> > > Mozart, Wolfgang Amadeus: Sämtliche Freimaurermusik
Dienstag, 10. Dezember 2019

Mozart, Wolfgang Amadeus - Sämtliche Freimaurermusik

Winkel- und Zirkelzüge


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Ein spannend ordnender Zugriff auf Mozarts Werk, aber musikalisch nicht vollkommen überzeugend umgesetzt.

Durch die Umrankung mit Verschwörungskitsch und -trash werden Illuminaten und Freimaurer heute weitgehend unter Vorzeichen gemittelt paranoischer Bedrohungsprognosen in einen Topf geworfen. Dabei sind diese antiklerikalen und antiabsolutistischen Veranstaltungen doch etwas sympathisches. Berührungen zwischen den aus dem Mittelalter herübergekommenen Freimaurern (die sich 1717 erstmals in der Großloge von England modern organisierten) und den Illuminaten (die Johann Adam Weishaupt 1776 gegen die Jesuiten gründete, indem er die Vereinsstruktur der Jesuiten kopierte) kam es erst um 1780: durch die Mithilfe des Freiherrn von Knigge. Wenn es um berühmte Mitglieder geht, fällt unter großen Namen des 18. Jahrhunderts zumeist auch recht bald der Mozarts, und der Dirigent Roberto Paternostro ist einer schönen Idee gefolgt, indem er die 'Maurerische Musik' Mozarts zusammenstellte.

Der Zusatz ‚Sämtliche Freimaurermusik’ verunsichert aber diese Idee, schwächt den Zusammenhang der Stücke: denn je schärfer die Grenze gezogen ist, umso dringlicher stellt sich die Frage, was das denn für eine Musik sei. Auf der CD finden sich neben Liedern, Chören, kleinen Kantaten oder der berühmten 'Maurerischen Trauermusik', deren Text oder Titel die Zugehörigkeit bestimmt, auch Werke mit echt musikalischen Bezügen. Die Fuge KV 546 etwa arbeitet rhythmisch mit Freimaurersignalen und starker Tonartensymbolik, die beiden langsamen Bläsersätze KV 410 und 411 gelten als Teil einer Ritualmusik. Aber auch das Klarinettenkonzert ist in Logen gespielt worden, und die 'Zauberflöte' wird nicht selten als das berühmteste Freimaurerwerkstück Mozarts überhaupt bezeichnet.

Auch gibt sich das Booklet recht karg in der Verteilung historischer Informationen, die Anmerkungen sind qualitätvoll, aber kurz. Im Grunde kein Wort zu den Texten, die ja den Kitt der ganzen CD erst ausmachen. Die Literatur der Aufklärung, und vielleicht ihre Lyrik besonders, hat es nicht leicht gehabt, und ist im Laufe der Zeit von mehreren Genieästhetiken und Manierismusströmungen zwar mit verschiedener Schärfe, aber doch mit einhelliger Regelmäßigkeit angegriffen und herabgemindert worden; das wird wohl noch auf lange Zeit auch weiterhin in unsren Knochen stecken. Dabei sind es auf der Oberfläche zwar einfache, heitere und schöne Dichtungen, wie sie in Deutschland selten Mode waren, aber doch nicht alle aus unbekannten Federn. 'Dir, Seele des Weltalls' etwa ist eine Dichtung von Lorenz Leopold Haschka, bekannt als Texter der nachmals deutschen Nationalhymne 'Gott erhalte Franz den Kaiser'.

Allerdings ist der musikalische Inhalt der CD nicht ganz so spannend wie das Programm. Neben dem Dirigenten Roberto Paternostro ist der Tenor Heo Young-Hoon der Protagonist, mit ihnen spielen das Kassel Spohr Chamber Orchestra sowie Alberto Bertino, der den Klavierpart in den Liedern übernimmt.

