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Sonntag, 20. Oktober 2019

Prokofjew, Sergej - Krieg und Frieden

Ganz große Oper


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Bei Arthaus erscheint mit Prokofjews 'Krieg und Frieden' eine großartige Operninszenierung.

Monumentaler geht es nicht – Sergej Prokofjews Oper ‘Krieg und Frieden’ stellt wohl die Grenze des im Musiktheater Machbaren dar. Es ist ja auch ein geradezu tollkühnes Unterfangen, Tolstois 1500-seitigen Jahrhundertroman mit seinen unzähligen Figuren und Schauplätzen für die Opernbühne zu adaptieren. Doch das Ergebnis kann sich – in der Inszenierung der Opéra national de Paris aus dem Jahr 2000, die nun als solide ausgestattete und in Klang und Bild exzellente Doppel-DVD bei Arthaus erschienen ist – hören und sehen lassen.

43 Sänger, 62 Rollen

Die Inszenierung greift, leicht kürzend, auf die Fassung letzter Hand von 1957 mit ihren dreizehn Szenen zurück (insgesamt wurde das Werk viermal unterschiedlich uraufgeführt, zum ersten Mal 1945). 43 Sänger und Schauspieler agieren in 62 der ursprünglich 72 Rollen. Das bestimmende Strukturprinzip ist die Antithese zwischen den Figuren und gesellschaftlichen Sphären. Privates und Politisches durchdringen einander. Die einzelnen Szenen sind hart aneinander geschnitten. Die Narration ist sprunghaft, aber linear. Interessanterweise verleiht erst diese Kontrastdramaturgie dem Geschehen Konsistenz und dem Erzählen Kontinuität. Die Oper nähert sich, vom epischen Erzählen herkommend, dem Film an: aufgrund ihrer kontrastreichen Episodenstruktur, ihrer nur selten arienhaft-reflexiv im Moment verweilenden, sehr dynamischen Erzählweise, aufgrund der innerhalb einer Szene simultan ablaufenden Handlungen, der groß dimensionierten Schauplätze und der Außensicht auf die Figuren, die ihr Innenleben nur äußerst selten offenbaren. Als filmisch, um diese Andeutungen an einem Beispiel zu konkretisieren, dürfen Komposition und Inszenierung im zweiten Bild gelten, wenn die beiden Hauptfiguren Natascha und Fürst Andrei sich tanzend näher kommen, die Tanzgesellschaft dabei erstarrt und die Musik diesen Augenblick 'einfriert', während die in ihrer Dezenz überzeugende Lichtregie eine Mondnacht evoziert.

Die solide Kamera fängt das in vielen Szenen überaus weiträumige Geschehen oft in der Totalen ein oder sie fokussiert, wie im zehnten Bild, wo Graf Besuchow in der Menge der jubelnden Soldaten unterzugehen droht. Überhaupt ist dieser Graf, von Robert Brubaker superb dargestellt, wobei es ihm in der Höhenlage bisweilen an stimmlicher Durchschlagskraft fehlt, die ergreifendste Figur der Oper, vielleicht sogar ihre heimliche Hauptfigur. Der ohne Unterlass von seiner intriganten Ehefrau Jelen Betrogene, unglücklich in Natascha Verliebte sucht seinen inneren Frieden – und das in Kriegszeiten...

Trotz 210 Minuten Spieldauer kaum Längen

Die Besetzung überzeugt: Nathan Gunn gibt mit Tiefsinn den melancholischen Beau Fürst Andrei, gesanglich und darstellerisch ebenso brillant wie Olga Guryakova in ihrer Rolle als Natascha. Vassili Gerello ist ein Napoleon fern jeder Karikatur, dem etwas mehr Bedrohlichkeit allerdings gut angestanden hätte, und Leonid Zimnenko macht, in der Rolle von Andreis Vater, frösteln als gefühlskaltes Monstrum. Bewundernswert ist übrigens, dass die Oper – bei 210 Minuten Spieldauer – kaum Längen aufweist. Nur im Halbweltmilieu des vierten Bildes sind die Figuren des Tartaren und der Hure wandelnde Klischees, und das verschwörerische Planen eines Verbrechens, hier die Entführung Nataschas, kennt man zur Genüge.

