> > > Hartmann, Karl Amadeus: Konzert für Bratsche mit Klavier, begleitet von Bläsern und Schlagzeug
Sonntag, 20. Oktober 2019

Hartmann, Karl Amadeus - Konzert für Bratsche mit Klavier, begleitet von Bläsern und Schlagzeug

Schwere des Ausdrucks, Klarheit der Aussage


Label/Verlag: WERGO
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Eine klug konzipierte und meisterhaft ausgeführte Einspielung, die, auf dem Feld der Konzertmusik, den Facettenreichtum des Sinfonikers Hartmann zum Leuchten bringt.

Karl Amadeus Hartmann (1905–1963), die große Ausnahme: Anders als viele seiner Kollegen, Orff und Egk etwa, von Richard Strauss ganz zu schweigen, diente er sich nicht den Nazis an. Er blieb zwar in Deutschland, machte aber nicht mit. Und nahm so, in seinen besten Jahren, die Unterbrechung, ja das Ende seiner Karriere und die Gefährdung seiner Existenz in Kauf. Im inneren Exil komponierte er weiter, denn er erkannte damals, ‘daß es notwendig werde, ein Bekenntnis abzulegen, nicht aus Verzweiflung, auch nicht als Reaktion auf die Angst vor jener Macht, sondern als Gegenaktion.’

Das Herzstück der vorliegenden, uneingeschränkt empfehlenswerten Veröffentlichung, das im Herbst 1939 entstandene, 1940 in der neutralen Schweiz uraufgeführte ‘Concerto funebre’ für Violine und Orchester ist ein solches Bekenntnis, eine den Triumphmärschen der Nazis bewusst entgegen getrotzte Elegie: ‘Diese Zeit deutet den Grundcharakter und Anlaß meines Stückes an. … Der damaligen Aussichtslosigkeit für das Geistige sollte in den beiden Chorälen am Anfang und am Ende ein Ausdruck der Zuversicht entgegengestellt werden. … Ich wollte all das niederschreiben, was ich dachte und fühlte, und das ergab Form und Melos.’ Es muss, kaum verwunderlich, Düsteres und Zorniges gewesen sein, was der Komponist damals dachte und fühlte. Die von Hartmann eingearbeiteten Zitate jüdischer Melodik und die Melodie eines russischen Arbeiter-Trauermarschs sind klingende Solidarität und Anklage zugleich. Nur im einzigen schnellen Satz, dem Allegro di molto, weicht der von tiefer Trauer erfüllte, im Innersten berührende Tonfall des Konzerts einmal kraftvollen, widerständigen Steigerungen, die das bestens disponierte Rundfunkorchester des SWR Kaiserslautern (Ltg. Paul Goodwin) schlank und zupackend artikuliert. Der gedeckte Ton von Benjamin Schmids Stradivari vermag den Gestus der Musik umfassend darzustellen, der Solist mit seinem innigen, dabei agilen und technisch superben Spiel den Gehalt des Werks umfassend auszuloten. Die vertrackte Melodik des Adagio gestaltet er mit einem durchdringenden Ton, der auch im glaskaren Flageolett nichts von seiner Präsenz verliert, woran die vorzügliche klangliche Realisierung der Aufnahme keinen geringen Anteil hat. Eine Interpretation, die Schwere des Ausdrucks und Klarheit der Aussage wundervoll vereint.

Dabei hatte der spätere Bekenntnismusiker Hartmann in den ausgehenden Zwanziger Jahren als junger Wilder begonnen, galt als ‘sehr aggressive Begabung’, wie es in einer zeitgenössischen Besprechung heißt. Die für kleines Ensemble besetzte ‘Burleske Musik’ aus dem Jahre 1931 ist ganz und gar ein trefflich geratenes Kind ihrer Zeit, hat den melodischen Schwung eines Weill und die rhythmische Rigorosität eines Strawinsky. Bei so viel Spielwitz und pulsierender Energie, wie sie die acht Musiker hier an den Tag legen, ist sie ein großes Vergnügen.

Flankiert werden diese so gegensätzlichen Werke von zwei Konzerten aus der Nachkriegszeit. Nach dem Krieg hatte Hartmann in seiner Heimatstadt München die Konzertreihe ‘Musica Viva’ zur Förderung Neuer Musik ins Leben gerufen, und das ‘Konzert für Klavier, Bläser und Schlagzeug’ (1953) auf die von Boris Blacher entwickelte Grundlage der variablen Metren gestellt: Für ihn war diese Technik, wie Hartmut Lück in seinem hervorragenden Einführungstext formuliert, ‘eine Art Systematisierung jener rhythmischen Komplexität, die (Hartmann) an den Werken Béla Bartóks bewunderte; was dort aus der Amalgamierung volksmusikalischer Eigentümlichkeiten hervorgegangen war, wird hier gleichsam abstrakt aus der mathematischen Logik deduziert.’ Dem Solistenkonzert 'klassischer' Prägung kommt der zweite, mit ‘Mélodie’ überschriebene Satz am nächsten. Ein langsamer Satz, dessen Klavierpart – der mit seinen aparten Trillern und seiner noblen Gestik an die besten langsamen Sätze Mozartscher Konzerte erinnert – Yorck Kronenberg einigen Klangluxus angedeihen lässt: schwebend und doch klar kontuiert. Perkussiv eingebettet in den differenzierten, geschärften Ensembleklang ist das Klavier hingegen im furios abgefackelten ersten Satz. Das Ensemble musiziert immer variabel, mit kraftvoller Geschmeidigkeit. Dies gilt auch für das vehement drängende, gleichsam scharfkantige ‘Konzert für Viola und Klavier, begleitet von Bläsern und Schlagzeug’ (1954–55), aus dem Elisabeth Kufferaths facettenreiches Spiel auf der Viola – mal klagend, dann wieder offen aggressiv – besonders hervorsticht.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:






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    Hartmann, Karl Amadeus: Konzert für Bratsche mit Klavier, begleitet von Bläsern und Schlagzeug

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
WERGO
1
01.04.2009
Medium:
EAN:

CD
4010228671421


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WERGO

Als 1962 die erste Veröffentlichung des Labels WERGO erschien - Schönbergs "Pierrot lunaire" mit der Domaine musicale unter Pierre Boulez -, war dies ein Wagnis, dessen Ausgang nicht abzusehen war. Werner Goldschmidt, ein Kunsthistoriker, Sammler und Enthusiast im besten Sinne, war es, der - gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Helmut Kirchmayer - den Grundstein zu dem Label legte, das seit inzwischen 50 Jahren zu den führenden Labels mit Musik unserer Zeit zählt.
Noch immer hält WERGO am Anspruch, unter den Goldschmidt seine "studioreihe neue musik" gestellt hatte, fest: die hörende wie lesende Beschäftigung mit der neuen Musik anzuregen und in Produktionen herausragender InterpretInnen und von FachautorInnen verfassten ausführlichen Werkkommentaren zu dokumentieren.
Auf mehr als 30 Schallplatten kam die Reihe mit roter und schwarzer Schrift auf weißem Cover, dann wurde die Unternehmung zu groß für einen Einzelnen. Seit 1967 engagierte sich der Musikverlag Schott zunehmend für das Label, 1970 schließlich nahm Schott das Label ganz in seine Obhut. Seither wurden mehr als 600 Produktionen veröffentlicht, die ungezählte Preise erhalten haben und ein bedeutendes Archiv der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts darstellen.
Kaum einer der arrivierten zeitgenössischen Komponisten fehlt im Katalog. Ergänzt wird dieser Katalog seit 1986 durch die inzwischen auf über 80 Porträt-CDs angewachsene "Edition Zeitgenössische Musik" des Deutschen Musikrats, die mit Werken junger deutscher KomponistInnen bekannt macht. Neben dieser Zusammenarbeit bestehen Kooperationen mit dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe ("Edition ZKM") und dem Studio für Akustische Kunst des Westdeutschen Rundfunks ("Ars Acustica"). Im Bereich "Weltmusik" kooperiert WERGO eng mit dem Berliner Haus der Kulturen der Welt und der Abteilung Musik des Ethnologischen Museums Berlin. Die "Jewish Music Series" stellt die vielfältigen Musiktraditionen der jüdischen Bevölkerungen der Kontinente in ihrer ganzen Bandbreite vor. Zahlreiche Veröffentlichungen mit Computermusik sind in der Reihe "Digital Music Digital" erschienen. Neue Editionen wie die legendäre "Contemporary Sound Series" des Komponisten Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen in den vergangenen Jahren hinzu.
Die Diversifizierung, die das Programm von WERGO seit seiner Gründung erfahren hat, ist der Weitung des zeitgenössischen musikalischen Bewusstseins ebenso geschuldet wie sie zu dieser stets beitrug - eine Aufgabe, der sich WERGO auch in Zukunft verpflichtet fühlt.


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