> > > Geistliche Musik der Ära Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg: Werke von J.H. von Wilderer & C.P. Grua d.Ä.
Montag, 25. Oktober 2021

Geistliche Musik der Ära Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg - Werke von J.H. von Wilderer & C.P. Grua d.Ä.

Düsseldorfer Barock


Label/Verlag: Coviello Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Straubes Interpretation Düsseldorfer Hofmusik ist durchweg solide, wenn auch etwas ideenarm.

Was den Preußen ihr Großer Kurfürst ist den Düsseldorfern ihr Jan Wellem (1658–1716): ein barocker Potentat mit politischer und kultureller Macht, der seinen Landsleuten eine ungeahnte Blütezeit bescherte. Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg wurde letztes Jahr auch entsprechend von seiner Geburtsstadt am Rhein gefeiert, mit großen Ausstellungen und musikalisch-kulturellen Veranstaltungen für jeden Geschmack.

Da es sich die Neue Düsseldorfer Hofmusik ins Programm geschrieben hat, das musikalische Erbe der pfälzischen Herzöge und Kurfürsten zu pflegen und zu bewahren, ist es nur logisch, dass sie sich in ihrer neusten Veröffentlichung mit der Kirchenmusik am Hof Jan Wellems beschäftigen. Diese war geprägt von italienischen Einflüssen, stammten doch die führenden Köpfe des Ensembles aus Italien oder hatten dort ihre Ausbildung erhalten. Seit den 1680er Jahren wirkte Johann Hugo Wilderer als Hoforganist, der sein Handwerk bei Giovanni Legrenzi in Venedig erlernt hatte. Seine Dienste wurden 1695 mit dem Amt des Hofkapellmeisters belohnt, womit Wilderer einem europäischen Spitzenorchester vorstand. Sein Vizekapellmeister war Carlo Luigi Grua, der jahrelang in Dresden als Altist gesungen hatte und sich nun in Düsseldorf auch als Komponist hervor tun konnte.

Die vorliegende CD bietet einen exemplarischen Überblick über die unterschiedlichen Sakralkompositionen von Grua und Wilderer, von der kleinen kammermusikalischen Besetzung für private Andachten bis hin zur repräsentativen Festmusik mit Pauken und Trompeten. In diesen Live-Mitschnitten vom 24. und 25. April 2008 spielt die Neue Düsseldorfer Hofmusik unter der Leitung von Jörg Straube und es singt der semi-professionelle Norddeutsche Figuralchor. Interessant ist, dass die Konzerte an jenem Ort stattfanden, an dem die meisten Kompositionen wohl auch ihre Uraufführung erlebten und für die sie konzipiert waren: Die St.Andreas-Kirche.

Den Auftakt machen zwei Stücke aus Wilderers g-moll-Messe, die der Nachwelt durch Abschriften von Johann Sebastian Bach erhalten sind. Leider befanden sich nur diese beiden Sätze in Bachs Besitz, so dass man Wilderers Messe wohl nie in Gänze hören wird. Dies ist umso bedauerlicher, als dass Bach von der Qualität der Komposition sehr beeindruckt gewesen sein muss, denn er ließ sich bei seinem Kyrie aus der h-moll Messe von Wilderers 'Kyrie’ inspirieren.

Das Stück beginnt mit einem Chor-Tutti. Der Norddeutsche Figuralchor singt mit schönem, ausgewogenem Klang. Das Orchester ist in den Geigen etwas metallisch und dünn, dafür ist das Bassfundament solide. Im 'Gloria’ treten einige Männerstimmen solistisch aus dem Chor hervor, die ihren Part hervorragend meistern. Besonders der Bass im Mittelteil des Stücks kann mit einem schönen Timbre aufwarten. In der nachfolgenden Chorfuge haben die Altstimmen in den Koloraturen leichte Schwächen, doch ist die Passage zum Glück nur kurz mit solchen Schwierigkeiten gespickt, so dass sie kaum weiter ins Gewicht fallen.

Das 'Alleluja’ aus Gruas Osterkantate für fünf Singstimmen, zwei Trompeten, Streichern und Basso continuo beginnt mit jubelnder Pracht. Im Anschluss singen drei Solisten des Figuralchors harmonisch und mit guter Tongebung.