Eine zurückhaltende, entschiedene Inszenierung

Die Inszenierung ist in Kostüm und Bühnenbild auf historische Authentizität bedacht und besticht mit geradezu klassizistischer Einfachheit. Nur selten – vielleicht zu selten – wird, wie im zweiten Bild mittels riesiger schräger Spiegel, das historisch-realistische Intérieur subtil ins Überzeitlich-Abstrakte verschoben. Hier hätte man sich von der Regie (Francesca Zambello) mehr Wagemut gewünscht.

Die zurückhaltende, aber entschiedene Inszenierung leistet sich keine Extravaganzen, ist konservativ im besten Sinne. Das Szenische ist, so banal es klingen mag, in erster Linie Entfaltungsraum der Handlung. Die Szenen fließen organisch ineinander, auch dies vielleicht ein filmisches Moment. Die Schauplätze werden selten poetisch überhöht und erst recht nicht umgedeutet, sondern realistisch schlicht, dabei sehr geschmacksvoll in Szene gesetzt. Und beeindruckend dazu: Der Brand Moskaus wird ebenso zum apokalyptischen Bild wie das Tableau der auf der nackten Bühne herumliegenden, leidenden Verletzten und Toten in der grandiosen zwölften Szene, der Sterbe-Szene des halluzinierenden Andrei. Sein Duett mit Natascha gehört zum Ergreifendsten, was die Opernliteratur zu bieten hat. Dass es kaum Eingang ins Bewusstsein gefunden hat, dürfte an der schieren Dimension des Werks liegen.

Leichtfüßige Wucht

Die Regie hat die Massen gut im Griff. Der Bühnenraum vor expressivem Himmelshintergrund wirkt riesig. Der Chor agiert druckvoll, erhält freilich keine Gelegenheit zur Differenzierung. Das Triumphgebaren der russischen Soldaten nach dem Sieg über Napoleon und die damit einhergehende Verherrlichung Russlands sind nicht immer leicht zu ertragen – werden aber verständlich, wenn man sich die Entstehungszeit (Prokofjew vollendete den Klavierauszug bereits 1942, im Jahr nach Stalingrad) vor Augen hält. Trotzdem ist die Musik in keinster Weise irgendwie ‘sowjetisch’ – zwar ungemein kraftvoll und mitreißend, dabei aber stets schlank und emotional tief. Schon die Orchestereinleitung der ersten Szene kommt leichtfüßig daher, was bei einer so wuchtigen Instrumentation nur überraschen kann. Prokofjews Partitur entfaltet einen betörenden Reiz, das Orchester unter Gary Bertini zeichnet die Dramatik der Musik mit klanglicher Rundung plastisch nach. Zu erwähnen ist noch der Walzer, den die beiden Verliebten in besagter Szene tanzen und der die Oper leitmotivisch durchzieht. Seine einprägsame Melodik zelebriert der fein abgerundete Klangkörper mit schwungvoller Eleganz. Das Orchester kann aber auch anders: Treffend brutal, fast grobschlächtig gerät das Vorspiel zum zweiten, mit ‘Krieg’ überschriebenen Teil; beim Auftritt Napoleons stapft es gewaltig, wie in zu großen Schuhen.

Fazit: Diese Inszenierung legt mit Sorgfalt die Kräfte der Oper frei und zeigt: Prokofjews ‘Krieg und Frieden’ hat einen festen Platz im Repertoire verdient.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Prokofjew, Sergej: Krieg und Frieden

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
2
06.04.2009
210:00
2000
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
9783941311190
107 029


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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