> > > Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Der Nussknacker
Mittwoch, 20. Oktober 2021

Tschaikowsky, Peter Iljitsch - Der Nussknacker

Traum im Pazifik-Pavillon


Label/Verlag: Opus Arte
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Tschaikowskys ‘Nussknacker’-Ballett holt Helgi Tomasson mit seinem San Francisco-Ballett an die amerikanische Westküste der viktorianischen Zeit.

Wie ist der gute alte ‘Nussknacker’ nach E.T.A. Hoffmanns unheimlicher Mäusekönig-Erzählung in den letzten Jahren nicht aus dem großbürgerlichen Weihnachts-Salon der Stahlbaums verwandelt worden: In Techno-Landschaften, Metzger-Wurstküchen und in tiefenpsychologische Kabinette. Peter Tschaikowskys zweiaktiges Ballett erscheint mit seinen heimeligen Festtagsklängen, seinem schauerlichen Mäuse-Gepfeife, seinem Schneewalzer und seinen weltläufigen Divertissement-Miniaturen so unverwüstlich, dass es so ziemlich alles aushält.

In die abartigsten Deutungen versteigt sich die nun als DVD bei Opus Arte vorliegende Deutung Helgi Tomassons mit seinem San Francisco Ballett nicht. Tomasson bleibt auf dem Sprung aus dem biedermeierlichen Deutschland von Mitte des 19. Jahrhunderts in unsere Jahrtausendwende sozusagen auf halbem Weg stehen: Für ihn ist es das viktorianische San Franzisko mit seinen Pavillons im Empire-Stil zur vorigen Jahrhundertwende wert, dort in den Wiederaufbau-Jahren nach dem verheerenden Erdbeben von 1906 inne zu halten. Das deutsch-englisch-französische Beiheft propagiert diese Goldgräberzeit um die Panamakanal-Eröffnung an der Westküste neben sachdienlichen Tanzinformationen ausgiebig.

Paten-Onkel Drosselmeier der kleinen Klara betreibt an der Pazifik-Küste einen Spielwaren-Laden. Zum Weihnachtsabend der Stahlbaums kommt der elegante Spielwaren-Händler im blau fliegenden Frack natürlich mit einer Vielzahl von Geschenken und Zauberkunst-Stücken in die viktorianische Villa. Tomasson und seinem Ausstatter Michael Yeargan gelingen da eine ganze Reihe hübscher Genrebilder. Zu Tschaikowskys Steckenpferd-Galopp tanzt die pazifische Festgesellschaft natürlich launigen Squaredance. Das Auspacken und Verstauen der natürlich lebensgroßen, quirlig tanzenden Geschenk-Puppen klappt wie am Schnürchen.

Die junge Elizabeth Powell darf als flink und in unbekümmerter Natürlichkeit tanzende Klara das alles erleben. Der verschroben-geheimnisvolle Drosselmeier von Damian Smith schiebt sie auf ihrem Sofa in ihre Traumwelt. Da treffen dann stramm exerzierende, rote Zinnsoldaten auf die Mäuse mit ihren riesigen Masken und deren König mit goldener Krone. Das ist die Märchenwelt wie gehabt ohne die Verfremdungen des Tanztheaters der letzten Jahrzehnte. Drastisch führt uns Tomasson den Untergang des Bösen mit einer riesigen Mausefalle vor Augen: Kopfüber stürzt der überwältigtes Mäusekönig in den Orchestergraben, aus dem das San Francisco Ballet Orchestra unter Martin West mit schwelgerischem Klang und rhythmischem Temperament spielt.

Drosselmeier erweckt für Klara nicht nur den dynamisch agilen Prinzen David Karaptyans, sondern auch die kräftig eingeschneiten Schneeflocken mit ihrer in flüssiger Eleganz tanzenden Königin Yuan Yuan Tan. Hier bietet Tomasson mit anspruchsvollen Schneeflocken-Soli in brillanter Virtuosität mehr als die sonst lediglich üblichen Formationstänze. Auch das Divertissement, das sich Klara nicht mit ihrem Prinzen, sondern gemeinsam mit Patenonkel Drosselmeier im Pazifik-Pavillon anschauen darf, gestaltet Tomasson mit beziehungsreichen Attributen Michael Yeargans wie chinesischen Drachen, Aladins Wunderlampe und den russischen Eiern entsprungenen Trepak-Tänzern höchst pittoresk und rasant. Das alles wurde in befriedigender Regie und Bildführung optisch umgesetzt. In zeremonieller Attitüde dirigiert Blumenfee Vanessa Zahorian dieses tänzerische Schaugepränge.

Manches wie die Insekten-Tänzchen der San Francisco-Eleven fällt auf Ballettschulaufführungs-Niveau ab. Auch der apotheotisch-virtuose Schluss mit dem Grand Pas de Deux geht kaum über den Standard von Marius Petipas hinaus. Anstelle der Traum-Zuschauerin Klara, die in einer Geschenk-Box verschwindet, tanzt ihn die Ballerina Maria Kochetkowa in flockenweichen Motionen, doch ohne die rechte Brillanz mit dem in müheloser Elastizität federnden David Karapetyan. Das spritzige Schluss-Defilee entschädigt wieder für manche konventionelle Szene.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:
Features:
Regie:







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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Tschaikowsky, Peter Iljitsch: Der Nussknacker

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Opus Arte
1
28.11.2008
Medium:
EAN:

DVD
809478010029


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