> > > Haydn, Joseph: Streichquartette op. 17 Nr. 1- 6
Dienstag, 12. Dezember 2017

Haydn, Joseph - Streichquartette op. 17 Nr. 1- 6

Von der "schieren Schönheit" und den Gefahren der Galanterie


Label/Verlag: Tacet
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Unbestritten gehört das Auryn Quartett zu den Spitzenformationen im Bereich des Streichquartetts. Nicht jede Folge seiner Haydn-Gesamtschau ist jedoch gleich empfehlenswert. In Opus 17 droht mitunter die Langeweile des (zu) Perfekten.

Unter den vierzehn Streichquartett-Opera gehört Haydns Opus 17 aus dem Jahre 1771 zu den Stiefkindern: Ein neuer kompositorischer Stand der Gattung - noch im Bereich eines ‚empfindsam-galanten Stils‘ - scheint bereits ein Jahr früher mit den sechs Quartetten Opus 9 weitgehend etabliert, und kühne Neuerungen auf dem Weg zur Klassizität der Werke ab Opus 33 finden sich eigentlich erst wieder im sechsteiligen Opus 20, den Sonnen-Quartetten. Auch in den sechs Quartetten Anno 1771 ist erstaunlich, welch große Varianz die thematischen Charaktere und Entwicklungsstrategien gerade der vier Moderato-Kopfsätze aufweisen, ergänzt um das zukunftsweisende ‚Sturm und Drang‘-Presto des sechsten Quartetts auf der einen und ein fast Rokoko-haft neckisches 'Andante grazioso' des dritten Quartetts auf der anderen Seite. Entstehungsgeschichtlich lotete Haydn zunächst in den Quartetten Nr.2, Nr.1 und Nr.4 die moderaten Varianten einer Kopfsatz-Konversation der vier Instrumente aus, bevor im Autograph die experimentelleren Quartette Nr. 6 und Nr. 3 folgen; die gedruckte Nr. 5 bildete abschließend noch einmal den Idealtypus heraus. Hinsichtlich der verschiedenen Satztypen und ihrer charakteristischen Ausprägungen - gerade auch der kantabel-ariosen dritten Sätze - bietet der kompetente und kompakte Einführungstext von Thomas Seedorf einen ausgezeichneten Einstieg in das Hören.  

Das Auryn Quartett folgt zwar - anders als die meisten Konkurrenzeinspielungen, welche durch Rekonstruktion der autographen Anordnung Haydns ‚Entwicklung‘ in diesem Opus nachzuvollziehen suchen - der in mancher Sicht abwechslungsreicheren, kontrastiven Reihenfolge des Erstdrucks (von Nr. 1 Hob. III:25 bis Nr. 6 Hob. III:30 als Anordnung ‚letzter Hand‘). Eine werk- wie satzübergreifend vorhandene Dramaturgie des Kontrastiven ist jedoch selten spürbar, was fatalerweise gerade an der Homogenität des Ensembleklangs, technischer Perfektion nahezu aller Aspekte des Zusammenspiels bei weitgehender Neutralisierung ‚subjektiver‘ Expressivität zu liegen scheint. Die markigen Werbeworte des Labels zu ‚Auryn's Haydn‘ auf dem Backcover - ‚die Auryns musizieren seine Streichquartette, wie es sein sollte: männlich, stark, klangschön und empfindsam‘ - finden in diesem Opus (anders als etwa in den exzellenten Aufnahmen der Quartette op. 20 oder op. 71) weniger Bestätigung als die Problematik des im Werbetext folgenden Begriffs der ‚schieren Schönheit‘, der schon Karajans Ästhetik nicht bekam und hier ironisch eher eine etwas sterile Langatmigkeit vieler mit allein Wiederholungen durchmusizierter Sätze markiert.

Die Einspielung ist definitiv sehr gut gelungen, das instrumentale Niveau fantastisch - wie auch die Aufnahmetechnik - und die Vermittlung struktureller Aspekte der Komposition optimal. Das weitgehende reduzierte Vibrato mag man sogar als Annäherung an eine ‚historisch informierte‘ Aufführungspraxis verstehen; den entsprechenden Vorläufern auf historischen Instrumenten - dem Festetics Quartett (Hungaroton) oder dem London Haydn Quartet (Hyperion) - hat es allerdings oft gleichwohl an Prägnanz einer auch affektiv-emotionalen Gestaltung gefehlt. Dass eine eher ‚musikantische‘ Auffassung auch bei solch fein ausgearbeiteter Kammermusik stärker zu begeistern vermag, illustriert für mich die weniger durchdachte und ausgefeilte, sicher auch Primarius-lastigere, aber unmittelbarer vor allem die - von Haydn tatsächlich nur spärlich notierten, aber keineswegs nicht gewollten - dynamischen Kontraste herausbildende, um ein Vielfaches expressivere Einspielung des Kodály Quartets (eine der wenigen wirklich herausragenden ‚späteren‘ Folgen der Naxos-Gesamtaufnahme aus den 1990er Jahren). Auch der Mittelweg zwischen sachlicher Wiedergabe und werkcharakteristisch einfühlsamer Affekt-Zeichnung, den das Buchberger-Quartett (Brilliant Classics) gefunden hat, ist aus meiner Sicht dieser fast schon zu sehr auf ‚Exzellenz‘ getrimmten Version vorzuziehen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Haydn, Joseph: Streichquartette op. 17 Nr. 1- 6

