> > > Welte-Mignon Piano Vol. 2: Werke von Mozart, Schubert, Chopin u.a
Samstag, 28. Mai 2022

Welte-Mignon Piano Vol. 2 - Werke von Mozart, Schubert, Chopin u.a

Welte-Mignons Welt


Label/Verlag: Tudor
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Diese CD bietet dem speziell interessierten Hörer eine spannende Reise in eine versunkene Welt der Klavierkunst.

In traumhaft schöner Lage des Schweizerischen Kantons Graubünden, genauer gesagt des Landstrichs Oberengadin, befindet sich das Hotel Waldhaus. Oberhalb des Bergdorfs Sils Maria, dessen Flair und Umgebung schon Nietzsche zu schätzen wusste, thront das traditionsreiche Haus in 1.800 m Höhe. Allein schon die Liste der prominenten musikalischen Gäste ist lang, und so sollen die klangvollen Namen Richard Strauss, Bruno Walter, Otto Klemperer, Georg Solti oder Rudolf Serkin exemplarisch genügen.

Weit weniger klar liegen die historischen Fakten rund um das Welte-Mignon-Klavier. Bekannt sind zwar die Grundprinzipien der technischen Funktionsweise. Bis heute im Dunkeln liegen hingegen bestimmte Details über die exakte Aufzeichnungsprozedur, etwa was Anschlagsstärke oder dynamische Nuancen betrifft. Derartige Einzelheiten hielten die Erfinder und Konstrukteure der Freiburger Firma M. Welte & Söhne nämlich bewusst unter Verschluss, um dem der Öffentlichkeit erstmals 1905 auf der Leipziger Frühjahrsmesse präsentierten Produkt eine Art Aura des Geheimnisumwitterten zu verleihen. Ein solches mechanisch-automatisches Instrument befand sich auch in besagtem Hotel, und beim Schweizer Label Tudor ist nun die zweite Folge mit dreizehn dort Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Aufnahmerollen erschienen. Die Identität der jeweiligen Interpreten ist größtenteils gesichert, deren Namen aus heutiger Sicht jedoch mehrheitlich nichtssagend. Die beiden großen Ausnahmen hiervon stellen Camille Saint-Saëns und Ignaz Paderewski dar.

Könnte man ob Mozarts einleitendem ‘Alla Turca’ zunächst erschrecken und befürchten, die Auswahl der Stücke bestehe aus einer Ansammlung derartiger ‘Gassenhauer’, erweist sich dieser Verdacht im weiteren Verlauf glücklicherweise als unbegründet und enthält die Kompilation sogar mehrere pianistische Raritäten. Was nun das Ergebnis der Aufzeichnungen betrifft, so fallen auf der einen Seite immer wieder auftretende, mehr oder weniger starke Asymmetrien im Zusammenspiel beider Hände sowie teils holprig wirkende, seltsam schwerfällig und stockend anmutende Passagen auf. Die hierzu im Booklet gelieferte Erklärung, die solche Stellen pauschal mit dem seinerzeit vorherrschenden Interpretationsideal einer asynchronen Anschlagstechnik als nachromantischem Stil- und Ausdrucksmittel ‘entschuldigt’, ist sicherlich nur die halbe Wahrheit. Denn mögen die Hersteller auch noch so sehr die Authentizität der Aufnahmen gerühmt haben, so sind diese Merkmale wohl zu einem nicht unerheblichen Teil den letztlich doch limitierten technischen Möglichkeiten zuzuschreiben. Alles in allem bleiben diese Begleiterscheinungen jedoch die Ausnahme und ist man auf der anderen Seite geradezu verblüfft, mit welch brillanter Schärfe und frappierender Klarheit selbst schnellste Läufe und Arpeggien wiedergegeben werden. Zu bestaunen ist dieser Aspekt beispielsweise im Mittelteil von Chopins zweitem Scherzo, in Liszts Ungarischer Rhapsodie Nr. 11, Saint-Saëns’ – von ihm selbst gespielter und für Klavier solo arrangierter – ‘Rhapsodie d´Auvergne’ oder Balakirews berühmter Adaption von Glinkas ‘Lerche’. Dass die Einspielungen in puncto Nuancenvielfalt an heutige Möglichkeiten schlechterdings nicht heran reichen können, ist von vornherein klar. Der Wunsch nach mehr agogischer Vielfalt, wie man sie sich ansonsten in der Transkription von ‘Elsas Traum’ aus Wagners Lohengrin wünschen würde, bleibt somit naturgemäß unerfüllbar. Doch zeitigt das Verfahren im Vergleich zu Mono-Platten späterer Jahrzehnte geradezu sensationelle und obendrein nahezu rauschfreie Ergebnisse. Maßlos übertrieben war es daher rückblickend nicht, dass die Firma ihre Errungenschaft als Wunderwerk anpries.

Wer bereit und offen dafür ist, sich in anfangs gewöhnungsbedürftige klangliche Eigenarten hinein zu hören, wird daher mit einem pianistischen Abenteuer belohnt, das so manche Überraschung bereit hält. Näheres zu technischen Belangen und Historie liefert ein gelungenes Booklet.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Gehrig Kritik von Thomas Gehrig,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Welte-Mignon Piano Vol. 2: Werke von Mozart, Schubert, Chopin u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Tudor
1
02.01.2009
Medium:
EAN:

CD
0812973011118


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