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Sonntag, 20. Oktober 2019

Janacek, Leos - Das schlaue Füchslein

Unentschlossener Realismus


Label/Verlag: EuroArts
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese DVD mit Janaceks 'Schlauem Füchslein' kann musikalisch überzeugen. Szenisch aber nicht.

Am Anfang stand eine Bildergeschichte. Leoš Janáček, bekannt für die Wahl ungewöhnlicher Opernstoffe, vertonte Anfang der zwanziger Jahre einen Text, den Rudolf Tĕsnohlídek zu 200 Federzeichnungen des Malers Stanislav Loleks verfasst hatte: ‘Die Abenteuer der Füchsin Schlaukopf’, so der Originaltitel. Bekannter aber unter dem Disney-Assoziationen weckenden Titel ‘Das schlaue Füchslein’, 1924 in Brünn uraufgeführt. Wiederkehr und Erneuerung in der Natur, der Kreislauf der Liebe und des Lebens – mit diesen Stichworten mag das umrissen sein, worum es in der Oper geht. Eine logisch nicht immer einwandfrei auflösbare Handlung, die beiden Hauptfiguren: ein Förster und eine Füchsin. Alles in allem ein Opernstoff, der es einer Inszenierung nicht gerade leicht macht...

Facettenreiche Füchsin

Paris, Jahrzehnte später. Ende letzten Jahres brachte die Pariser Oper Janáčeks Werk auf die Bühne. Mit einer umwerfenden Elena Tsallagova in der Hauptrolle. In ihrem biegsamen Sopran vereint sie mühelos Charme und Chuzpe, Gefühl und Laszivität. Ihr Spiel ist präsent, ja quecksilbrig: entrüstet bei der Triebattacke des Hundes, aber auch erotisch aufgeladen im Verhältnis zum Förster. Jukka Rasilainens Bariton fehlt zwar bisweilen die Präsenz (was auch an dem klanglich sehr im Vordergrund agierenden Orchester liegt, zumal im Tutti), aber die Gestaltung seiner Gesangspartie überzeugt ebenso wie sein Spiel; als alternder Mann, der am Ende der Oper seinen Frieden mit und in der Natur schließt, gelingt ihm ein ergreifender Auftritt. Allein die junge Russin aber ist die Anschaffung wert, sie setzt Maßstäbe. Wie überhaupt die Darbietungen des bis in die Nebenrolle stark besetzten Ensembles die Attraktivität dieser gut ausgestatteten DVD ausmachen, weniger die Inszenierung selbst. Diese besticht durchaus mal im Einzelnen, aber nicht im Ganzen. Sie läuft gleichsam auf Sparflamme, trifft in ihrer Lakonie jedoch zu selten ins Schwarze.

Freiheiten, ungereimt

Regisseur André Engel nimmt sich viele Freiheiten heraus – was nicht selten zu Ungereimtheiten führt, und es sind ihrer, ohne kleinlich sein zu wollen, einfach zu viele. Zumal sie – und das ist entscheidend! – nicht durch andere, brillante Idee aufgewogen werden. Im zweiten Bild des ersten Akts weicht das Gezeigte von der Vorlage ab, denn die Füchsin verwandelt sie sich nicht in die Mädchenerscheinung, wodurch aber die bestürzte Ahnung des Försters bei ihrem Anblick zuvor unverständlich bleibt. Bei dem Massaker, das die Füchsin an den Hennen und dem Hahn verübt und das übrigens nur angedeutet, dadurch umso wirkungsvoller und gut choreographiert ist, fordert die Försterin ihren Mann auf, die Füchsin zu erschießen – und er kommt mit dem Besen, obwohl er, wie das erste Bild gezeigt hat, durchaus eine Flinte besitzt. Und dass der Förster im dritten Akt tatsächlich einen Pilz aus dem Schnee gräbt, erklärt sich als Reibung zwischen der Textvorgabe und der an sich überzeugenden Idee, den Winter hineinzunehmen, der bei Janacek ausgeklammert bleibt: ‘Ich wollte, dass die Füchsin auf einem Leichentuch aus Schnee stirbt, um die Idee eines zyklischen Prozesses zu unterstreichen’, so der Regisseur. Des weiteren: Der Dachsbau, der der Füchsin zu groß für ein Tier allein erscheint, erweist sich als ein nicht allzu geräumiges Betonrohr. Und nur in dieser Szene zeigt sich eine politische Lesart, die die Regie dann aber nicht weiter verfolgt: der Dachs als Bourgeois. Nachdem er vertrieben ist, verspotten die Tiere des Waldes seinen großbürgerlichen Habitus; da dürfen Zigarre, Hut und Sekt nicht fehlen.

