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Sonntag, 28. November 2021

Peter Schreier singt - Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy

Mendelssohns Wirklichkeit


Label/Verlag: Berlin Classics
Detailinformationen zum besprochenen Titel


Peter Schreiers Aufnahmen von Mendelssohns Liedern haben bis heute Referenzcharakter. Anlässlich des Mendelssohn-Jahres spricht er mit Peter Gülke und Kurt Masur über eine noch zu entdeckende Komponistenpersönlichkeit.

Niemand würde die Bedeutung Felix Mendelssohn-Bartholdys heute ernsthaft in Abrede stellen, und dennoch gehört er auf gewisse Art und Weise zu den unterschätzten Komponisten, trotz großer Präsenz in den Konzertprogrammen. So richtig warm geworden ist das Publikum eigentlich nur mit seinen Sinfonien und Oratorien, hier und da darf einmal eine Ouvertüre ein Sinfoniekonzert eröffnen. Vielleicht liegt es an der Zäsur des Nationalsozialismus und dem Wegbrechen einer bürgerlichen Musikkultur, dass insbesondere den „kleineren“ Werken Mendelssohns bis heute nicht die Aufmerksamkeit zukommt, die ihnen gebührt. Das Liedschaffen Mendelssohns wird immer noch als nebensächlich abgetan; seine zahlreichen Liederzyklen hätten der Gattung nichts Neues hinzugefügt.

Mit diesem Argument könnte man jedoch auch einigen Sonaten Mozarts oder Palestrinas Messen den Garaus machen, und so kann man Peter Schreiers Aufnahme von Mendelssohn-Liedern aus den frühen siebziger Jahren durchaus als epochal bezeichnen. Anlässlich des Jubiläumsjahres ist die Einspielung bei Berlin Classics neu herausgegeben worden, ergänzt um ein Gespräch Peter Schreiers mit Kurt Masur und Peter Gülke über Mendelssohns Werden und Wirken.

Felix Mendelssohn-Bartholdy, so stellt Peter Gülke klar, war ohne Zweifel eine der vollkommensten Künstlerpersönlichkeiten der Romantik. Geboren in eine Familie, deren Bildungsanspruch Schwindel erregend hoch war, war Mendelssohn nicht nur ein feinsinniger Komponist, sondern ebenso ein hervorragender Zeichner, eloquenter Schriftsteller – seine Briefe zählen zu den tiefsinnigsten, die uns aus der Zeit überliefert sind – und ein gewissenhafter Dirigent, der den Qualitätsanspruch deutscher Orchester neu formulierte.

Allein seine Ausgrabung von Bachs 'Matthäuspassion' sichert Mendelssohn einen eigenen Platz in der Musikgeschichte, die ohne ihn sicher eine andere geworden wäre. Dieser enzyklopädische Reichtum der Figur Mendelssohns wird erst langsam entdeckt und formuliert, nachdem er von der Musikwissenschaft jahrelang sträflich vernachlässigt wurde.Besonders der Vergleich zwischen dem Liedschaffen Franz Schuberts und dem Mendelssohns fiel immer zuungunsten Mendelssohns aus – bis Peter Schreier zeigte, dass hier durchaus die gleiche Qualität vorhanden war.

Mendelssohns Lieder sind, in ihrer soziologischen Bindung an den bürgerlichen Raum, diskret in der formalen Gestaltung und dennoch voller Überraschungen und unerwarteter Höhepunkte. Sie benötigen jedoch eine unmanierierte Interpretation: Die Gedichte, die Mendelssohn vertonte, sind schon voller Musik, und wenn der Sänger die Worte einfach nur singt, die Möglichkeiten der Sprache ausnutzt, dann entsteht bereits ein Subtext, eine Interpretation, die alle Feinheiten des Textes mitsamt seiner Metaebenen übermittelt.Im gleichen Sinne begleitet Walter Olbertz am Klavier: unprätentiös, mit tiefem Einfühlungsvermögen, ohne jeden Drang zu romantisieren.

