> > > Musica Magica: Werke für Gitarre & Harfe von Cortés, Andriessen, Sessler u.a
Samstag, 28. Mai 2022

Musica Magica - Werke für Gitarre & Harfe von Cortés, Andriessen, Sessler u.a

Im Schatten der Gitarre


Label/Verlag: Musicaphon
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Werke für Gitarre und Harfe sind selten und werden dazu noch seltener aufgeführt. Maximilian Mangold und Mirjam Schröder haben nun im Duett einige Schlüsselwerke dieser Gattung aus dem 20. Jahrhundert eingespielt.

Harfe und Gitarre

Kompositionen für Gitarre und Harfe haben nie den Sprung zu einer autonomen musikalischen Gattung geschafft. Ein Grund dafür dürfte sein, dass keiner der großen Klassiker – weder Haydn, noch Mozart und Beethoven – je für die Gitarre schrieben. Selbst ein Gitarrist wie Berlioz hat später sein Instrument sträflich vernachlässigt. Die Harfe war als exotisches Randinstrument ihrerseits nicht wesentlich präsenter als die klassische Gitarre, sieht man einmal von der orchestralen Einbindung ab. Zudem dürften viele Komponisten in der klassischen Tradition an das Duett von Gitarre und Harfe allein aufgrund der klanglichen und klangfarbigen Analogien kaum gedacht haben. Schließlich gab es auch bis in die Moderne kaum Werke für Gitarre und Laute. Erst das 20. Jahrhundert fand wieder Gefallen an der subtilen Kombination der beiden intimen Instrumente.

Die wunderbare Einspielung von Maximilian Mangold und Mirjam Schröder hat nun eine Lücke im Repertoire aufgearbeitet und gezeigt, dass gerade in der Ähnlichkeit, den Überschneidungen und dem vergleichbaren Impetus der eigentliche Reiz der Duette liegt. Stimmen gewinnen an Fragilität oder Kontur, die Polyphonie ist farblich reizvoll und der Kontrapunkt oft trotz aller Transparenz mysteriös.

Juan Manuel Cortés

Juan Manuel Cortés ist in der Vergangenheit besonders mit seiner Kammermusik und Konzerten für Gitarre und Orchester hervorgetreten. Sein Stil zeugt von einer profunden Kenntnis des gitarristischen Registers und der technischen Spielmöglichkeiten im 20. Jahrhundert. In seiner tendenziell eher klassizistisch komponierten Suite umschreibt er musikpoetisch die Lebensphasen eines Schmetterlings – eines ‚wunderschönen Nachtfalters’ in seinen Worten.

Das 'Moderato’ eröffnet in einer sphärischen Grundstruktur mit interessanten repetitiven Mustern, die an das Frühwerk von Leo Brouwer erinnern. Ein feines Legato fließt förmlich über impressionistische Arpeggien. Voluminöse Flageoletts hinterfangen den warmen Gitarrenton bei dem besonders Mangolds hoch ausdifferenziertes Registerspiel durch subtile Kontrastierung besticht. Im 'Adagio misterioso’ erklingt schließlich eine wahrhaft mysteriöse Skala, die man keiner festen Tonalität mehr zuordnen kann. Indem hier die Unterschiede von Gitarre und Harfe mitunter nur graduell ineinander übergehen, erscheint das gitarristische Melos wie von einem unsichtbaren Schatten begleitet. Einzelne Motive werden geschickt vertauscht, variiert und gespiegelt. Die Atmosphäre erinnert dabei teilweise an Henzes erstes 'Tiento’ aus der ‚Hölderlin-Nachtmusik’, wo ebenfalls der Eindruck einer offenen Tonalität entstehen sollte.

Jurian Andriessen

Eine vergleichbare Atmosphäre evoziert auch die große Suite des niederländischen Komponisten Jurian Andriessen. In vier Einzelsätzen ohne Unterbrechung entfaltet sich eine gitarristische Melodik, die zwischen frei rezitativischen Momenten, clusterartigen Akkordstrukturen und der ostentativen Rhythmik im dritten Binnensatz oszilliert. Andriessen, der noch bei Messiaen in Paris und später am Berkshire Music Center bei Aaron Copland studierte, entwickelt hier ein ganzes Kompendium des gitarristisch Möglichen, wobei er die Harfe stets als gleichwertiges Instrument integriert.

Ulrich Leyendecker

Von Ulrich Leyendecker hatte Maximilian Mangold in der Vergangenheit bereits die eindrucksvolle Solo-Komposition 'Verso Parsifal’ eingespielt und außerdem das ihm zugeeignete Konzert für Gitarre und Orchester uraufgeführt. Die ‚Mitternachtsmusik für Gitarre und Harfe’ setzt nun die Auseinandersetzung mit Leyendecker fort, den es in Deutschland nach wie vor zu entdecken gilt. In der Folge von Alban Berg beschreitet Leyendecker einen ähnlichen Weg wie Hans Werner Henze, der sich in seinem Werk bekanntlich ebenfalls ausführlich der Gitarre und Harfe gewidmet hat. Sinnliche, farbige und romantische Impressionen treffen in seiner Komposition auf einen konsequenten Kontrapunkt und eine avancierte Harmonik. Die überwiegend dunklen Klangfarben der Akkorde kontrastieren hierbei mit den brillanten Lichtern der Flageoletts – ähnlich wie die Reflektionen des Mondlichtes in dem Nachtstück von Hans-Jürgen Traulsen auf dem Cover.