Sonnenblumen, Sonnenblumen überall

Ähnlich plakativ geht es im Schlussbild zu. Da geht der Förster am Ende Hand in Hand mit den Tieren hinein ins Sonnenblumenfeld. Dieses ersetzt von vornherein den Wald; weshalb, ist dem Rezensenten schleierhaft geblieben. Einen Bezug aber gibt es, denn mithilfe einer Sonnenblume gaukelt die Füchsin dem Schulmeister seine verflossene Liebe Terynka vor. Terynka ist die Gestalt, um die sich die Männer-Sagen ranken. Sie erscheint (und erklingt) kein einziges Mal. Sonnenblumen hingegen gibt es zuhauf, vor allem in den Zwischenfilmen, die während der Verwandlungsmusiken gezeigt werden. Diese suspendieren die Bühnen-Illusion; doch der mediale Wechsel, der mit ihnen einhergeht, führt zu keiner Vertiefung der Bühnenhandlung, spinnt sie nicht fort, gibt ihr keine neuen Impulse. Hier hat man eine Gelegenheit verpasst. Die Einspielfilme zeigen neben dem wogenden Sonnenblumenfeld zentrale Momente des gerade doch erst Gesehenen – und das in Zeitlupe. Dann lieber ein schwarzer Vorhang! Besonders unerfreulich gerät die filmische Überleitung nach der Szene in der Schenke, die am späten Abend spielt, denn auch hier: ein Sonnenblumenfeld im Sonnenschein. Nur selten, etwa während des wuchtigen, markanten Orchestervorspiels zum dritten Akt, 'funktioniert' der Zwischenfilm: Da es Winter, nicht Herbst sein soll, zeigt der Film in Waldbildern den Gang vom Herbst zum Winter. Und nach dem zweiten Bild des dritten Akts greift der Film erstmals voraus, zeigt ein junges Tännchen inmitten großer Bäume und schon die junge Füchsin.

Doch genug. Lieber ein Wort zur Musik. Das von Dennis Russell Davies geleitete Orchester entfaltet die ganze Klangfarbenpracht der fein gesponnenen Partitur. Es ist bestens disponiert, malt etwa das Vorspiel zum zweiten Akt prägnant mit satten Farben, ohne dick aufzutragen, und mit bedrohlicher Schärfe begleitet es das Lied des Wilderers. Der Chor ist agiert kompakt und agil, lichten Glanz verströmend.

Der Hund als armer Poet – der Poet als armer Hund?

Unentschlossen ist die Regie in Sachen Kostüme, die für sich betrachtet überaus reizvoll sind. Doch die Mücken etwa haben zwar Stechnase und Flügeln, tragen aber auch Pullunder, der Hund erscheint im zerschlissenen Anzug als armer Poet, und die Hennen sehen in ihrem Rokoko-Kleidern aus wie Damen, die es nicht nötig haben zu arbeiten, wo sich doch gerade gegen ihren unhinterfragten Fleiß der satirisch gemeinte Appell der Füchsin richtet. Bei Janáček sind die Tiere, wie Michael Ewans bemerkt, ‘nicht durch Anthropomorphismen entwürdigt oder sentimentalisiert’ – in dieser Inszenierung schon, zumindest ihres Tier-Wesens beraubt, wobei die Regie die Vermenschlichung nicht einmal konsequent durchführt und die Ebenen nicht klar voneinander trennt. Ein Beispiel: Im vierten Bild des zweiten Akts, die Füchsin trifft ihren Fuchs (herrlich gespielt, auch von Hannah Esther Minutillo), bringt dieser ihr keinen Hasen, sondern deckt den Tisch wie bei Menschens. Im dritten Akt aber liegt ist eine Hasenattrappe im Korb des Wilderers: das Tier als Tier. Und bei der Hochzeit trägt die Füchsin, die sonst doch nur im Fell erschien, ein Brautkleid.

Die Zusammenkunft der Tiere ereignet sich hier auf einer leeren blauen Bühne. Das Bühnenbild ist oft kalt, ein Schienenstrang als ‘eiserne Wunde im poetischen Naturbild’ intendiert, aber rätselhafterweise zugleich auch als ‘Symbol für den Wandel der Natur’ (nachzulesen in dem ansprechend gestalteten, etwas dünnen Booklet). Von Lichtregie kann kaum die Rede sein. Die Kamera ist nicht statisch, bleibt aber auf Distanz. Nur manchmal fokussiert sie, fängt gekonnt Nebenhandlungen ein.

