> > > Wackerbauer, Michael: Sextett, Doppelquartett und Oktett. Studien zur groß besetzten Kammermusik für Streicher im 19. Jh.
Dienstag, 19. November 2019

Wackerbauer, Michael - Sextett, Doppelquartett und Oktett. Studien zur groß besetzten Kammermusik für Streicher im 19. Jh.

Überfällig


Label/Verlag: Dr. Hans Schneider Verlag
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Michael Wackerbauers großartiges Buch über die Geschichte der groß besetzten Streicher-Kammermusik und ihre kompositorischen Besonderheiten ist nicht nur ein wichtiges wissenschaftliches Buch, sondern auch eine Fundgrube für Musiker.

Lange haben wir auf ein Buch wie dieses warten müssen. Das in der Reihe 'Regensburger Studien zur Musikgeschichte' als Band 6 im Verlag Hans Schneider erschienene Werk ist das erste und bisher einzige seiner Art, dass sich dezidiert mit den groß besetzten Kammermusikwerken für Streicher beschäftigt. Dies herauszustreichen ist auch eines der Anliegen des Autors Michael Wackerbauer, der sich nicht in die Tradition seiner Musikwissenschaftskollegen einreihen möchte und diese groß besetzten Werke, Sextette, Doppelquartette und Oktette, nur mit den Maßstäben des klassischen Streichquartettsatzes messen will, sondern versucht, eigene Kriterien für diese Zwischenform zwischen Kammer- und Orchestermusik aufzustellen.

So kreist der erste Teil dieses Buches, das auf einer Dissertation Wackerbauers an der Universität Regensburg basiert, zunächst die Problematik des Verteilens eines vierstimmigen Satzes auf mehr als vier Instrumente ein. Dabei geht es ihm immer wieder um die Unterschiede zum klassischen vierstimmigen Satz eines Streichquartetts, aber auch um die zahlreichen zusätzlichen klanglichen Möglichkeiten, die sich dem Komponisten durch unterschiedliche Gruppenbildungen, konzertierende und begleitende Stimmen und deren Mischformen oder die zeitweise Reduzierung der Stimmenzahl ergeben. Dabei kommt er zu dem Schluß, dass bei größer besetzter Kammermusik nicht mehr die thematische Arbeit und die Exposition des motivischen Materials im Vordergrund stehen, sondern das Spiel mit verschiedenen Klangfarben und -blöcken sowie deren Vor- und Gegenüberstellung. Durch eine Vielzahl von Partiturbeispielen aus zahlreichen, heute meist unbekannten Werken gelingt es Michael Wackerbauer, diese mitunter trockene Materie anschaulich und auch für nicht studierte Musiker nachvollziehbar darzustellen.

Nachdem er die nötigen theoretischen Grundlagen gelegt hat, beginnt Michael Wackerbauer, die Geschichte der verschiedenen Besetzungsarten von ihrer Entstehung an aufzurollen und Bezüge und Unterschiede zwischen den einzelnen Werken aufzuzeigen. Dazu ist zunächst anzumerken, dass sich das Repertoire an Sextetten, Doppelquartetten und Oktetten mit insgesamt ca. 60 Kompositionen bis Mitte des 19. Jahrhunderts gegenüber ca. 700 Quintetten und einer noch größeren Zahl an Streichquartetten doch recht bescheiden ausnimmt.

Zunächst befasst sich Wackerbauer mit den Sextetten und deren Anfängen bei Brunetti, Boccherini und Pleyel. Er beschreibt die Eigenarten der sogenannten Bravoursextette und der Wiener Fugensextette, weist auf bedeutende Bearbeitungen von Mozarts „Sinfonia concertante“ und Beethovens „Pastorale“ hin und landet über Sextette von Eggert und Ries beim 1848 entstandenen Sextett von Louis Spohr, mit dem die „Gattung“ nach längerer Pause wiederbelebt wurde (Spohr dachte sogar er würde sie erfinden!).

Bei den Werken für acht Streicher unterscheidet er aufgrund ihrer Machart und Intention zwischen echten Oktetten mit acht gleichberechtigten Stimmen und den sogenannten Doppelquartetten. Hier stehen nach frühen Versuchen mit Doppel-Fugenquartetten von Albrechtsberger vor allem die Doppelquartette von Spohr im Blickpunkt, anhand derer Wackerbauer die kompositorische Entwicklung Spohrs von einer strikten Aufgabentrennung zwischen den beiden Quartetten in ein konzertierendes und ein begleitendes Quartett im ersten Doppelquartett hin zu einer Gleichbehandlung beider Ensembles im 4. Doppelquartett mit zahlreichen Beispielen nachzeichnet. Allerdings beharrt Spohr auf dem Prinzip der aus der Vokalmusik abgeleiteten Zweichörigkeit, die erst Mendelssohn in seinem singulären Jugendwerk aufgibt.

Dieses ist dann ein weiterer Schwerpunkt des Buches und wird zum Anlass genommen, sinfonische Merkmale in der großbesetzten Kammermusik besonders herauszuarbeiten und den rein kammermusikalischen Passagen gegenüber zu stellen. Dabei werden alle vier Sätze des Oktetts ausführlich analysiert.