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tacet
2
22.04.2009
EAN:

4009850017509


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Tacet

Das Wort TACET kommt aus dem Lateinischen und bedeutet "er/sie/es schweigt". Es steht in den Noten, wenn ein Musiker für ein ganzes Stück nichts zu spielen hat. In einem solchen Fall steht in den Noten "TACET". Ein paradoxer Name für eine Plattenfirma?

Der Produzent des Labels, Andreas Spreer, liebt das Paradox. Im April 1989 gründete der Diplom-Tonmeister die Musikfirma TACET in Stuttgart/Germany. Seither produziert TACET Musik für höchste Ansprüche auf den verschiedensten Tonträgern (CD, LP, SACD, DVD-Audio, Blu-ray). Von Beginn an erhielten die Aufnahmen herausragende Rezensionen und höchste Auszeichnungen (u. a. mehrere Jahrespreise der deutschen Schallplattenkritik, Cannes Classical Award, Echo, Diapason d'or, Grammy-Nominierung und viele mehr; stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten), aber was noch wichtiger ist, sie erfreuen sich größter Beliebtheit beim Publikum. Dabei ist noch kein Ende abzusehen: Die Zahl der TACET-Fans wächst immer weiter. Woher kommt dieser langandauernde große Erfolg?

Vielleicht liegt es daran: TACET arbeitet konsequent an der Synthese von zwei Ebenen, die häufig als sehr unterschiedlich oder sogar gegensätzlich angesehen werden: dem musikalischen Gehalt und der aufnahmetechnischen Qualität.

Als Begriff, der sowohl die musikalischen als auch die aufnahmetechnischen Vorzüge der TACET-Aufnahmen umfasst, bietet sich das Wort "Klang" an. Klang entsteht in einem Instrument, der Musiker bringt ihn daraus hervor, doch ob gewollt oder nicht - die nachfolgenden Apparaturen und Personen beeinflussen den Klang auch. Wenn alle Beteiligten, Musiker, Instrumente, Raum, Aufnahmegeräte und "Tonbearbeiter" gut zusammenpassen bzw. zusammenarbeiten, wächst in der Mitte zwischen ihnen wie von selbst etwas Neues empor, das dem Wesen einer Kompositon sehr nahe kommt. Davon handelt unser Slogan "Der TACET-Klang - sinnlich und subtil".

"This is one of the best sounding records you'll ever hear" schrieb das US-Magazin "Fanfare" über die TACET-LP L207 "oreloB". György Ligeti äußerte über die Kunst der Fuge "... doch wenn ich nur ein Werk auf die "einsame Insel" mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, doch bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.". "Entscheidend aber ist die Gemeinsamkeit des Geistes. Die Auryn-Leute beseelt die gleiche Kunstgesinnung..." (Rheinische Post). Stöbern Sie ein wenig in den Kritiken auf den Produktseiten oder noch besser hören Sie sich TACET-Aufnahmen an und überprüfen, was die Kritiker schreiben.

Bei uns darf Musik all das anrühren und ausdrücken, was das Leben ausmacht. Sie erlaubt dem Hörer Gefühle zu empfinden, ohne sentimental zu werden. Sie kann witzig sein und zum Lachen bringen. Sie kann auf ehrliche Weise "romantisch" sein, ohne den Hörer in einen Kaufhausmief von Wohlfühlklängen zu versenken. Sie darf in unendlichen Variationen geistreich sein. Sie darf zum Denken und zum Erkennen anregen, ohne musikalische Vorbildung zu erfordern. Sie darf effektvoll sein und um die Ohren fliegen, wenn es dem Wesen der Werke entspricht. Sie kann Revolutionen im Kopf auslösen, ohne ein einziges Wort. Sie kann widersprechen und korrigieren. Musik kann Verzweiflung wecken, aber auch trösten. Und und und. Die vollständige Liste wäre endlos.

Der TACET-Inhaber und -Gründer Andreas Spreer erhielt u. a. die Ehrenurkunde des Preises der deutschen Schallplattenkritik.


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