Musik teilt sich mit, und Töne haben eine Bestimmtheit – so hat es Mendelssohn selbst einmal formuliert – an die das Wort nicht herankommt. Vielleicht war er, einer der intelligentesten Komponistenpersönlichkeiten seiner Zeit, deshalb so schweigsam, was das Erläutern seiner Musik betrifft. Peter Gülke, Kurt Masur und Peter Schreier haben dies nachgeholt, doch am innigsten begreift man den Komponisten und Menschen Felix Mendelssohn, wenn man seiner Musik mit offenen Ohren zuhört.

Interpretation:
Klangqualität:
Repertoirewert: 
Booklet:




Paul Hübner Kritik von Paul Hübner,


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Detail-Informationen zum vorliegenden Titel:



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    Peter Schreier singt : Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy

Label:
Anzahl Medien:
Veröffentlichung:
Berlin Classics
2
20.02.2009
Medium:
EAN:
BestellNr.:

CD
782124846428
0184642BC


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"Kurz vor Beginn des Mendelssohn-Jahres 2009 lud Maestro Kurt Masur seinen langjährigen künstlerischen Weggefährten Peter Schreier und den Dirigenten und Musikwissenschaftler Peter Gülke nach Leipzig ein, um sich mit ihnen über diesen noch immer unterschätzten Komponisten im Studio auszutauschen. Kurt Masur ist neben seinen zahlreichen künstlerischen Verpflichtungen auch Präsident der Felix-Mendelssohn- Bartholdy-Stiftung und setzt sich mit Nachdruck für Mendelssohn ein, der als Gewandhauskapellmeister auch ein Vorgänger Masurs war. Ausgangspunkt der Gesprächsrunde ist die Aufnahme Mendelssohnscher Lieder, die Peter Schreier zusammen mit dem Pianisten Walter Olbertz Anfang der siebziger Jahre gemacht hat und die bis heute als beispielhaft gilt. Persönliche Erlebnisse und historische Erörterungen fließen informativ und unterhaltsam ineinander und vermitteln ein eindrückliches Bild einer faszinierend vielseitigen Künstlerpersönlichkeit. Eine kurzweilige Stunde wird zum fesselnden Plädoyer, das neugierig auf die komplette legendäre Schreier-Aufnahme macht, die auf der zweiten CD in diesem Set ebenfalls enthalten ist."


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Berlin Classics

Berlin Classics (BC) ist das Klassik-Label der Edel Germany GmbH. Es ist das Forum für zahlreiche bedeutende historische Aufnahmen, wichtige Beiträge der musikalischen Zentren Leipzig, Dresden und Berlin sowie maßgebliche Neuproduktionen mit etablierten und aufstrebenden jungen Klassik-Künstlern. Dazu zählen etablierte Stars, wie z.B. die Klarinettistin Sharon Kam, die Pianisten Ragna Schirmer, Sebastian Knauer, Matthias Kirschnereit, Anna Gourari und Lars Vogt, die Sopranistin Christiane Karg oder auch die Ensembles Concerto Köln, Pera Ensemble, sowie der Dresdner Kreuzchor und das Vocal Concert Dresden. Mehrfach wurden Produktionen mit einem Echo-Preis ausgezeichnet. Im Katalog von Berlin Classics befinden sich Aufnahmen mit Kurt Masur, Herbert Blomstedt, Kurt Sanderling, Franz Konwitschny, Hermann Abendroth, Günther Ramin, Peter Schreier, Ludwig Güttler, Dietrich Fischer-Dieskau, die Staatskapellen Dresden und Berlin, das Gewandhausorchester Leipzig, die Dresdner Philharmonie, die Rundfunkchöre Leipzig und Berlin, der Dresdner Kreuzchor und der Thomanerchor Leipzig. Sukzesssive wird dieses historische Repertoire für den interessierten Hörer auf CD wieder zugänglich gemacht, wobei die künstlerisch hochrangigen Analogaufnamen mit größter Sorgfalt unter Anwendung der Sonic Solutions NoNoise-Technik bearbeitet werden, um sie an digitalen Klangstandard anzugleichen.


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