Dagegen haben die beiden Solisten in 'Quando Jesus adest’ leichte stimmliche Probleme. Das Vibrato der Sopranistin wirkt unausgeglichen, nicht kontrolliert, was sich besonders in langen gehaltenen Tönen negativ auswirkt. Dagegen wartet der Alto mit stark nasalem, etwas knödeligem Klang auf. Insgesamt sind beide Sängerinnen keine ideale Besetzung, was umso bedauerlicher ist, als die Kantate kompositorisch einige Reize zu bieten hat und die kleine Instrumentalbegleitung eigentlich Raum für schönen Gesang bietet.

Das folgende 'Laetatus sum’ von Grua ist kunstvoll gearbeitet mit einem ständigen Wechsel zwischen polyphonen und homophonen Abschnitten. Die Dynamik könnte noch effektvoller kontrastiert herausgearbeitet sein. Straube versucht den fließenden, verwobenen Charakter des Stücks zu betonen, doch hätte eine genauere rhythmische Differenziertheit noch mehr Lebendigkeit und Schwung in das Werk gebracht.

Wilderers 'Custodi me’ kommt ohne Orchesterbegleitung aus. Hier kann der Chor seine Stärken im fein nuancierten Sologesang zeigen. Straube lässt die einzelnen Stimmen weite Spannungsbögen aufbauen und zieht dadurch die Musik immer weiter vorwärts ohne zu Drängen.

Den Abschluss bilden zwei etwas längere, sehr festliche Stücke, das 'Beatus vir’ von Grua und das 'Te Deum’ von Wilderer. Leider bleibt die Interpretation der Neuen Düsseldorfer Hofmusik merkwürdig blass und ausdruckslos. Zwar spielt das Orchester mit großem Ton und reichem Instrumentarium, aber die Musik wirkt in dieser Lesart einfallslos. Alles klingt prächtig und solide gespielt, aber auch ideenarm. Wenn Straube etwas weniger auf bloßen Wohlklang gesetzt hätte und Risiken eingegangen wäre, könnte das Ergebnis vielleicht etwas befriedigender ausfallen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Geistliche Musik der Ära Johann Wilhelm von der Pfalz-Neuburg: Werke von J.H. von Wilderer & C.P. Grua d.Ä.

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Coviello Classics
1
01.03.2009
Medium:
EAN:

CD
4039956209034


Cover vergössern

Grua d.Ä., Carlo Pietro
 - ´Alleluja fideles plaudite´. Osterkantate - Coro 1
 - ´Alleluja fideles plaudite´. Osterkantate - Terzetto
 - ´Alleluja fideles plaudite´. Osterkantate - Coro 2
 - ´Alleluja fideles plaudite´. Osterkantate - Duetto
 - ´Alleluja fideles plaudite´. Osterkantate - Coro 1 dc
 - ´Laetatus sum´ (Psalm 121) -
 - ´Beatus vir´ (Psalm 111) -
Wilderer, Johann Hugo von
 - Messe g-Moll für vier Singstimmen, Streicher und B.c. - Kyrie
 - Messe g-Moll für vier Singstimmen, Streicher und B.c. - Gloria
 - ´Quando Jesus adest´. Aus ´Modulationi sacrae´ op. 1, 1-10 - Adagio
 - ´Quando Jesus adest´. Aus ´Modulationi sacrae´ op. 1, 1-10 - Allegro
 - ´Quando Jesus adest´. Aus ´Modulationi sacrae´ op. 1, 1-10 - Presto
 - ´Custodi me´ -
 - ´Te deum´ -


Cover vergössern

Coviello Classics

Für Coviello Classics steht bei einer Musikproduktion immer das besondere Hörerlebnis im Vordergrund ? alle technischen und organisatorischen Entscheidungen müssen sich diesem ästhetisch definierten Ziel unterordnen. Wesentliche Entscheidungen treffen bei coviello classics nicht gewinnorientierte Manager, sondern kreative Musik-Gestalter: zum einen die Gründer, Geschäftsführer und prägenden Köpfe Olaf Mielke und Moritz Bergfeld, die als Diplom-Tonmeister und Aufnahmeleiter den coviello classics-Produktionen ihr ?klangliches Gesicht? geben, zum anderen die Interpreten, die für coviello classics immer die wichtigsten Partner sind. Ihre künstlerische Aussage ist das zentrale Kriterium für die Qualität einer Aufnahme; sie sind in alle ästhetischen Fragen einer Veröffentlichung einbezogen.

