> > > Marino Formenti spielt: Klavierwerke von Kurtág, J. S. Bach, Schumann, Stockhausen u.a
Montag, 17. Juni 2019

Marino Formenti spielt - Klavierwerke von Kurtág, J. S. Bach, Schumann, Stockhausen u.a

Kompositorische Archäologie


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


György Kurtágs und Marino Formentis Denken über den Verlauf, den Stand und den künftigen Weg der Musikgeschichte verläuft in ähnlichen Bahnen. Formentis 'Kurtág?s Ghosts' bereichert die Erfahrung von der frühen Mehrstimmigkeit bis zur Gegenwart.

Vielleicht wird man György Kurtág einmal als einen der größten Komponisten unserer Zeit in Erinnerung behalten. Spät entdeckt gilt der Ungar erst seit den 1980er Jahren als wesentlicher Vertreter der Neuen Musik. Nur Luigi Nono hat indes nach 1945 eine derart überzeugende Trauermusik geschrieben. Kurtágs Werk ist hermetisch, überschaubar und gleichzeitig großartig in seiner anrührenden, stets sensiblen Kraft, die eine Einfühlung unmittelbar erfahrbar macht. In vielerlei Hinsicht ist Kurtág, trotz aller Popularität, die ihm mittlerweile zu Teil wurde, dennoch ein Außenseiter geblieben. Er hat keine Schule begründet und nie Komposition unterrichtet. Als Lehrer galt sein Interesse ausschließlich der Kammermusik, sowie der Analyse fremder Werke. Der Stil seiner Miniaturen steht in der Tradition der großen ungarischen Akademie, ist in seiner Strenge von Bartók her zu erschließen und in seiner Radikalität der Pariser Webernrezeption (Messiaen, Boulez, Stockhausen) verpflichtet. Als Begründer der immanenten Widmungskomposition hat er zahlreiche andere Komponisten schon jetzt entscheidend geprägt und den passenden Ausdruck für das ‚beschädigte Leben’ (Adorno) in der musikalischen Miniatur gefunden. Kurtágs Werk ist nicht Spiegel und Antwort auf unseren Zeitgeist, sondern auf seine Trümmer und Ruinen in einer langen abendländischen Kulturgeschichte.

Marino Formenti hat nun in einer zweiteiligen Einspielung für Kairos diesen Weg Kurtágs nachgezeichnet. György Kurtág hatte in seinen pianistischen Konzerten mit seiner Frau Martha stets den hohen, intertextuellen Wert der ‚Programme’ betont, die eigenes Material wie selbstverständlich neben Werke von Machaut, Bach, Schumann oder Boulez setzen. Formenti hat für seine Einspielung 'Kurtag’s Ghosts’ ein ähnliches Konzept entworfen. Das Programm liest sich wie der Index einer Musikgeschichte: Machaut, Bach, Scarlatti, Haydn, Schubert, Bartók, Messiaen, Stockhausen bis Ligeti werden collagenartig aneinander gereiht und treten in Interaktion.

Formenti hat eine faszinierende Auswahl getroffen. Die meisten Stücke überschreiten nicht einmal die Minutengrenze, und so ergibt sich ein klangliches Gesamtbild, das immer wieder im Nukleus des kompositorischen Gedankens auf zeitübergreifende Parallelen aufmerksam macht. Ähnlich wie vor ihm Kurtág hat der italienische Pianist bereits in seiner Auswahl das Feld bereitet für kulturelle Brüche, historische Bezüge, musikimmanente Traditionslinien oder semantische Universalismen. Die Hauptthese ist dabei seit Schönberg bekannt: ‚Ich bin konservativ, ich bewahre den Fortschritt.’ Doch was ist nun das Fortschrittliche, das Einzigartige, das neu Erscheinende an Kurtág? – Es liegt hörbar im Musiksemantischen einer Reflexion über die Geschichte seiner eigenen Kultur – der großen klassischen Tradition, der Schlüsselfigur Bachs, der Alten Musik, der ungarischen Schule (Liszt, Bartók, Kodaly, Ligeti) und der Darmstädter Avantgarde, als letzter historischer Bastion, die Kurtág noch rezipiert hat. Kurtágs Reaktion auf die Geschichte der Neuen Musik ist damit in vielerlei Hinsicht faszinierend. Er komponiert nicht weiter, differenziert nicht das Material oder sucht nach neuen Möglichkeiten der Klangerzeugung, sondern wird sich einem Ende des Materialstandes bewusst. Die Konsequenz ist ein subtiles Kommentieren, Ausdeuten und Beleuchten des musikalischen Materials – hier im emphatischen Sinne nicht des konkreten, sondern bereits gebildeten und geformten historischen Musikgedächtnisses. György Kurtág komponiert, wie Giorgio Agamben philosophiert. Giorgios philosophische Archäologie ist Györgys kompositorischem Umgang mit der Historie äquivalent. Beiden wohnt ein aphoristischer Gestus der Trauerarbeit inne.

Marino Formentis Denken über den Verlauf, den Stand und den künftigen Weg der Musikgeschichte verläuft in ähnlichen Bahnen. Diesem außergewöhnlichen, weil seltenen Glücksfall des Zusammentreffens zweier so kongenialer Künstler sollte man sich nicht entgehen lassen. Formentis 'Kurtág’s Ghosts’ bereichert die musikalische Erfahrung von der frühen Mehrstimmigkeit bis zur Gegenwart.

Interpretation:
Klangqualität:
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Booklet:






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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Marino Formenti spielt: Klavierwerke von Kurtág, J. S. Bach, Schumann, Stockhausen u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
2
17.04.2009
103:38
2008
EAN:
BestellNr.:

9120010281471
KAI 0012902


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Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


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