Mendelssohns Oktett dient auch als Ausgangspunkt für den dritten Teil des Buches, in dem die Entwicklung der groß besetzten Kammermusik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengefasst wird. Hierbei versucht Wackerbauer biographische Verbindungslinien zwischen den Komponisten von Sextetten und Oktetten zu ziehen, ausgehend vom Leipziger Konservatorium, an dem Mendelssohn lehrte, und seinen Schülern, mit einer detaillierten Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte von Mendelssohns Oktett als Schlüsselwerk. So lassen sich Traditionslinien von Leipzig nach Kopenhagen und St. Petersburg ziehen, in deren Umfeld ein Großteil der Sextette und Oktette in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Eine vergleichende Gegenüberstellung nach musikalischen Kriterien bleibt allerdings weitgehend aus. Als zweites Schlüsselwerk stellt Wackerbauer das Sextett von Spohr heraus, da viele von Spohrs Schülern oder Kollegen aus seinem Kasseler Umfeld ebenfalls groß besetzte Kammermusikwerke komponierten. Auch Brahms Sextette schreibt er dem Einfluss Spohrs zu. Insgesamt kommen diese im gesamten Buch aber etwas zu kurz mit dem Verweis auf zahlreiche andere Veröffentlichungen zu diesen bekanntesten Werken des Sextett-Repertoires. Dies mag für eine wissenschaftliche Veröffentlichung gängige Praxis sein, für den „normalen“ Leser fehlt hier etwas. Das ist aber neben dem etwas irreführenden Titel – ein Großteil des Buches befasst sich mit Werken des 18. Jahrhunderts, und dafür wird bei den großen Sextetten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Notwendigkeit weiterer Studien verwiesen - auch schon der einzige Kritikpunkt an diesem vor Wissen nur so strotzenden Buch (die Anzahl an Querverweisen in den Fußnoten ist einfach unglaublich!).

Und der letzte Höhepunkt des Buches kommt erst noch: Im Anhang befindet sich ein Katalog sämtlicher (nach Wackerbauers Recherchen) Sextette, Doppelquartette und Oktette oder anderer groß besetzter Streicher-Kammermusik bis ca. 1925 mit genauer Satzangabe, Entstehungszeit, Besetzung, Quellenlage (samt Aufbewahrungsort von Autographen und Erstdrucken) und gegebenenfalls Wiederveröffentlichungen. Der einzige Wehrmutstropfen hierbei ist, dass man beim Durchblättern des Katalogs Lust bekommt, das ein oder andere Werk im privaten Kreis auszuprobieren, aber leider feststellen muss, dass das Werk unveröffentlicht oder nicht frei erhältlich ist. Dies kann man aber wirklich nicht Michael Wackerbauer ankreiden, dem für dieses wunderbare Buch einfach nur danken ist. Danke! Es war einfach überfällig!


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Dr. Hans Schneider Verlag

1958 fügte Hans Schneider seinem 1949 gegründeten Musikantiquariat einen musikwissenschaftlich ausgerichteten Verlag hinzu. Lag anfangs der Schwerpunkt in der Herausgabe wichtiger Quellen zur Musikgeschichte als Faksimiles, sind nach und nach auch etliche wissenschaftliche Buchreihen hinzugekommen. So arbeitet der Verlag unter anderem mit etablierten musikwissenschaftlichen Institutionen im deutschsprachigen Raum zusammen. Zu nennen sind hier:

Die Universitäten Frankfurt, Mainz, München, Regensburg, Tübingen, Wien und Würzburg, die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, das Kunsthistorische Museum in Wien, die Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte, die Musikhochschule München, der Landesverband Bayerischer Tonkünstler, die Johannes-Brahms-Gesellschaft Internationale Vereinigung, die Hans Pfitzner-Gesellschaft, die Internationale Richard Strauss-Gesellschaft, die Internationale Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft, das Wiener Institut für Strauß-Forschung, die Internationale Joseph Haydn Privat-Stiftung Eisenstadt, die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik.

Als Verleger hat Hans Schneider ebenso viele Standardwerke herausgebracht, so u. a. Stiegers Opernlexikon, die achtbändige Dokumentation Carl Orff und sein Werk, den Katalog der Sammlung Anthony van Hoboken, Werkkataloge von Brahms, Bruckner, Clementi, Franck, Lully, Schumann, Spohr und Wagner, ebenso die Dokumente und Briefe des Walzerkönigs Johann Strauß (Sohn) und eine Dokumentation über die Geigenbauer der Deutschen Schule des 17.-19. Jahrhunderts von W. Hamma, als auch über die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart von Willibald Leo von Lütgendorff.

Schwerpunkte im Verlagsprogramm sind musikbibliographische Arbeiten, Musikinstrumentenkunde, Musikgeschichte, Studien zum Musikverlagswesen sowie Reprints wesentlicher Quellen zur Verlags- und Musikgeschichte.

Seit der Gründung des Verlags sind über 1250 Titel bei ?Hans Schneider ? Tutzing? erschienen.


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