> > > Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher:
Sonntag, 17. November 2019

Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher

Spannende Publikation zum Instrumentenbau und seinen Rahmenbedingungen im 19. Jahrhundert


Label/Verlag: Dr. Hans Schneider Verlag
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Das von Uta Goebl-Streicher edierten 'Reisetagebuch des Klavierbauers Joahnn Baptist Streicher' leistet einen wertvollen Beitrag zur Erforschung des zeitgenössischen Klavierbaus und der Infrastruktur des Musikgeschäfts im 19. Jahrhundert.

Vom 12. August 1821 bis zum 6. Juni 1822 datieren die von Uta Goebl-Streicher herausgegebenen Reisetagebücher eines der bekanntesten Klavierbauer des 19. Jahrhunderts, Johann Baptist Streicher. Von seinem Vater auf diese Kombination aus Bildungs- und Nutzreise geschickt, steuerte der 25-jährige Erbe eines der großen Traditionsunternehmen Wiens zentrale Handelsstädte in Österreich, Deutschland, Frankreich, England und den Niederlanden an. Anhand der Aussparung des für eine klassische Bildungsreise unerlässlichen Italien zeigt sich: Die Reise diente weniger der individuellen Bildung Streichers, vielmehr zielte sie – auch wenn sich vereinzelt Schilderungen zeitgenössischer Salons und Theater- und Konzertaufführungen finden lassen – auf den Auf- und Ausbau von Kundenkontakten sowie den Austausch mit Berufskollegen ab.

Hierin liegt auch schwerpunktmäßig der Quellenwert dieser Edition. Zwar tauchen in den Ausführungen Streichers zahllose Personennamen und Anspielungen auf, doch gehen die Ausführungen selten über eine bloße Namensnennung hinaus. Umso detaillierter beschreibt und skizziert Streicher jedoch als ‚offizieller Repräsentant der Firma‘ Neuerungen im Klavierbau, Geschäftspraktiken der Händler und Vertreter, der Verleger sowie der Instrumentenverleiher, während er gleichzeitig versucht, möglichst viele firmeneigene Instrumente zu begutachten, wieder instand zu setzen und dabei Ideen zur Verbesserung des Materials und dessen Verarbeitung festzuhalten.

Der Ur-Ur-Enkelin Streichers und Herausgeberin Uta Goebl-Streicher (auf Anregung von Jutta Streicher, anfangs unter Mitarbeit Rudolf Hopfners), die bereits durch zahlreiche Veröffentlichungen über den streicherschen Klavierbau die Erforschung des Instrumentenbaus bereicherte, scheint die Publikation dieses spannenden Zeitdokuments eine Herzensangelegenheit gewesen zu sein – ihr persönliches Engagement lässt sich anhand vieler Details ablesen:

Allein die Biographie des ‚unermüdlich‘ an der Verbesserung der Instrumente und Abstimmung auf das Virtuosentum arbeitenden Streichers zusammen mit einer knappen Abhandlung über die Firmengeschichte (und über die wichtigsten Erfindungen Streichers) machen das ‚Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher‘ zu einer einschlägigen Publikation. In einem übersichtlichen und gut strukturierten Kommentar stellt Goebl-Streicher zudem akribisch recherchierte Informationen zu den ca. 700 in den Tagebüchern genannten Personen bereit. Einzig eine kurze Erläuterung zur teilweise in der Quelle auftauchenden, nicht selbsterklärenden fachsprachlichen Terminologie wäre hier an manchen Stellen noch hilfreich gewesen.

So hätte vielleicht der hauptsächliche wissenschaftliche Nutzen zusätzlich unterstützt werden können: Denn, auch wenn die zahlreichen Bekanntschaften Streichers Aufschluss über teilweise recht unbekannte Künstlerbiographien geben können, leistet das Tagebuch vor allem einen wertvollen Beitrag zur Erforschung des zeitgenössischen Klavierbaus und der Infrastruktur des Musikgeschäfts im 19. Jahrhunderts. Insgesamt reiht sich das Tagebuch jedoch in die Vielzahl an höchst wertvollen und ebenso kenntnisreichen wie fundierten Publikationen Goebl-Streichers zur Geschichte ihrer Familie ein.

Meike Wiese Kritik von Meike Wiese,


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    Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher:

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Dr. Hans Schneider Verlag

1958 fügte Hans Schneider seinem 1949 gegründeten Musikantiquariat einen musikwissenschaftlich ausgerichteten Verlag hinzu. Lag anfangs der Schwerpunkt in der Herausgabe wichtiger Quellen zur Musikgeschichte als Faksimiles, sind nach und nach auch etliche wissenschaftliche Buchreihen hinzugekommen. So arbeitet der Verlag unter anderem mit etablierten musikwissenschaftlichen Institutionen im deutschsprachigen Raum zusammen. Zu nennen sind hier:

Die Universitäten Frankfurt, Mainz, München, Regensburg, Tübingen, Wien und Würzburg, die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, das Kunsthistorische Museum in Wien, die Gesellschaft für Bayerische Musikgeschichte, die Musikhochschule München, der Landesverband Bayerischer Tonkünstler, die Johannes-Brahms-Gesellschaft Internationale Vereinigung, die Hans Pfitzner-Gesellschaft, die Internationale Richard Strauss-Gesellschaft, die Internationale Carl-Maria-von-Weber-Gesellschaft, das Wiener Institut für Strauß-Forschung, die Internationale Joseph Haydn Privat-Stiftung Eisenstadt, die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Internationale Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik.

Als Verleger hat Hans Schneider ebenso viele Standardwerke herausgebracht, so u. a. Stiegers Opernlexikon, die achtbändige Dokumentation Carl Orff und sein Werk, den Katalog der Sammlung Anthony van Hoboken, Werkkataloge von Brahms, Bruckner, Clementi, Franck, Lully, Schumann, Spohr und Wagner, ebenso die Dokumente und Briefe des Walzerkönigs Johann Strauß (Sohn) und eine Dokumentation über die Geigenbauer der Deutschen Schule des 17.-19. Jahrhunderts von W. Hamma, als auch über die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart von Willibald Leo von Lütgendorff.

Schwerpunkte im Verlagsprogramm sind musikbibliographische Arbeiten, Musikinstrumentenkunde, Musikgeschichte, Studien zum Musikverlagswesen sowie Reprints wesentlicher Quellen zur Verlags- und Musikgeschichte.

Seit der Gründung des Verlags sind über 1250 Titel bei ?Hans Schneider ? Tutzing? erschienen.


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