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Samstag, 15. August 2020

Offenbach, Jacques - Les contes d´Hoffmann

Traum und Trauma


Label/Verlag: Arthaus Musik
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Die szenische Lösung von Offenbachs 'Hoffmanns Erzählungen' können in dieser Inszenierung nicht ganz überzeugen. Die Sänger aber zeigen eine ansprechende Leistung.

Bereits der Titel von Offenbachs Oper 'Hoffmanns Erzählungen’ (1881), mehr noch aber ihre einzigartige Dramaturgie zeigen einmal mehr, dass die Gattung Oper dem Narrativen, der Erzählung näher steht als dem Drama (in seiner geschlossenen Form) und verdeutlichen nebenbei Albert Giers Wort vom Libretto als ‚epischer Dramenform’. Der Autor E.T.A. Hoffmann ist in den Rahmenakten zum Erzähler fiktionalisiert und tritt darüber hinaus als handelnde Figur in seinen eigenen Geschichten in Erscheinung. Ein Traum-Spiel, dessen Movens Hoffmanns Liebe zu Stella ist. Jene Opernsängerin, auf die er in seinen drei, vom Librettisten im freien Umgang nach den Originaltexten gebildeten Opern-Erzählungen jeweils einen Frauentyp projiziert: Stella als Puppe (‚Der Sandmann’), als Künstlerin (‚Rat Krespel’) und als Hure (‚Die Abenteuer der Silvesternacht’). Hoffmanns Gegenspieler Lindorf, den Bryn Terfel in dieser Inszenierung der Opéra National de Paris (2002) mit dunkler Energie verkörpert, erscheint in jeder Geschichte in der Maske eines anderen und bleibt dabei doch derselbe; dafür sorgt bereits das pseudobarocke Motiv, mit dem die tiefen Streicher (fast) jeden seiner Auftritte ankündigen. Aber nicht wie sonst so häufig ist hier der Unhold, der Hoffmann immer wieder scheitern lässt, der spannendere Charakter – hier ist dies zweifellos Hoffmann selbst. Neil Shicoff nimmt man den bei aller Verzweiflung lustvoll fabulierenden Erzähler sofort ab; sein Hoffmann ist ein Schwärmer und phantasierender Trinker, der sich zunehmend in Schuld verstrickt: Im zweiten Akt betet er noch folgenlos den Automaten Olympia an; Antonia im dritten Akt kann er schon nicht mehr vor dem Tod bewahren; und im Venedig-Akt – der mit der berühmten, hier süffig ausgespielten Barkarole – wird er zum Mörder. Auch die Figur des Handlangers und Dieners, der Michel Sénéchal allerdings nur wenig Komik abzugewinnen weiß, durchzieht die Oper.

Ein unwirkliches Geschehen. Regisseur Robert Carsen verlegt denn auch das traumatische Traum-Geschehen von Offenbachs unvollendeter Opéra-fantastique ins Theater. Hier singen die Schauspieler und Bühnentechniker im Chor, der nicht immer passgenau auf das Orchester abgestimmt ist; hier erscheint auf der Drehbühne ‚Don Giovanni’ als Standbild, mit Stella als Donna Anna. Luthers Weinstube im ersten Akt, der als Prolog fungiert, ist hier (auf welcher Ebene der Inszenierung?) eine Bar mit einer die ganze Bühnenbreite einnehmenden Theke. An ihr führt Hoffmann das umwerfende ‚Lied von Kleinzack’ auf. Das von Jesus Lopez-Cobos geleitete Orchester der Pariser Oper agiert mit leichtem Schwung, fein ziseliert. Hoffmann bekommt ein Kostüm verpasst, das ihn mit seinen auf der Theke liegenden Beinchen wie einen Zwerg aussehen lässt: ein großer, chaplinesker Moment. Und darstellerisch wie szenisch wirklich vortrefflich ist dann, wie diese Burleske, psychologisch prekär, in die sehnsüchtige Erinnerung an Stella über gleitet.

Der zweite Akt ist schon weniger überzeugend als der Prolog des ersten Akts. Christian Jeans Spalanzani kann es in Sachen Ausstrahlung und gesanglicher Ausdruckskraft nicht mit Terfels Coppélius aufnehmen, und die Muse alias Niklas von Susanne Mentzer bleibt, ungeachtet ihrer souveränen Gesangsdarbietung, darstellerisch ohne Profil. Désirée Rancatore indes ist eine überzeugende Olympia. Ihr Sopran stellt die kalte Virtuosität, die Mechanik ihrer Arie vortrefflich heraus. Dass sie sich im Heu auf Hoffmann wirft und mit ihm zu kopulieren scheint, ist kein schlechter Regie-Einfall – macht er doch deutlich, dass Hoffmanns Verlangen nicht nur rein ideeller Natur ist. Einigermaßen erschütternd gerät dann das Ende dieses Akts: Olympia nackt wie eine Schaufensterpuppe, von Coppélius zerstückelt.