Das Publikum, so macht es den Anschein, ist kaum euphorisiert. Diese Inszenierung ist in ihrem Realismus unentschlossen. Den Zauber dieser wunderbaren Oper entfalten allein Orchester und Ensemble.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Janacek, Leos: Das schlaue Füchslein

Label:
Anzahl Medien:
EuroArts
1
Medium:
EAN:

DVD
899132000855


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EuroArts

EuroArts Music International ist im Bereich audio-visueller Klassikproduktionen eine der weltweit führenden Produktions- und Distributionsfirmen. Das 1979 gegründete Unternehmen produziert jährlich 10-15 hochwertige Klassik-Programme – darunter Konzertaufzeichnungen in aller Welt sowie aufwändige Dokumentationen.

Renommierte, preisgekrönte Programme und Events haben EuroArts Music zu einem exzellenten internationalen Ruf verholfen. Eine intensive und langjährige Partnerschaft verbindet EuroArts Music mit führenden Klangkörpern wie den Berliner Philharmonikern, dem Mariinsky Theater Orchester, dem Lucerne Festival Orchestra, der Staatskapelle Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und vielen anderen.

Die alljährlichen Aufzeichnungen des EUROPAKONZERTs, des Waldbühnen- und Silvester-Konzerts der Berliner Philharmoniker sind erfolgreiche und weltweit etablierte Musikprojekte von EuroArts Music. Im August 2005 produzierte und übertrug EuroArts Music live das weltweit beachtete Ramallah-Konzert des West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Im Januar 2006 produzierte EuroArts Music die erste Klassik-Live-Übertragung von Peking nach Europa (u.a. mit Lang Lang). Die weltweit einmaligen Musik-TV-Formate 24hoursBach und 24hoursMozart wurden zu zwei international erfolgreichen Musikevents dieses Unternehmens.

In 2012 wurde ein kompletter Prokofiev-Zyklus mit sämtlichen Sinfonien und Klavierkonzerten aufgezeichnet.

Seit vielen Jahren verbindet EuroArts Music eine enge Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Daniel Barenboim, Sir Simon Rattle, Valery Gergiev, Claudio Abbado, Martha Argerich, Yuja Wang und András Schiff sowie renommierten Regisseuren Bruno Monsaingeon, Frank Scheffer und Peter Rosen. Das Ergebnis sind Gesamtaufnahmen wie „The Beethoven Symphonies“ (Abbado/Berliner Philharmoniker) und preisgekrönte Dokumentationen wie Claudio Abbado – Hearing the Silence“ oder „Multiple Identities – Encounters with Daniel Barenboim“. 2006 wurde die EuroArts Music Produktion „Knowledge is the Beginning“ mit dem International Emmy Award (Arts Programming) ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm wurde 2007 mit weiteren Preisen geehrt, darunter der FIPA D'OR Grand Prize 2007 (Kategorie „Performing Arts”) sowie als „Best Arts Documentary„ bei dem renommierten 2007 Banff World Television Festival.

Innovation und Qualität bildeten von Anfang an die Grundpfeiler der Firma. Zahlreiche internationale Auszeichnungen bestätigen dies, darunter:

Oscar® für die Koproduktion von „Journey of Hope”

Grammy Award für „Kurt Weill’s: Rise and Fall of the City of Mahagonny”

Emmy Award und ECHO Klassik für „Knowledge is the Beginning”

2 weitere ECHOs für „A Surprise in Texas” (ECHO Klassik) und

„Django Reinhardt- Three-fingered Lighnting” (ECHO Jazz)

Peabody Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

National Education Award (USA) für „Sir Peter Ustinov: Celebrating Haydn”

 

Sowie folgende Nominierungen:

 

Emmy Award für „Robbie Robertson”

Rocky und Grammy Award für „Blue Note – A Story of Modern Jazz”

 

Der Katalog von EuroArts Music umfasst rund 1.800 Musikprogramme, darunter gehören neben EuroArts Eigenproduktionen auch Programme von zahlreichen unabhängigen Produktionsfirmen.
Das in Berlin ansässige Unternehmen vertreibt seine Programme weltweit selbst. EuroArts Music gehört auch im Vertrieb von audio-visuellen Musikproduktionen (TV und DVD/Blu-ray) zu den weltweit führenden Distributoren.

Viele eigene Produktionen werden weltweit auf dem eigenen Label EuroArts als DVD und Blu-ray, sowie als digitales Produkt vermarktet.

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