Máximo Diego Pujol

Höhepunkt der Aufnahme sind vielleicht die weitestgehend tonal gesetzten Miniaturen des argentinischen Gitarristen und Komponisten Máximo Diego Pujol. Pujol – nicht zu verwechseln mit dem berühmten katalanischen Virtuosen der Jahrhundertwende Emilio Pujol – erinnert in seinem Tango nicht nur an sein Vorbild Astor Piazzolla, sondern auch an eine Komposition von John Abercrombie, die dieser für Ralph Towner komponierte – den berühmten 'Ralph’s Waltz’. In Pujols Gitarrenœuvre besticht besonders der virtuose und dennoch eingängige Stil, der von Mangold nach allen Regeln der Kunst ausdifferenziert wurde. In flüssigen Legati und voluminöser Tongestaltung haben Mangold und Schröder Pujols lateinamerikanische Melodiekunst in breiten Bögen, aber auch expressiven Akzenten brillant zur Geltung gebracht.

Wenngleich 'Musica Magica’ damit in erster Linie durch die hervorragende Interpretation von Mangold/Schröder besticht, ist die Einspielung doch gerade aufgrund ihres Programms einzigartig und dem Repertoire aller modernen Gitarristen nachdrücklich zu empfehlen. Mangold und Schröder haben gleich in ihrer ersten Produktion eine Referenzeinspielung zeitgenössischer Musik für Gitarre und Harfe vorgelegt und allen Freunden innovativer Kammermusik damit eine spannende Musikform völlig neu erschlossen.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Musica Magica: Werke für Gitarre & Harfe von Cortés, Andriessen, Sessler u.a

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Musicaphon
1
03.03.2009
64:19
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
4012476568959
M 56895


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"Kompositionen für Gitarre und Harfe sind sehr selten. Nicht weniger als vier der hier eingespielten Werke sind für Mirjam Schröder und Maximilian Mangold geschrieben und ihnen gewidmet worden. Dabei ist die Formensprache durchaus vielfältig. Das Spektrum reicht von Cortes‘ „Graelsia“ und Sesslers „Sonata“ in klassischem dreisätzigem Aufbau über die viersätzige „Ballade“ von Andriessen, wobei die einzelnen Sätze ohne Unterbrechung aufeinander folgen, und die tatsächlich einsätzige, wiewohl in drei Teile gegliederte „Mitternachtsmusik“ von Leyendecker und dem formalen Experiment, das Bröder in seinen „Rondes“ versucht, bis hin zur „Suite Mágica“ des Argentiniers Pujol, in der nach einleitendem Präludium die drei populärsten musikalischen Genres von Buenos Aires: Walzer, Tango und Candombe sich wiederfinden. Insgesamt ein reizvolles Klangerlebnis und eine spannende Entdeckungsreise in die Formenwelt zeitgenössischen Komponierens."


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Musicaphon

Ende der 50er Jahre gründete Karl Merseburger, Inhaber des Tonkunstverlages in Darmstadt, das Label CANTATE. Etwa zur gleichen Zeit rief Karl Vötterle (Bärenreiter-Verlag) in Kassel MUSICAPHON ins Leben. In beiden Fällen sollte vorrangig das jeweilige Verlagsprogramm auf Tonträgern dokumentiert werden. Nachdem Merseburger den Tonkunstverlag 1963 aufgeben mußte, übernahm Bärenreiter das Label CANTATE und führte beide gemeinsam unter dem Dach der 1965 gegründeten Vertriebsfirma "Vereinigte Schallplattenvertriebsgesellschaft Disco-Center" fort. Auf beiden Labels erschienen in den 60er und 70er Jahren bedeutende Aufnahmen. Besondere Schwerpunkte setzte Wilhelm Ehmann, Leiter der Westfälischen Kantorei in Herford, mit seinen historischer Aufführungspraxis verpflichteten Interpretationen der Werke von Heinrich Schütz. Bach-Kantaten wurden von Helmuth Rilling mit der Gächinger Kantorei und dem Figuralchor der Gedächtniskirche Stuttgart eingespielt. MUSICAPHON gewann daneben Profil mit der Veröffentlichung musikethnologischer Aufnahmen, herausgegeben von der UNESCO (Musik des Orients und Musik Afrikas) bzw. vom musikwissenschaftlichen Institut der Universität Basel (Musik Ozeaniens und Musik Südostasiens). 1994 erwarb der Musikwissenschaftler Dr. Rainer Kahleyss (Kassel) die Label, 1996 auch die Vertriebsfirma von Bärenreiter, die jetzt als "Klassik Center Kassel" firmiert. Seitdem werden auf CANTATE geistliche Musik, auf MUSICAPHON weltliche Musik vom Frühbarock bis zur Gegenwart veröffentlicht. Auch für die Rezeptionsgeschichte bedeutsame Aufnahmen der Altkataloge werden sukzessive auf CD umgestellt.


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