Der Verweis auf Stella sich wie ein dicker roter Faden überdeutlich durch die Inszenierung. Die Kamera, die den Sängern ohnehin immer aufdringlich, geradezu in Schweißperlenauflösung auf den Leib rückt, zoomt auf die Mozart-Noten, die Olympia in der Hand hält, und auch Antonia spielt aus der Partitur des ‚Don Giovanni’. Seltsamerweise klingt dieser Mozart dann sehr nach Offenbach... Das Bühnenbild des dritten Akts ist ein Orchestergraben, kein Himmel voller Geigen. Dies sorgt zunächst für Ernüchterung, weil sich der Eindruck aufdrängt, die szenischen Möglichkeiten des Theaters im Theater würden nicht ausgeschöpft. Dass dann aber in Abweichung vom Libretto nicht nur die Stimme von Antonias verstorbener Mutter, sondern diese selbst, im weißen Schleier tanzend, auf der Bühne oberhalb des Grabens erscheint, ist stringent und überzeugt – vorerst. Denn im Großen und Ganzen stellt sich dann doch die Frage, ob die konstruierte Ausgangssituation einem Stück, dessen Handlung einer obsessiven Phantasie entspringt, überhaupt angemessen sei. Ein hell erleuchteter Zuschauer- und Bühnenraum – und wenn, wie im bestürzenden vierten Akt, die Sitzreihen (technisch gut gelöst!) auch noch so sehr venezianisches Gondel-Schaukeln evozieren – haben so gar nichts Magisch-Phantastisches an sich.

So bleibt in Hinblick auf die handwerklich solide Regie (die Bewertung mit drei Sternen nur knapp!) am Ende doch Ernüchterung, ja Enttäuschung, die durch die famosen Leistungen von Ensemble und Orchester noch verstärkt wird. Die Meta-Ebene hat keinen künstlerischen Mehrwert erbracht; mehr Vertrauen auf die konstruktiven Kräfte des Traums hingegen, durchaus auch in einem Spiel mit den Ebenen des Theaters, hätten dieser Inszenierung gut getan.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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    Offenbach, Jacques: Les contes d´Hoffmann

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Arthaus Musik
2
09.03.2009
173:00
2002
Medium:
EAN:
BestellNr.:

DVD
9783941311169
107 027


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Arthaus Musik

Arthaus Musik wurde im März 2000 in München gegründet und hat seit 2007 seinen Firmensitz in Halle (Saale), der Geburtsstadt Georg Friedrich Händels.

Das Pionierlabel für Klassik auf DVD veröffentlicht nunmehr seit 13 Jahren hochkarätige Aufzeichnungen von Opern, Balletten, klassischen Konzerten, Jazz, Theaterinszenierungen sowie ausgesuchte Dokumentationen über Musik und Kunst. Mit bis zu 150 Veröffentlichungen pro Jahr sind bisher über 1000 Titel auf DVD und Blu-ray erschienen. Damit bietet Arthaus Musik den weltweit umfangreichsten Katalog von audiovisuellen Musik- und Kunstproduktionen und ist seit Gründung des Labels international führender Anbieter in diesem Segment des Home Entertainment Marktes.

In vielen referenzgültigen Aufzeichnungen sind die größten Künstler unserer Zeit wie auch aus vergangenen Tagen zu hören und zu sehen. Unter den Veröffentlichungen finden sich Aufnahmen mit Plácido Domingo, Cecilia Bartoli, Luciano Pavarotti, Maria Callas, Jonas Kaufmann, Elīna Garanča; mit Dirigenten wie Carlos Kleiber, Claudio Abbado, Nikolaus Harnoncourt, Lorin Maazel, Pierre Boulez, Zubin Mehta; aus Opernhäusern wie der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper, dem Royal Opera House Covent Garden, der Opéra National de Paris , der Staatsoper Unter den Linden, der Deutschen Oper Berlin und dem Opernhaus Zürich.

Zahlreiche Veröffentlichungen des Labels wurden mit internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Oscar-prämierte Animationsfilm ?Peter & der Wolf? von Suzie Templeton, die aufwändig produzierte ?Walter-Felsenstein-Edition? und die von Sasha Waltz choreographierte Oper ?Dido und Aeneas?, die beide den Preis der deutschen Schallplattenkritik erhielten. Mit dem Midem Classical Award wurden u. a. die Dokumentationen ?Herbert von Karajan ? Maestro for the Screen? von Georg Wübbolt und ?Celibidache ? You don?t do anything, you let it evolve? von Jan Schmidt-Garre ausgezeichnet. Die Dokumentation ?Carlos Kleiber ? Traces to nowhere? von Eric Schulz erhielt den ECHO Klassik 2011.

Mit der Tochterfirma Monarda Arts besitzt Arthaus Musik eine ca. 900 Produktionen umfassende Rechtebibliothek zur DVD-, TV- und Onlineauswertung. Seit 2007 entwickelt das Unternehmen kontinuierlich die Sparte Eigenproduktion mit der Aufzeichnung von Opern, Konzerten, Balletten und der Produktion von Kunst- und Musikdokumentationen weiter.

Arthaus Musik DVDs und Blu-ray Discs werden über ein leistungsfähiges Vertriebsnetz, u.a. in Kooperation mit Naxos Global Distribution in ca. 70 Ländern der Welt aktiv vertrieben. Darüber hinaus veröffentlicht und vertreibt Arthaus Musik die 3sat-DVD-Edition und betreut für den Buchhandel u.a. die Buch- und DVD-Edition über Pina Bausch von L’Arche Editeur, Preisträger des Prix de l’Académie de Berlin 2010.


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