Hoher Repertoirewert

Grundvoraussetzung für unsere Neuproduktionen sind die besonderen Anforderungen an Künstler und Repertoire. Um dem Klassikmarkt neue Impulse zu geben, produziert coviello classics bislang wenig beachtetes Repertoire, oftmals in Weltersteinspielungen, und sorgt damit immer wieder für überraschende Entdeckungen. Bekanntere Werke erscheinen durch ungewöhnliche Interpretationen in neuem Licht ? hier gibt es keine ideologischen Grenzen oder vermeintlichen Authentizitäts-Anspruch; lebendige Musikkultur zeigt oft das vertraute in ganz anderem klanglichem Gewand. Ein besonderer Schwerpunkt ist die seit einigen Jahren etablierte Reihe coviello contemporary, in der sich die Nähe zum weltbekannten Darmstädter Institut für neue Musik in ganz aktuellen Kompositionen bemerkbar macht.

Technische und ästhetische Kompetenz

coviello classics ist das Label, unter dem die Aufnahmen der Produktionsfirma MBM vertrieben werden ? ob als CD, DVD oder SACD. Durch einen ganz speziell für die Anforderungen hochwertigster Musikproduktionen konzipierten Übertragungswagen sind die Voraussetzungen für die Aufnahmequalität bei MBM optimal. coviello classics bietet darüber hinaus in jedem Bereich und in jeder Phase der Realisierung einer Musikproduktion ? bis hin zu grafischer Gestaltung und Textredaktion bei den begleitenden Druckmedien ? sowohl Logistik und hochwertiges Gerät wie auch technisches und ästhetisches Know-how.

Grafiken, Texte und weltweite Wege

Zu einer Musikveröffentlichung gehört nicht nur der gespeicherte Ton ? da gibt es noch einiges mehr zu gestalten. Das Cover einer CD, DVD oder SACD muss nicht nur grafisch ansprechend gestaltet sein, sondern auch einen sinnvollen Zusammenhang mit dem musikalischen Inhalt herstellen. Das begleitende Booklet soll umfassend über Werke, Künstler und Aufführungspraxis informieren; die Texte müssen wissenschaftlicher Prüfung standhalten, aber trotzdem allgemein verständlich und auch noch unterhaltsam sein ? schwierige Herausforderungen auch über die Musik hinaus, für die coviello classics mit erfahrenen Grafikern und Textautoren zusammenarbeitet. Schließlich muss das fertige Produkt an möglichst vielen Orten der Welt erhältlich sein. Dafür haben wir in vielen Ländern in Europa, Asien und Nordamerika Partner vor Ort, die ihren Markt genau kennen. Sie werden laufend mit Neuheiten, Informationsmaterial und Rezensionen aus der Presse versorgt ? auch wenn die Produktion eigentlich fertig ist, macht sie uns noch viel Arbeit.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Coviello Classics:

blättern

Alle Kritiken von Coviello Classics...

Weitere CD-Besprechungen von Dr. Christiane Bayer:

  • Zur Kritik... Wo ist das Strahlen?: Die Stücke sind schön eingesungen, wenn auch ohne große interpretatorische Überraschungen. Weiter...
    (Dr. Christiane Bayer, )
  • Zur Kritik... Frühling für die Ohren: Stefen Temmingh und Dorothee Mields spüren mit Neugier den unterschiedlichen Vogelstimmen und deren Bedeutungen in der europäischen Barockmusik nach. Was für ein buntes Gezwitscher, bei dem einem Ohr und Herz aufgehen. Weiter...
    (Dr. Christiane Bayer, )
  • Zur Kritik... Ein würdiger Auftakt: Der Startschuss zu einer Kuhnau-Reihe bei cpo könnte fulminanter gar nicht ausfallen: tadellose Umsetzung großartiger Musik durch das Ensemble Opella Musica mit Unterstützung der Camerata Lipsiensis. Weiter...
    (Dr. Christiane Bayer, )
blättern

Alle Kritiken von Dr. Christiane Bayer...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Unsentimental: Maurizio Paciariello spielt die drei Klaviersonaten aus dem Jahr 1936 von Paul Hindemith. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Zu Bachs und Händels Schaden: Eine etwas betuliche Hercules-Doppelkantate aus Halle. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Verschlungene Wege: Enrico Onofri und sein Orquesta Barroca de Sevilla mit einer gelungenen Lesart von Pergolesis 'Stabat Mater', die sich wesentlich dem vokalen Glanz von María Espada und Carlos Mena verdankt. Weiter...
    (Dr. Matthias Lange, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2021) herunterladen (3200 KByte) Class aktuell (3/2021) herunterladen (7642 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"
Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich