> > > Schubert, Franz: Sämtliche Ouvertüren Vol. 1
Samstag, 28. Mai 2022

Schubert, Franz - Sämtliche Ouvertüren Vol. 1

Dramen ohne Leidenschaft


Label/Verlag: Naxos
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Schuberts musikdramatisches Frühwerk bleibt auf dieser CD leider recht farb- und leblos.

Wann haben Sie zuletzt ein Bühnenwerk von Schubert gesehen? Falls Sie diese Frage mit ‚noch nie’ beantworten, ist das trotzdem kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Denn Schuberts lebzeitiges zähes Ringen mit diesem Genre würde beinahe schon selbst als Stoff für eine Oper – am treffendsten wohl mit dem Titel ‚Die unendliche Geschichte’ – taugen. Fast folgerichtig sind heutzutage die Früchte seiner Arbeit auf diesem Gebiet auch kaum einmal auf den Spielplänen der Theater anzutreffen. Davon, dass es Schubert indessen keineswegs an Interesse für die Vertonung literarischer Vorlagen mangelte, zeugen zwei bei Naxos erschienene CDs, auf denen quasi als Spiegelbild aller Bemühungen seine sämtlichen Ouvertüren enthalten sind. Auf dem vorliegenden ersten Album nehmen die unterm Strich recht erfolglosen, vor allem aber undurchsichtigen Versuche ihren Anfang, denn schon bezgl. der hierauf enthaltenen Werke ist die Musikwissenschaft bis heute mehrfach auf Mutmaßungen angewiesen. So kann nicht mehr als angenommen werden, dass Schubert – im Alter von gerade einmal 14 Jahren – seinen ersten Gehversuch auf musikdramatischem Gebiet mit dem Singspiel 'Der Spiegelritter'‘ D 11 unternahm. Bei einem solchen blieb es zunächst auch, denn die Arbeit daran brach er nach dem ersten Akt ab. Aus etwa der gleichen Zeit stammen vermutlich die Ouvertüre zu der Komödie mit dem skurrilen Titel 'Der Teufel als Hydraulicus' D 4 sowie die beiden D-Dur-Konzertouvertüren D 12 und 36, deren letztere später jedoch revidiert wurde. Den nächsten Anlauf nahm der jugendliche Schubert mit Des Teufels Lustschloss’ D 84, bei dem er vermutlich aber von seinem Lehrer Salieri angeleitet wurde. Nähere Ausführungen zu damaligen Erfolgen erübrigen sich, betrachtet man die Tatsache, dass die szenische Uraufführung sage und schreibe erst 1978 erfolgte, und auch das einaktige Singspiel ‘Der vierjährige Posten’ sowie die Musik zu ‘Die Freunde von Salamanca’ wurden  niemals zu Schuberts Lebzeiten, sondern erst 1896 bzw. 1928 erstmals aufgeführt. Von Goethe stammt der Text zu einem weiteren Singspiel namens ‘Claudine von Villa Bella’. Die Musik hierzu ist jedoch nur noch fragmentarisch enthalten, denn der zweite und dritte Akt wurden – ebenso wie ein Teile von ‘Des Teufels Lustschloss’ – nach Schuberts Tod bei einem Feuer im Haushalt seines Freundes Hüttenbrenner ein Raub der Flammen. Von einer Ouvertüre in B-Dur D 470 wissen wir schließlich nicht einmal genau, zu welcher Handlung sie komponiert wurde.

So viel also zu den Irrungen und Wirrungen rund um Schuberts frühes Bühnenschaffen. Eingespielt hat die Kompilation das erst neu entstandene Orchester Prague Sinfonia, das von Christian Benda geleitet wird und als erweiterte Formation aus dem ehemaligen Prager Kammerorchester hervorgegangen ist. Sattes Streichertimbre sowie akkurat miteinander verschmelzendes Holz und Blech knüpfen einen an sich zwar homogenen und transparenten Klangteppich, doch zieht sich durch die Interpretationen leider wie roter Faden ihr chronischer Mangel an dynamischen und agogischen Akzenten. Zu brav und stromlinienförmig kommen die Deutungen alles in allem daher, fast behäbig wirkt gelegentlich die Phrasierung, zu der sich stellenweise auch noch eher unbeholfen und befremdlich statt interpretatorisch durchdacht wirkende Temposchwankungen gesellen. Als unvermeidliche Folge hat man ein ums andere Mal beinahe den Eindruck, als hätten die Musiker vergessen, dass es sich hier um die Darstellung dramatischer Stoffe handelt, und so lässt sich am Ende nur konstatieren, dass Schuberts Partituren mit ihrem Reichtum an rauschenden Crescendi und Modulationen wesentlich mehr musikalischen Zündstoff bergen, als der Klangkörper dies vermittelt. Auf eine Kurzformel gebracht: Bietet die CD zwar in jedem Fall spannende und lohnende Eindrücke von der bemerkenswerten kompositorischen Reife des erst 14- bis 19-jährigen Schubert, so hätte man aus diesen Ouvertüren doch um einiges mehr machen können.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Thomas  Gehrig Kritik von Thomas Gehrig,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Schubert, Franz: Sämtliche Ouvertüren Vol. 1

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Naxos
1
16.01.2009
Medium:
EAN:

CD
747313032877


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Naxos

Als der Unternehmer Klaus Heymann 1982 für seine Frau, die Geigerin Takako Nishizaki in Hongkong das Plattenlabel Marco Polo gründete, war dies der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. Fünf Jahre später rief Heymann das Label NAXOS ins Leben, das in der Klassikwelt längst zur festen Größe geworden ist und es bis heute versteht, hohe Qualität zu günstigen Preisen anzubieten. Der einzigartige und sich ständig erweiternde Katalog des Labels umfasst mittlerweile über 8.000 CDs mit mehr als 130.000 Titeln - von Kostbarkeiten der Alten Musik über sämtliche berühmten "Klassiker" bis hin zu Schlüsselwerken des 21. Jahrhunderts. Dabei wird der Klassik-Neuling ebenso fündig wie der Klassikliebhaber oder -sammler. International bekannte Künstler wie das Kodály Quartet, die Geigerin Tianwa Yang, der Pianist Eldar Nebolsin und die Dirigenten Marin Alsop, Antoni Wit, Leonard Slatkin und Jun Märkl werden von NAXOS betreut. Darüber hinaus setzt NAXOS modernste Aufnahmetechniken ein, um höchste Klangqualität bei seinen Produktionen zu erreichen und ist Vorreiter in der Produktion von hochauflösenden Blu-ray Audios - Grund genug für das renommierte britische Fachmagazin "Gramophone", NAXOS zum "Label of the Year" 2005 zu küren. Auch im digitalen Bereich nimmt NAXOS eine Vorreiterrolle ein: Bereits seit 2004 bietet das Label mit der NAXOS MUSIC LIBRARY ein eigenes Streamingportal mit inzwischen über 1 Million Titel an und unterhält mit ClassicsOnline zudem einen eigenen Download-Shop.


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