> > > Martinu, Bohuslav: Violinkonzerte Nr. 1 & 2
Sonntag, 29. Mai 2022

Martinu, Bohuslav - Violinkonzerte Nr. 1 & 2

Drei tschechische Perlen


Label/Verlag: Supraphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Josef Suks großartige Interpretation der Violinkonzerte Bohuslav Martinus mit der Tschechischen Philharmonie unter Václav Neumann wird beeinträchtigt durch ein stark verhalltes Klangbild.

Die zwei Violinkonzerte des aus Ostböhmen stammenden Komponisten Bohuslav Martinu (1890–1959) werden hierzulande selten aufgeführt. Das liegt wahrscheinlich weniger an den Konzerten selbst, denn diese sollten aufgrund ihrer Qualität eigentlich zum Standardrepertoire der Musik des 20. Jahrhunderts gehören, als daran, dass der Name Martinu hierzulande immer noch kaum bekannt ist. Glücklicherweise sieht die Situation auf dem Plattenmarkt anders aus. So haben der Geiger Bohuslav Matousek und die Tschechische Philharmonie unter Christopher Hogwood in jüngster Zeit das gesamte Werk Martinus für Violine und Orchester eingespielt, an einzelnen Aufnahmen der Konzerte gibt es keinen Mangel. Bei Supraphon ist nun als Wiederveröffentlichung eine etwas ältere Aufnahme beider Konzerte mit Josef Suk als Solisten und der Tschechischen Philharmonie unter Václav Neumann erschienen. Rein interpretatorisch ragt sie sicher bis heute heraus und stellt in dieser Hinsicht möglicherweise sogar die beste Wahl dar.

Warum Interessierte vor dem Kauf dennoch Probe hören sollten, lässt sich mit einem Wort sagen: Hall. Die akustischen Verhältnisse des Prager Rudolfinums vermitteln auf dieser CD den Eindruck, man befinde sich in einem sehr geräumigen Kirchenraum. Zwar ist die Solovioline dank Suks klarem wie intensivem Ton stets gut vernehmbar – der 1929 geborene Enkel des gleichnamigen Komponisten gilt zu Recht als einer der großen Geiger des 20. Jahrhunderts –, die Widergabe des Orchesterklanges fällt aber problematisch aus. Das liegt wie gesagt eindeutig nicht an der gewohnt souverän agierenden Tschechischen Philharmonie unter Neumann, sondern ganz einfach daran, dass der verhallte Klang Transparenz und Plastizität verhindert. Wie raffiniert Martinu die orchestrale Begleitung gestaltet hat, lässt sich oft leider nur erahnen, insbesondere die Holzbläser gehen regelrecht unter. Erwähnt werden muss allerdings, dass die Aufnahme des Rhapsodie-Konzertes für Viola und Orchester, bei der Suk gleichfalls den Solopart gibt, nicht unter besagten Defiziten leidet, weil sie rund 14 Jahre später gemacht wurde, anscheinend unter anderen tontechnischen Bedingungen.

Dennoch gilt: wer sich am verhallten Klangbild nicht so sehr stört, erhält mit vorliegender CD packende Interpretationen hoch spannender Werke. Martinu, der von 1919 bis 1923 selbst als Geiger in der Tschechischen Philharmonie wirkte, hat mit den beiden Violinkonzerten jeweils eine gelungene Synthese aus hohem musikalischen sowie technischen Anspruch und Unterhaltung im besten Sinne geschaffen. Begeistert das erste, 1934 fertiggestellte Konzert in den Allegro-Rahmensätzen unter anderem durch seine rhythmische Vielfalt und ein melodisch einprägsames Thema im Andante-Idyll, so ist es im zweiten, 1943 entstandenen Konzert der formal eher rhapsodische musikalische Verlauf, der zum zweiten, dritten und vierten Hören einlädt. Dass Martinus Kompositionen reich an wunderschönen Dissonanzen sind, dabei aber immer innerhalb der Grenzen der Tonalität bleiben, wird in der Vergangenheit zu ihrer geringen Popularität beigetragen haben, sollte heute aber längst kein Grund mehr sein, eine Auseinandersetzung mit ihnen zu verweigern. Tolle Musik ist es allemal.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Martinu, Bohuslav: Violinkonzerte Nr. 1 & 2

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Supraphon
1
20.03.2009
Medium:
EAN:

CD
099925396725


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Supraphon

Supraphon Music ist das bedeutendste tschechische Musiklabel und besitzt bereits eine lange Geschichte. Der Name "Supraphon" (der ursprünglich ein elektrisches Grammophon bezeichnete, das zu seiner Zeit als Wunderwerk der Technik galt) wurde erstmals 1932 als Warenzeichen registriert. In den Nachkriegsjahren erschien bei diesem Label ein Großteil der für den Export bestimmten Aufnahmen, und Supraphon machte sich in den dreißiger und vierziger Jahren besonders um die Verbreitung von Schallplatten mit tschechischer klassischer Musik verdient. Die künstlerische Leitung des Labels baute allmählich einen umfangreichen Titelkatalog auf, der das Werk von BedYich Smetana, Antonín Dvorák und Leos Janácek in breiter Dimension erfasst, aber auch andere große Meister der tschechischen und der internationalen Musikszene nicht vernachlässigt. An der Entstehung dieses bemerkenswerten Katalogs, auf den Supraphon heute stolz zurückblickt, waren bedeutende in- und ausländische Solisten, Kammermusikensembles, Orchester und Dirigenten beteiligt.


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