Bemerkenswert ist sicherlich die Lesart der Maurerischen Trauermusik KV 477, die nicht mehr erhaben düster und würdig langsam wie etwa noch bei Otto Klemperer einherschreitet, sondern ein lockeres, befreiteres Tempo vorlegt, mit einem Wort: nicht ganz so ernst ist. Und wirklich wurde das Stück ja für eine rituell inszenierte, nicht für eine buchstäbliche Beerdigung geschrieben, also nicht auf endgültigen Ernst ausgerichtet, sonder auf mythische Passagen. Auch Mozarts eigene Bearbeitung der Fuge in c-Moll KV 546 für Streicherensemble ist solide musiziert, wenn auch nicht völlig kernig im Klang und zupackend in der Gliederung. Tenor Young-Hoon aber kann nur in wenigen Momenten überzeugen. Zum einen ist der Text nicht immer volldeutlich artikuliert, und zum anderen geraten die Emotionen durchgängig sehr gleichmäßig, und scheinbar unberührt von dem, was gesungen wird. So kommt etwa in 'Die Maurerfreude' KV 471 nichts einer Freude vergleichbares in die Stimme, und die Verse 'Das ist das Jubelfest der Maurer, / das der Triumph der Maurer!' klingen wie die Verse aus dem Kantatenfragment KV 429 'Dass laue Zephiretten / aus süßen Blumenketten' etc., distanziert und teilnahmslos musiziert.

Der Männerchor der Staatsoper Kassel hingegen gibt mit dem Kammerorchester einen schlüssigen, fein balancierten Gesamtklang, und in den Chören tritt auch zuversichtliche Energie zu Tage: ans Tageslicht, sollte es heißen. Denn diese Zuversicht ist dem nüchternen Blick der Aufklärung Pathos. Etwas pathetische Zuversicht bräuchte es auch heute bei Versen wie denen Emanuel Schikaneders, die der 'Kleinen Freimaurer-Kantate' KV 623 zu Grunde liegen: 'Süß der Gedanke, dass nun die Menschheit / wieder einen Platz unter Menschen gewann.'

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Tobias Roth Kritik von Tobias Roth,


Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.



Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



Cover vergrößern

    Mozart, Wolfgang Amadeus: Sämtliche Freimaurermusik

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
30.01.2009
Medium:
EAN:

CD
747313089772


Cover vergössern

Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


Mehr Info...


Cover vergössern
Jetzt kaufen bei...

Titel bei JPC kaufen


Weitere Besprechungen zum Label/Verlag Naxos:

  • Zur Kritik... Schumann reloaded: Das groß angelegte Schumann-Projekt des Klavierduos Eckerle biegt auf die Zielgerade ein. Weiter...
    (Thomas Gehrig, )
  • Zur Kritik... Luft nach oben: Auf einer neuen Naxos-Platte spielen Charles Wetherbee und David Korevaar die drei Violinsonaten von Paul Juon. Auf eine wirklich befriedigende Interpretation muss man weiter warten. Weiter...
    (Jan Kampmeier, )
  • Zur Kritik... Brisant zugespitzt: Eine lebendig packende Berlioz-Interpretation ist dem Orchestre National de Lyon mit seiner neuen CD unter Leonard Slatkin gelungen. Weiter...
    (Prof. Kurt Witterstätter, )
blättern

Alle Kritiken von Naxos...

Weitere CD-Besprechungen von Tobias Roth:

  • Zur Kritik... Die Schäfer im Salon: Pastorale Kammerkantaten von Nicola Porpora in einer gelungenen Interpretation des Ensembles Stile Galante und der Mezzosopranistin Marina De Liso. Weiter...
    (Tobias Roth, )
  • Zur Kritik... Nicht und nie genug: Ekaterina Derzhavina hat sämtliche Klaviersonaten Joseph Haydns eingespielt - und überzeugt dabei soweit es diese Musik zulässt. Weiter...
    (Tobias Roth, )
  • Zur Kritik... Aus der Zeit: Das Duo Arp Frantz präsentiert einen gelungenen Brückenschlag zwischen Johann Sebastian Bach und György Kurtág. Weiter...
    (Tobias Roth, )
blättern

Alle Kritiken von Tobias Roth...

Weitere Kritiken interessanter Labels:

  • Zur Kritik... Große und kleine Dimension: Gerhard Weinberger beweist seine Meisterschaft in Regers monumentalem Opus 127 wie in den feinen Choralvorspielen. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
  • Zur Kritik... Neapolitanische Volkstragödie: Die szenische Wiederentdeckung von Pierantonio Tascas Verismo-Reißer 'A Santa Lucia' in Dessau macht auch rein akustisch Effekt. Weiter...
    (Karin Coper, )
  • Zur Kritik... Wohlig-warm: Brahms in Altmodisch von Jukka-Pekka Saraste und dem WDR Sinfonieorchester. Weiter...
    (Dr. Jürgen Schaarwächter, )
blättern

Alle CD-Kritiken...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Franz Schubert: Winterreise op. 89, D 911 - Der Lindenbaum

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich