> > > Borodin, Alexander: Klavierwerke
Samstag, 28. Mai 2022

Borodin, Alexander - Klavierwerke

Unstimmige Chemie


Label/Verlag: Brilliant classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Nicht nur den einzelnen Stücken dieser Gesamteinspielung, sondern auch deren Interpretationen fehlt es überwiegend an musikalischer Substanz.

Selbst eingefleischte Klavierfans kann man auf dem falschen Fuß erwischen, fragt man sie nach einer Komposition Alexander Borodins für dieses Instrument. Wirklich zum Vorwurf machen kann man das allerdings niemand. Denn ohnehin schon ziemlich überschaubar ist zunächst einmal Borodins musikalische Hinterlassenschaft als solche, was u.a. maßgeblich auf seine grundsätzliche Einstellung zum Komponieren zurückzuführen ist. In der Musik sah er nämlich nach eigener Aussage nichts anderes als einen ‘Zeitvertreib’, eine ‘Erholung von ersteren Beschäftigungen’ bzgl. derer er sich in einem seiner Briefe noch deutlicher äußerte: ‘Ich kann nur komponieren, wenn ich nicht in der Lage bin, meine Vorlesungen zu halten’. Borodins eigentliche Passion galt der Naturwissenschaft, genauer gesagt der Chemie, und so lag der Schwerpunkt seines Wirkens eher auf Forschung und Lehre in diesem Bereich. Entsprechend dürftig fällt innerhalb seines kompletten Oeuvres auch die Auseinandersetzung mit dem Klavier aus, wovon allein schon die Tatsache zeugt, dass seine sämtlichen Werke dieser Gattung bequem auf einer einzigen CD Platz finden. Vollends klar wird der Grund für Borodins klavierliterarisches Schattendasein ob der Tatsache, dass überhaupt nur zwei Kompositionen für Klavier solo existieren, der Rest hingegen für vier Hände geschrieben ist. Und als ob es für deren geringen Bekanntheitsgrad noch eines letzten Beweises bedurft hätte, enthält die vorliegende, beim Label Brilliant erschienene Gesamtaufnahme nicht weniger als fünf Weltersteinspielungen.

Interessantes zu entdecken gibt es dabei gleichwohl, an vorderster Stelle die ‘Paraphrases’, eine Sammlung von insgesamt 16 Stücken zu vier Händen, wenngleich man schon hier Borodins schöpferischen Beitrag postwendend wieder relativieren muss. De facto handelt sich dabei nämlich um eine Art Co-Produktion hauptsächlich von Mitgliedern des so genannten ‘Mächtigen Häufleins’, auch ‘Gruppe der Fünf’ genannt. Diese Bezeichnung, die aus heutiger Sicht eher nach politischem Gipfeltreffen oder gar einer terroristischen Zelle klingt, stand für eine Vereinigung gleichgesinnter russischer Komponisten des 19. Jahrhunderts, die sich 1862 mit dem Ziel zusammengeschlossen hatten, die nationalen Merkmale der Musik ihres Landes wieder verstärkt herauszustellen. Außer Borodin selbst gehörten diesem Bündnis Balakirew, Mussorgsky, Rimski-Korsakow und César Cui an, von denen die beiden letzteren ebenfalls Beiträge zu besagtem Zyklus lieferten. Außerdem beteiligt: Der Komponist Anatoli Ljadow und – Überraschung! – mit Franz Liszt auch ein prominenter Nicht-Russe, den mit Borodin eine gegenseitige Wertschätzung verband und der mit dem Eingangs-Prélude so etwas wie ein ‘Vorwort’ beisteuerte. Quasi als gemeinsames Projekt schufen sie alle zusammen die Reihe ebenjener Paraphrasen über ein schlichtes Polka-Motiv Borodins, das auf diese Weise denkbar vielgestaltig erscheint. Zu den noch etwas umfangreicheren Werken auf der CD gehört daneben die ebenfalls vierhändige – erstmals aufgenommene – Bearbeitung der neben den ‘Polowetzer Tänzen’ wohl bekanntesten Komposition Borodins, der sinfonischen Dichtung ‘Eine Steppenskizze aus Mittelasien’, die er in ihrer ursprünglichen Orchesterfassung seinem Freund Liszt gewidmet hatte. Mit der siebenteiligen ‘Petite Suite’ wären dann auch das eine der beiden einzigen Solowerke und gleichzeitig auch schon das größere Opus genannt. Der Rest sind kleinere Einzelstücke, unter denen sich auch die weiteren vier Ersteinspielungen befinden.

Das ebenso magere wie unbekannte Klavierschaffen Borodins zu beleuchten, ist per se sicherlich ein verdienstvolles Unterfangen. Musikalische Schätze indessen werden dabei erwartungsgemäß nicht gehoben. Ein bisschen stilistische Prise Chopin hier, klangliche Ähnlichkeiten mit Teilen aus Mussorgskys ‘Bildern aus einer Ausstellung’ dort – ein wirklich eigener Stil lässt sich in diesen Stücken des ‘Hobby- und Freizeit-Komponisten’ Borodin nicht ausmachen. Fast ironisch mutet es schließlich an, dass das bekannteste Klavierstück, das man mit seinem Namen assoziiert gar nicht von ihm selbst stammt: Populärer geworden als sämtliche seiner eigenen Werke ist Maurice Ravels kleine, noch dazu sehr beiläufige Studie ‘À la manière de Borodin’, die quasi als Zugabe enthalten ist.

Der auf dem Cover einzig als Interpret angegebene Pianist Marco Rapetti hat nach alldem – zumindest alleine – entsprechend wenig zu tun. Sowohl seine beiden Solointerpretationen als auch diejenigen zusammen mit Partner(in) Daniela de Santis bzw. Giampaolo Nuti lassen zusätzlich zu den mehrheitlich ohnehin schon nicht sonderlich gehaltvollen Kompositionen leider im Wesentlichen dynamische und agogische Kontraste vermissen, durch die man hier und da doch entschieden mehr Farbe ins zwei- bzw. vierhändige Spiel hätte bringen können. Tatsächlich ist das  musikalische Fazit damit auch schon gezogen und ist die CD wohl eine allenfalls für Sammler lohnende Anschaffung. Oder anders gesagt: Die Chemie des komponierenden Chemikers Borodin stimmt hier gleich in mehrfacher Hinsicht nicht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Gehrig Kritik von Thomas Gehrig,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Borodin, Alexander: Klavierwerke

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Brilliant classics
1
06.03.2009
Medium:
EAN:

CD
5028421938943


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