. 47 (die so genannte "Kreutzer"-Sonate) sowie die Sonate G-Dur op. 96. Nun ist dies nichts Ungewöhnliches mehr in der heutigen Zeit, denn entsprechende Aufnahmen mit historischem Instrumentarium gab es auch schon in der Vergangenheit; dennoch bleibt jeder neue Versuch spannend, weil sich hier vielleicht stärker als bei der Wiedergabe mit heutigem Instrumentarium die unterschiedlichen Interpretationsauffassungen zeigen. Wer die Beethoven’schen Kompositionen bislang nur auf zeitgenössischem Instrumentarium gehört hat, wird sich zunächst an das aufgrund des Klaviers vor allem in den Bassregionen stark veränderte Klangbild dieser Einspielung – Nicholson benutzt ein Fortepiano von Johann Fritz (Wien, um 1812) – gewöhnen müssen. Ansonsten kann er jedoch eine sehr empfehlenswerte und erstaunlich schlüssige Wiedergabe beider Kompositionen genießen.

Bei ihrer Umsetzung der "Kreutzer"-Sonate überzeugt das Duo durch den konzertanten Gestus, der an einigen Stellen bis in die Extreme ausmusiziert wird und mitunter – glücklicherweise – die Grenze des Schönklangs überschreitet. Dass gerade der Kopfsatz aus seinen Nähten zu platzen droht, wird insbesondere beim vielfältigen Agieren im Fortebereich deutlich; dass der Musik aber auch ein gewisser Hang zum Improvisatorischen innewohnt, erfährt der Hörer dort, wo Kurosaki die von Beethoven gesetzten Fermaten entsprechend der unmittelbar nachfolgenden Klaviereinsätze gestaltet. Dass beide Interpreten genau wissen, was sie tun, und wie sie die Möglichkeiten ihrer Instrumente im Zusammenspiel am besten zur Geltung bringen können, merkt man ihrer Lesart vom ersten Augenblick an. Gerade den dialogischen, auf den Eindruck von Spontaneität zielenden Elementen des Vortrags wird viel Raum gegeben, worin sich viel von der gründlichen, gemeinsam erworbenen Musiziererfahrung abzeichnet.

Dadurch erklärt sich beispielsweise die Stringenz des Variationssatzes, in dem die vielen humoristischen, häufig viel zu ernst genommenen Elemente von Beethovens Schreibart klar zutage treten, was vielfach durch das spielerische Ausdeuten der geforderten Virtuosität erfolgt, aber Momente der inneren Einkehr – wie etwa die in der klanglich gedämpften dritten Variation und die als zurückhaltende Reflexion gestaltete 'Molto adagio'-Überleitung zum abschließenden Teil – als Kontrast hierzu keinesfalls ausschließt. Der abrupte Anschluss des Finales an den noch nicht ganz verklungenen Schlussakkord rückt indes die Atemlosigkeit des Kopfsatzes mitsamt der virtuosen Elemente wieder ins Blickfeld – ein Ansatz, der aufgrund einer ebenso technisch brillanten wie klanglich klaren Umsetzung viel zur Wirkung des Werkes beiträgt. Dass sich Kurosaki immer wieder auch des Portamentos als Ausdrucksmittel bedient, um Höhepunkte oder bestimmte melodische Wendungen zu unterstreichen, gehört dabei zu den besonders erfrischenden Details der Einspielung.

Die Kombination dieser konzertanten Sonate mit dem wesentlich ruhigeren Pendant op. 96 sorgt dafür, dass auch andere Qualitäten des Duospiels zur Geltung kommen: Hier sind es, schon im Kopfsatz erkennbar, verschiedene Facetten einer den Atembögen folgenden Kantabilität, die in den Vordergrund des gemeinsamen Musizierens treten und durch Augenblicke wie das prägnant dargebotene, marschartige zweite Thema aufgelockert werden. Obgleich duchweg in verhaltenem Tonfall wiedergegeben, fasziniert der Satz durch eine große Dichte, die sich wiederum dem eng aufeinander abgestimmten Musizieren Kurosakis und Nicholsons verdankt. Besonders schön kommt dieses etwa in den Trillerketten der Kopfsatz-Coda zum Ausdruck, darüber hinaus aber auch in den subtil gezeichneten Melodielinien des 'Adagios' oder der Kontrapunktik des finalen Variationssatzes. Dass die musikalische Seite zudem durch fundierte Booklet-Beiträge abgerundet wird, die sowohl über die eingespielten Werke als auch über die verwendeten Instrumente Aufschluss geben, macht die CD auch für den Beethoven-Einsteiger empfehlenswert.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Beethoven, Ludwig van: Violinsonaten op. 47 & 96

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Accent
1
01.05.2009
Medium:
EAN:

CD
4015023242111


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Accent

Schon bei der Gründung des Labels 1979 durch Andreas Glatt war klar, dass ACCENT sich fast ausschließlich mit Alter Musik in historischer Aufführungspraxis beschäftigen würde. Die Künstler, die für ACCENT aufnehmen oder aufgenommen haben, gehörten von Anfang an zu den renommiertesten Interpreten der "Alte-Musik-Szene": darunter die Brüder Barthold, Sigiswald und Wieland Kuijken, René Jacobs, Jos van Immerseel, Maria Cristina Kiehr mit La Colombina, Paul Dombrecht, Marcel Ponseele mit seinem Ensemble Il Gardellino, aber auch jüngere Künstler wie Ewald Demeyere und sein Bach Concentus, das Ensemble Private Musicke mit Pierre Pitzl oder das Amphion Bläseroktett. Der ACCENT-Katalog möchte den neugierigen Musikfreund auf eine Reise durch die Welt der Alten Musik mitnehmen. Dabei wird er, neben ausgewählten Standardwerken, nicht selten Stücken begegnen, die kaum im Konzertbetrieb oder auf CD anzutreffen sind. Erstaunlicherweise stammen sie nicht nur von wenig bekannten Komponisten, sondern auch von so großen Namen wie Johann Sebastian Bach oder Georg Philipp Telemann. Diese Raritäten werden für ACCENT nicht allein um ihres Seltenheitswerts aufgenommen, sondern vielmehr, weil sie wichtige, bislang sträflich vernachlässigte Werke sind, deren Entdeckung zu einem persönlichen Anliegen der Interpreten wurde.


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