> > > Mendoza, Elena: Kammermusik
Samstag, 21. September 2019

Mendoza, Elena - Kammermusik

Was wirklich ist


Label/Verlag: Kairos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Elena Mendoza erschafft in ihren filigran gearbeiteten Werken einen erstaunlichen Dialog der Wirklichkeiten.

Die junge spanische Komponistin Elena Mendoza betrachtet ihre Musik als ein ‚fortwährendes Infragestellen von Wirklichkeiten’. Ihre Tonsprache spielt mit den Wahrnehmungen, entwirft neue Erkenntniswelten und spielt solange mit ihnen, bis nichts mehr so ist, wie es vorher war. Was vordergründig nett und harmlos wirkt, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein Abgrund voller Widersprüche und Irritationen. Und dennoch: Elena Mendozas Musik entzieht sich dem Hörer nicht, sie bleibt fasslich, ohne einen hermetischen Antwortenkatalog auf seine Fragen zu entwerfen. Bei Kairos ist nun eine Zusammenstellung mit einigen ihrer neueren Werke erschienen.

Im Prozess des Entwerfens und Hinterfragens von Wirklichkeiten spielt das dialogische Moment eine große Rolle. In 'Contra-dicción' für zwei Bratschen sitzt das Publikum zwischen den räumlich getrennten Spielern und erlebt hautnah das Zwiegespräch unterschiedlich gezeichneter musikalischer Gestalten. Ähnlich dialektisch geht Mendoza in 'Lo que nunca dijo nadie' für Violine und Gitarre vor. Das Stück basiert auf einem Text des spanischen Dichters Ángel González, der sich mit dem Unaussprechlichen beschäftigt. Klang und Sprache werden hier zu einer Einheit integriert, zum einen durch ein reiches Vokabular instrumentaler Gesten, zum anderen durch die gesprochene Sprache, wenn beide Musiker den Text, in Silben getrennt, in ihr Spiel einbeziehen.

Dieser Einbezug von vokalem Material in das Klanggefüge gelingt noch überzeugender in 'Akt Zeichnung' für Bariton und kleines Ensemble. Das Ensemble ist wie ein Spiegel der Gesangsstimme, geflüsterte und gesprochene Wortfetzen finden Echo und Klangraum in den Stimmaktionen der Instrumentalisten. Doch auch der Instrumentalklang wird sprachlich ausgeleuchtet, wenn der Sprachrhythmus durch Klangaktionen des Ensembles verdoppelt oder weitergeführt wird. Mit dem wortgewandten Bariton Guillermo Anzorena und dem ensemble mosaik unter der Leitung von Enno Poppe gelingt hier eine hochvirtuose, mitreißende Interpretation à bout de souffle.

Elena Mendoza erweist sich in ihren Kompositionen als Meisterin kleiner Übergänge. Musikalische Texturen werden unmerklich ineinander gefügt und wandeln ihre Gestalt, wodurch die Musik eine äußerst charakteristische Zeichnung erhält. Dieser gleichsam musikdramatische Impetus lässt sich in vielen Werken nachspüren, so im 'Breviario de espejismos' für Gitarre solo, einem Beitrag für das Goya-Projekt Jürgen Rucks, oder in der Komposition 'Diptico', die sich auf die Techniken der Ars Nova bezieht. Kleinste rhythmische und thematische Klanggestalten treten in einen Dialog und entwickeln sich auf ganz unvorhersehbare Art und Weise zu neuen Wesen.

Bei aller Komplexität in der formalen Anlage und bei allem klanglichen Reichtum bleibt die Musik immer filigran und durchhörbar. Elena Mendoza schafft eine breite Palette von tonalen und Geräuschklängen, die sie sehr bewusst, beinahe schon pointillistisch, ohne jede Redundanz einsetzt, immer in der Absicht, musikalische Figuren deutlicher zu charakterisieren oder eben auch ihre Identität zu verschleiern. Solch ein Changieren klanglicher Charaktere erlebt der Hörer auch im Klavierquartett „Nebelsplitter“, eine Arbeit, die in direktem Zusammenhang mit Mendozas jüngstem Werk für das Musiktheater, 'Niebla', steht.

So bietet diese Zusammenstellung in idiomatischen Interpretationen ein schönes Portrait des musikalischen Gedankenbaus von Elena Mendoza, mit all seinen zahlreichen Wirklichkeiten und Unwirklichkeiten.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:





Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mendoza, Elena: Kammermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Spielzeit:
Aufnahmejahr:
Kairos
1
13.03.2009
062:08
2008
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
9120010281457
KAI 0012882


Cover vergössern

Mendoza, Elena


Cover vergössern

Kairos

KAIROS, das 1999 von Barbara Fränzen und Peter Oswald gegründete Label mit Sitz in Wien, widmet sich ausschließlich der Veröffentlichung von Werken Neuer Musik. Neben Werk- und Künstlerauswahl sind höchste Ansprüche in der Tontechnik und eine moderne Verpackung, unterstützt durch die Covergestaltung des österreichischen Malers Jakob Gasteiger, wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzepts.
KAIROS ist der erfüllte, der gelingende Augenblick. Mit diesem Wort benannte die griechische Antike die glückliche Übereinstimmung des Hier mit dem Jetzt, den günstigen Moment, der schicksalhaft entgegentritt und entschieden genutzt werden will.
KAIROS will jene erfüllte Zeit, die wir ?Musik? nennen, aufbewahren. Was musikalisch an der Zeit ist, heutigem Hören neue Räume und Erfahrungen öffnet, soll in Interpretationen, die den günstigen Moment ergriffen haben, für unsere Hörer gebannt werden.
Der Augenblick, und wäre er noch so schön, verweilt nicht. Aber er kann wiederkehren, und obwohl wir dann nicht mehr die selben sind, kann er uns erneut ergreifen und verwandeln. In diesem Sinn will KAIROS die Musik der Gegenwart, die unendlichen Abenteuer des Hörens, die sie bietet, der Zeitgenossenschaft zurückschenken. Damit die Gunst des Moments nicht ungenutzt vorüberzieht.
KAIROS will die Musik der Gegenwart wieder zu Musik für die Gegenwart machen. Dabei gehen wir in der Auswahl der Komponisten und ihrer Stücke keine Kompromisse ein: nur Musik, an deren Kraft und Fortbestehen wir glauben, die herausfordernde ästhetische Positionen einnimmt und neue Wege des Klangempfindens erschließt, soll in einer auf das individuelle Werk abgestimmten Aufnahmequalität präsentiert werden. Ausführliche, informative Booklets mit lesbaren Werkkommentaren und Beiträgen von Schriftstellern, die den Komponisten wahlverwandt sind, sollen nicht nur Musikkenner ansprechen sondern auch all jene neugierig machen, die neue künstlerische Entwicklungen unserer Zeit erleben wollen.
Die einzelne CD wird so zu einer Art Gesamtkunstwerk, ausgestattet mit einem Booklet, dessen Texte sich dem Nicht-Sagbaren der Musik auf essayistische, analytische und literarische Weise annähern, und in einer gleichermaßen kunstvollen wie praktikablen Box, deren Cover von dem österreichischen Künstler Jakob Gasteiger gestaltet sind. KAIROS: Musik als Wegbegleitung für den Aufbruch in neue Zeitalter.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Kairos:

blättern

Alle Kritiken von Kairos...

Weitere CD-Besprechungen von Paul Hübner:

  • Zur Kritik... Klangräume 2010: Im Jahr 2010 stand das Streichquartett im Zentrum der Donaueschinger Musiktage, folglich rückt es auch in der von NEOS veröffentlichten Dokumentation dieser Veranstaltung ins Zentrum. Daneben gibt es auch Orchesterstücke zu hören. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangschach: Zug um Zug: Mark Andrés 'Musiktheater-Passion' ist ein faszinierendes Klangerlebnis, nicht zuletzt dank der exzellenten klanglichen Umsetzung. Weiter...
    (Paul Hübner, )
  • Zur Kritik... Klangrealistische Referenzen: Zu Helmut Lachenmanns 75. Geburtstag legt WERGO drei Referenzaufnahmen neu auf. Weiter...
    (Paul Hübner, )
blättern

Alle Kritiken von Paul Hübner...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Eine neue Hoffnung: Episode IV im Mahlerzyklus von Osmo Vänskä und dem Minnesota Orchestra bietet großes Kino mit kleineren Schwächen im Drehbuch. Weiter...
    (Daniel Eberhard, )
  • Zur Kritik... Neugier und Leidenschaft: 'An American Song Album' macht neugierig, beglückt in hohem Maß und gehört zu jenen CDs, die mehrmals im Jahr durchgehört werden sollten. Weiter...
    (Benjamin Künzel, )
  • Zur Kritik... Unter dem Regenbogen: Alfredo Casella sollte man als Opernkomponisten nicht unterschätzen – die vorliegende Turiner Produktion vom April 2016 unter Gianandrea Noseda ist weit mehr als eine Ehrenrettung. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (8/2019) herunterladen (3670 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Adolf Hasse: Sonata op.2 in D-Dur - Allegro

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich